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Nuri Sahin (m.) inmitten seiner Mannschaft.
Nuri Sahin (m.) inmitten seiner Mannschaft.(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

BVB überrascht mit Sahins Rückkehr: Manchmal muss es die Gattin richten

Von Felix Meininghaus, Dortmund

Nuri Sahin rechnet nicht mit seinem Comeback nach 355 Tagen Verletzungspause. Doch seine Frau hat die richtige Eingebung. Seine beeindruckende Rückkehr ist nicht der einzige Dortmunder Glanzpunkt beim Sieg über Porto.

Wer genau wissen wollte, welches die letzte große Sehnsucht des Ballspielvereins Borussia Dortmund ist, der bekam vor dem Anpfiff der Europa-League-Begegnung gegen den FC Porto den nötigen Nachhilfeunterricht, als die schwarz-gelben Ultras auf der Südtribüne ihre neue Choreografie präsentierten. "Das Album vollenden, Ihr habt’s in den Händen", stand da zu lesen, der genaue Blick auf das hunderte Quadratmeter große Tuch verriet, worum es konkret geht: Von der Champions League, dem Weltpokal über den Europapokal, die Meisterschale und den DFB-Pokal hat der BVB bereits sämtliche verfügbare Trophäen in seinen Glasvitrinen stehen. Eine fehlt, und zwar der Uefa-Pokal.

Starke Leistung, starkes Team: Der BVB hat Aussicht auf den Pokal. Das soll vermutlich auch Aubameyangs Frisur ausdrücken.
Starke Leistung, starkes Team: Der BVB hat Aussicht auf den Pokal. Das soll vermutlich auch Aubameyangs Frisur ausdrücken.(Foto: imago/Uwe Kraft)

Es geht also darum, tunlichst den Wettbewerb zu gewinnen, der mittlerweile als Europa League firmiert. Um dieses Ziel ins Auge zu fassen, fordert Thomas Tuchel von seiner Belegschaft vor allem eins: Seriosität. Er sehe es gar nicht gern, verkündete Dortmunds Trainer vor dem Heimspiel gegen Porto, wenn in seinem Umfeld der kleinere Europokal als gering erachtet werde: "Wir dürfen nicht mit einem weinenden Auge Dienstag und Mittwoch Champions League schauen, sondern wir müssen die Euroleague zu unserem Wettbewerb machen."

Zorc: "Ein oder zwei Tore zu wenig"

An einem kalten Abend im Ruhrgebiet dürfte es ihm leicht gefallen sein, seiner Belegschaft dieses Ansinnen glaubhaft zu vermitteln. Der FC Porto gegen Borussia Dortmund, das ist doch gefühlte Königsklasse. 2004 (gegen den AS Monaco) und 1987 (gegen Bayern München mit dem legendären Hackentor von Madjer) gewannen die Portugiesen den wichtigsten europäischen Vereinswettbewerb, 1997 (gegen Juventus Turin mit dem ebenso legendären Heber von Lars Ricken) war der BVB ganz oben. Nun hat sich die Borussia in der Europa League mit dem souverän herausgespielten 2:0 (1:0) beste Voraussetzungen für das Erreichen des Achtelfinales geschaffen, auch wenn es Sportdirektor Michael Zorc sehr viel lieber gewesen wäre, hätte der BVB seine Dominanz in einen entscheidenden Vorsprung umgewandelt: "Für mein Gefühl haben wir ein oder zwei Tore zu wenig gemacht. Wir wissen alle, wie gefährlich Porto zuhause ist."

Dennoch dürfen sich die Dortmunder als Gewinner fühlen, weil sie vor 65.851 Besuchern im heimischen Stadion genau so stringent und spielbestimmend auftraten, wie es ihr Trainer von ihnen verlangt. Es gab viele Aspekte, die Tuchel Freude bereitet haben dürften. Da war Lukasz Piszczek, der seinen 59. Europapokal-Auftritt für den BVB ausgerechnet in der Woche mit dem ersten Tor krönte, in der sein zweites Kind das Licht der Welt erblickte. Da war der immer wieder von Verletzungen gebeutelte Marco Reus, dessen Knöchel hielt, obwohl das brutale Foul seines portugiesischen Gegenspielers den Tatbestand der vorsätzlichen Körperverletzung erfüllte.

Tuchels Überraschung

Und da war natürlich vor allem die Rückkehr von Nuri Sahin. Tuchel wartete zu Spielbeginn mit einer echten Überraschung auf, als er den Profi 355 Tage, nachdem er sich eine hartnäckige Leistenverletzung zugezogen hatte, zurück aufs Spielfeld schickte. Sein letztes Spiel für den BVB hatte der Türke am 28. Februar 2015 im Revierderby gegen Schalke bestritten, nun kam er für den erkälteten Ilkay Gündogan in die Startformation.

Der Rückkehrer präsentierte sich, als wäre er nie weg gewesen, forderte immer wieder den Ball und bemühte sich bis zu seiner Auswechselung nach einer knappen Stunde redlich, Struktur ins Dortmunder Spiel zu bringen. "Ballsicher, wie wir ihn kennen", lobte Zorc den Techniker, der im zarten Alter von zwölf zum BVB kam und 2005 mit 16 Jahren und 335 Tagen zum jüngsten Spieler der Bundesligageschichte wurde. Hummels fand es "beeindruckend, auf welchem Niveau Nuri zurückgekommen ist". Das hörte sich reichlich trocken an, verglichen zu der Eloge, zu der Tuchel ansetzte: "Nuri hat fantastisch gespielt, das war eine große Leistung nach dieser langen Pause." Sahin habe in den letzten Wochen "fantastisch trainiert, er brannte seit Wochen darauf, zu spielen. Ich bin glücklich, dass es geklappt hat."

Gut, dass die Frau an die Fußballsachen denkt: Nuri und Tugba Sahin.
Gut, dass die Frau an die Fußballsachen denkt: Nuri und Tugba Sahin.(Foto: imago/Sven Simon)

Dabei, so berichtete Sahin später in der Mixed Zone, habe er gar nicht mit einem Einsatz gerechnet, weil ihn vier Tage vor seinem Comeback noch eine Mandelentzündung gequält habe. Folglich sei der Rekonvaleszent am Morgen des Spiels auch in zivil zum Dortmunder Trainingsgelände aufgebrochen. "Zum Glück", berichtete Sahin, "hatte meine Frau Tugba die Eingebung, den Rollkoffer mit meinen Fußballklamotten ins Auto zu packen."

Eine weise Entscheidung der Gattin, denn auf dem Rasen schwang sich ihr Mann von der ersten Minute an zum Taktgeber des Dortmunder Spiels auf. Sahin ließ sich fallen, forderte den Ball und dirigierte, als sei er nie weg gewesen. 92 Prozent seiner Pässe erreichten in der ersten Halbzeit den Mitspieler, auch die Quote von 75 Prozent gewonnener Zweikämpfe ist herausragend.

Nach den Sternen greifen

Sahin scheint mit seinen strategischen Fähigkeiten ein Spieler zu sein, der Tuchels Vorstellungen von Fußball, die auf Ballbesitz und Dominanz fußen, perfekt umsetzen kann. "Man hat seine Qualitäten gesehen, auch wenn es noch nicht für 90 Minuten gereicht hat", lobte der junge Mitspieler Julian Weigl, der Sahin im defensiven Mittelfeld der Dortmunder ab sofort als ernstzunehmende Konkurrenz erleben wird.

Tuchel wird das gern sehen, schließlich kann er bei der Vielzahl der Spiele in drei Wettbewerben in den kommenden Wochen jeden Akteur gebrauchen, der seinen nicht gerade üppig besetzten Kader aufwertet. Immerhin wollen die Dortmunder und ihr Trainer in dieser Saison noch viel erreichen. Es könnte durchaus gelingen, nach Titeln zu greifen, wenn das Wechselspiel zwischen Angriff und Verteidigung so gut funktioniert wie in den 90 Minuten gegen Porto. Vor allem die Dortmunder Defensive, die in der Hinrunde noch manche Lücke offenbarte, erwies sich zuletzt als erstaunlich stabil. Vier Spiele mit insgesamt nur einem Gegentor sind die statistische Bestätigung, dass die Abläufe in der Hintermannschaft sehr viel reibungsloser funktionieren als in der ersten Saisonhälfte. Tuchel lobt eine "bessere Aufmerksamkeit, eine bessere Balance". Und weiter: "Struktur, Körperspannung, Fokussierung – ich bin mit dem momentanen Zustand sehr glücklich."

Die neue Dortmunder Sicherheit kann exemplarisch mit Abwehrchef Mats Hummels personalisiert werden. Der Weltmeister, der sich während der Hinrunde Patzer leistete und mit sich selbst haderte, präsentiert sich seit Wochen in bestechender Form, gegen Porto lieferte er eine überragende Partie. Woran das liegt, kann der 27-Jährige genau benennen. Er befinde sich "in einem ausgezeichneten physischen Zustand, den ich unbedingt zu halten versuche". Wie das funktioniert, weiß Hummels auch: "Viel Regeneration und gutes Essen."

Quelle: n-tv.de

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