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DFB-Trainer Joachim Löw hat seinen EM-kader noch nicht gefunden.
DFB-Trainer Joachim Löw hat seinen EM-kader noch nicht gefunden.(Foto: imago/Michael Weber)

DFB-Testspiele in der Taktikanalyse: Löws steiniger Weg zur EM

Von Constantin Eckner

Erstmals seit dem Gewinn des WM-Titels überzeugt die deutsche Nationalmannschaft gegen Italien im Duell mit einem hochklassigen Gegner. Nichtsdestotrotz hakt es an allen Ecken. Joachim Löws Personalwahl ist Teil des aktuellen Problems.

Nach den Testspielen der DFB-Elf gegen England und Italien geht es für alle Nationalspieler in die Endphase der Saison. Bundestrainer Löw muss unterdessen grübeln, wie er seine Mannschaft bis zur Europameisterschaft auf Kurs bringt. Wie lauten die Erkenntnisse aus den letzten Spielen?

1. Mischung in der Abwehr

Die beiden Außenverteidigerpositionen wurden schon seit langem als die deutlichen Schwachstellen im deutschen Team ausgemacht. Löw versuchte es in den letzten Jahren mit diversen Spielern. Lediglich Kölns Jonas Hector konnte ansatzweise überzeugen. Doch die Besetzung der beiden Außenpositionen in der Viererkette darf nicht für sich isoliert betrachtet werden. Deutschland hat im Moment große Probleme, die richtige Spielerkombination zu finden.

(Foto: cec)

Gegen England spielte Emre Can als Rechtsverteidiger neben Antonio Rüdiger. Da Letzterer oftmals in Manndeckung gegen einen englischen Angreifer stand, öffnete sich zwischen beiden eine große Lücke. Sie harmonierten nicht miteinander. Die ständigen Umstellungen und neu zusammengestellten Abwehrreihen helfen hierbei natürlich nicht.

Mats Hummels und Jérôme Boateng sind zur EM in der Innenverteidigung gesetzt. Bleibt die Frage, ob Löw womöglich wieder auf Benedikt Höwedes als Außenverteidiger vertraut, wie er es bereits bei der Weltmeisterschaft in Brasilien tat. Die vielen Gegentore in den Test- und Qualifikationspartien könnten den Bundestrainer einmal mehr dazu bewegen, zum Turnier das Augenmerk stärker auf defensive Stabilität zu legen.

Gegen Italien versuchte es Löw mit einer Dreier-/ Fünferkette. Hector sowie Sebastian Rudy waren in der Offensive sehr präsent. Doch unter Wettbewerbsbedingungen könnte auch hierbei die richtige Mischung in der Abwehr und auf den Flügeln ein Problem bleiben. Würde der Bundestrainer auf Offensivspieler auf den Außenbahnen setzen oder doch lieber zwei defensivstarke Flügelverteidiger aufs Feld schicken? In beiden Fällen ergäben sich Nachteile für das deutsche Team.

2. Angriffsrhythmus finden

(Foto: cec)

In der Regel hat die deutsche Mannschaft Vorteile in puncto Ballbesitz. Es gibt jedoch zwei Varianten, hohe Ballbesitzanteile zu nutzen. Entweder die DFB-Elf konzentriert sich auf eine sehr ruhige und durchdachte Ballzirkulation. Oder aber es wird vermehrt steil in die Spitze gespielt. Für die zweite Variante wäre Mario Gomez als Mittelstürmer geeignet, weil er sich mit seiner Physis gegen Verteidiger durchsetzen kann und zudem in der Luft stets gefährlich ist.

Die steilen Anspiele würden jedoch auch die Anzahl an schnellen Ballverlusten und Umschaltsituationen erhöhen. Deutschland wäre gezwungen, im Gegenpressing die zweiten Bälle zu erobern. Dies gelang beim Testspiel gegen England in Ansätzen, als Sami Khedira und die anderen Mittelfeldspieler nach weiten Anspielen sehr schnell in Richtung der gegnerischen Abwehrkette nachrückten.

Möchte Löw jedoch längere Passstafetten sehen, wäre eine fluide Angriffsreihe mit drei oder vier agilen Spielern am ehesten denkbar. Man würde in diesem Fall den Ball am Boden halten und schnelle One-Touch-Kombinationen versuchen.

3. Stürmersituation unklar

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Für die zentrale Position in der angesprochenen Angriffsreihe ist Mario Götze wie geschaffen. Zusammen mit Kombinationspartnern wie Marco Reus und Mesut Özil könnte Bayerns Sorgenkind wie gegen Italien aufblühen. Thomas Müller würde sich derweil auf unnachahmliche Art in die offenen Zonen schleichen.

Allerdings gibt es neben Götze und Müller eigentlich keinen weiteren Stürmer, der im Zentrum eines auf Kombinationen ausgerichteten Sturms effektiv agieren könnte. Sowohl Reus als auch Kevin Volland und André Schürrle spielen zu geradlinig und brauchen zu viel Platz, als dass sie sich auf engstem Raum zwischen den Linien durchgehend behaupten könnten. Götze verkörpert derweil diese im deutschen Team einmalige Stärke.

4. Verwirrende Personalwahl

Dass Lukas Podolski im Jahr 2016 immer noch auf Einsatzminuten in der Nationalmannschaft kommt, spricht Bände. Löw muss seine Personalwahl überdenken. Nicht nur missachtet er Spieler wie Marcel Schmelzer, der mit seiner Spielintelligenz eine Verstärkung in der Außenverteidigung wäre, er hält auch zu lange an verdienten Akteuren fest.

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 In diesem Kontext wird es für aufstrebende Talente schwierig, in den A-Kader aufzurücken. Seit der WM im Jahr 2014 debütierten lediglich sechs Spieler unter Löw, obwohl der hiesige Fußball aktuell eine wahre Flut an Talenten erlebt.

Und hat Löw sich einmal auf einen neuen Spieler in einer bestimmten Rolle festgelegt, bleibt dieser oftmals unabhängig der gezeigten Leistungen im Team. Bestes Beispiel ist hierbei Emre Can. Der talentierte Mittelfeldspieler von Liverpool wurde bisher vornehmlich als Außenverteidiger eingesetzt, obwohl ihm augenscheinlich für diese Rolle gewisse Fähigkeiten fehlen.

Sicherlich sollte sich der Bundestrainer nicht von jedem kurzzeitigen Hype treiben lassen. Aber einige Positionsbesetzungen muss er überdenken und so manches Talent würde vom spielerischen Profil her seine Mannschaft verstärken. Das gilt insbesondere für Bayerns Joshua Kimmich in der Außenverteidigung der Viererkette und Dortmunds Julian Weigl als Backup im Mittelfeld.

5. Faktor Turniermannschaft

Deutschland besitzt den Ruf, eine Turniermannschaft zu sein. Dieses Attribut hat sich über Generationen hinweg aufgrund unterschiedlicher Fähigkeiten etabliert. Die aktuelle Nationalmannschaft kann sich vor allem durch taktische Anpassungen zur Turniermannschaft entwickeln.

Wenngleich die DFB-Elf in den Jahren zuvor in wichtigen Momenten versagte, veranschaulichte die WM 2014, wie effektiv Löw sein taktisches System auf die Gegebenheiten anpassen kann. Statt hauptsächlich auf die offensive Durchschlagskraft seines Teams zu vertrauen, wurde Löws strategischer Ansatz während des Turniers immer stärker von einem defensiven Grundgedanken geleitet.

In den entscheidenden KO-Spielen agierten Benedikt Höwedes und Philipp Lahm auf den Außenverteidigerpositionen äußerst zurückhaltend. Selten überquerten sie beispielsweise im Viertelfinale gegen Frankreich die Mittellinie.

Es entsprach womöglich nicht Löws grundsätzlichem Anspruch, aber er stabilisierte die zuvor wacklige Defensive. Ähnliches könnte man angesichts der durchwachsenen Test- und Qualifikationsspiele nun erneut sehen. Gewiss dürfen die zuletzt schwachen Auftritte nicht überbewertet werden, da die deutsche Mannschaft nie in Bestbesetzung spielte und mehrfach neue taktische Systeme ausprobierte. Genauso war diese italienische Mannschaft kein wirklicher Gradmesser.

Die zahlreichen Gegentore seit der WM müssen jedoch zu denken geben und könnten Löw erneut dazu veranlassen, die strategische Ausrichtung aufgrund der Anforderungen eines Turniers komplett zu verändern.

Quelle: n-tv.de

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