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Nach zweieinhalb Jahren beim FC Schalke ist Kevin-Prince Boateng im Januar zum AC Mailand zurückgekehrt
Nach zweieinhalb Jahren beim FC Schalke ist Kevin-Prince Boateng im Januar zum AC Mailand zurückgekehrt(Foto: imago/Insidefoto)

Interview mit Kevin-Prince Boateng: "Mit Ballack geh' ich nicht Bier trinken"

Rausschmiss bei Schalke und Ghana, Staatsfeind Nummer Eins - Kevin-Prince Boateng hat genug erlebt, um ein Buch zu schreiben. Im Interview verrät er, warum er nicht an eine Bundesliga-Rückkehr glaubt, Jürgen Klopp verehrt und ihn das Thema Ballack nervt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Suite im neunten Stock des Ritz-Carlton-Hotels am Potsdamer Platz in Berlin: Kevin-Prince Boateng sitzt an einem Tisch. "Kevin", stellt er sich vor. Vor ihm liegen ein Dutzend Bücher. Seine Bücher. Der Titel: "Ich, Prince Boateng". Neben ihm sitzt sein älterer Bruder George. Auf den großen Sofas fläzen sich ein paar Kumpel und ein Berater. Ob es einen Raum gibt, in dem man in Ruhe sprechen kann? Boateng schaut sich um und schüttelt dann den Kopf. "Mein Bruder ist immer mit dabei", sagt er. Dann setzen sich die beiden. "Ist gut geworden, oder?", sagt Kevin-Prince und deutet auf das Buch, dass er gemeinsam mit dem Journalisten Christian Schommers geschrieben hat. Das erste Bild, das auf den Umschlag hätte kommen sollen, sei Mist gewesen, sagt er. Seine Haare hätten komisch ausgesehen. Aber dieses? Er zeigt auf das Buchcover, das ihn im Profil zeigt – mit Irokesenschnitt, das Kronen-Tattoo am Hals gut sichtbar. Boateng spitzt die Lippen: "Ich könnte Model werden."

n-tv.de: Seit Anfang des Jahres spielen Sie wieder bei ihrem Ex-Verein, dem AC Mailand. Wie ist es, wieder in Italien zu sein?

Kevin-Prince Boateng: Schön. Ich wollte zurück, ich bin zurück und darüber sehr glücklich. Was fehlt ist, dass ich ein paar Minuten mehr Spielzeit kriege, aber das kommt noch.

Sie haben ein Buch geschrieben. Das Vorwort schreibt Ihr Mannschaftskollege, der italienische Stürmer Mario Balotelli. Warum haben Sie sich für ihn entschieden?

Ein Freund: Boatengs alter und neuer Teamkollege Mario Balotelli.
Ein Freund: Boatengs alter und neuer Teamkollege Mario Balotelli.(Foto: imago sportfotodienst)

Mario ist ein Typ und ich mag ihn, so wie er ist. Er eckt immer wieder an, aber hat einen guten Kern. Wir sind befreundet und ich wusste, dass er etwas Gutes über mich schreiben würde.

Sie widmen Ihr Buch nicht einer anderen Person, sondern sich selbst. Warum?

Ich widme dieses Buch mir, weil es meine Geschichte ist. Wem soll ich es sonst widmen?

Ihrem Bruder, Ihrer Frau oder Ihrem Sohn zum Beispiel.

Nein, das kam nicht infrage. Die haben ihr eigenes Leben und werden ihren eigenen Weg gehen. Ich widme dieses Buch dem kleinen Jungen, der im Wedding aufgewachsen ist.

Sie sind 28 Jahre alt und können noch ein paar Jahre Fußball spielen. Trotzdem haben Sie jetzt schon eine Biografie veröffentlicht. Warum so früh?

Als Hoffnungsträger kam Boateng 2013 von Mailand nach Schalke, hier mit Trainer Jens Keller und Manager Horst Heldt.
Als Hoffnungsträger kam Boateng 2013 von Mailand nach Schalke, hier mit Trainer Jens Keller und Manager Horst Heldt.(Foto: picture alliance / dpa)

Warum nicht? Alter spielt doch keine Rolle. Das ist meine Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen. Es kann noch viel kommen. Trotzdem wollte ich das jetzt aufschreiben und den Menschen zeigen, wie ich bin und was ich erlebt habe. Das war mir jetzt wichtig.

Ihr Buch hat den Untertitel "Mein Leben. Mein Spiel. Meine Abrechnung". Hatten Sie nach dem Kapitel Schalke das Bedürfnis, etwas gerade zu rücken, sich zu erklären?

Ja, auf jeden Fall. Es wurde viel geschrieben und erzählt. Ich wollte klarstellen, wie die Dinge aus meiner Sicht abgelaufen sind.

Ihre Zeit mit dem FC Schalke endete nicht schön. Sie wurden suspendiert. Warum?

Kevin-Prince Boateng

2005 - 2007 Hertha BSC 42 Ligaspiele/4 Tore
2007 - 2009 Tottenham Hotspur 14/0
2009 Borussia Dortmund 10/0
2009 - 2010 Portsmouth 22/3
2010 - 2013 AC Mailand 74/14
2013 - 2015 FC Schalke 46/6
seit 2016 AC Mailand

15 Länderspiele für Ghana/2 Tore

Ich wurde rausgeschmissen. Nach meinem letzten Spiel (Anm.: 10. Mai 2015, 0:2 gegen Köln) hat sich die Mannschaft in der Kabine zusammengesetzt, einige Probleme wurden angesprochen. Ralf Fährmann hat etwas gesagt, Benedikt Höwedes und ich auch. Im Anschluss habe ich gedacht: Geil, jetzt haben wir endlich die Karten auf den Tisch gelegt, alles wird gut. Deswegen war ich überrascht, dass ich den Verein plötzlich verlassen sollte. Im ersten Moment war ich geschockt und sauer, aber ein Horst Held muss an den Verein denken und nicht an eine einzelne Person. Er hat mir gesagt, dass sie kein Vertrauen mehr in mich haben. Ich habe die Entscheidung akzeptiert und respektiert.

Waren Sie der Sündenbock, den der Verein in der Situation gebraucht hat?

In der ersten Saison gehörte Boateng auf Schalke noch zu den Leistungsträgern. In der Spielzeit 2014/2015 saß er häufiger auf der Bank.
In der ersten Saison gehörte Boateng auf Schalke noch zu den Leistungsträgern. In der Spielzeit 2014/2015 saß er häufiger auf der Bank.(Foto: picture alliance / dpa)

Ja. In vielen Situationen lag die Last auf meinen Schultern, was ich auch immer angenommen habe. Da möchte ich auch kein "Danke" hören, denn dafür wurde ich ja geholt.

Schalkes Manager Horst Heldt hat in der vergangenen Woche gesagt: Wenn Sie sich in Ihrem Buch negativ über Schalke äußern sollten, würden Sie "nicht so viele Bücher verkaufen können, wie die Strafe kostet".

Dazu wird es nicht kommen. Ich habe nichts Schlimmes geschrieben, ich attackiere niemanden oder stelle ihn schlecht dar.

In Ihrem Buch beschreiben Sie viele Episoden Ihrer Karriere. Da ist das Foul an Michael Ballack, Ihre Suspendierung aus Ghanas Nationalmannschaft während der WM 2014 und der Abgang bei Schalke. Sie fühlen sich häufig ungerecht behandelt und unverstanden. Haben Sie auch Fehler gemacht?

Der junge Kevin-Prince Boateng 2007 mit Bruder Jerome, damals noch bei Hertha.
Der junge Kevin-Prince Boateng 2007 mit Bruder Jerome, damals noch bei Hertha.

Klar, ich habe viel Fehler gemacht, dazu stehe ich. Ich hinterfrage mich immer wieder. Ob ich vielleicht mal nicht richtig trainiert oder dem Trainer nicht den nötigen Respekt entgegengebracht habe. Aber es war kein so großer Fehler dabei, der rechtfertigt, mich zu suspendieren. Als ich bei Ghana rausgeschmissen wurde, habe ich nichts falsch gemacht.

Was waren denn Ihre größten Fehler?

Meine größten Fehler? Gute Frage. Da muss ich mal überlegen (lacht).

In Ihrem Buch schreiben Sie: Wenn Sie immer so fokussiert gewesen wären, würden Sie bei Real Madrid unter Vertrag stehen. Haben Sie zu wenig aus Ihrem Talent gemacht?

Boateng tippt den 23. Spieltag

Köln – Hertha 1:2
Wolfsburg – Bayern 2:2
HSV – Ingolstadt 3:0
Stuttgart – Hannover 3:1
Bremen – Darmstadt 0:0
Augsburg – Gladbach 1:4
Dortmund – Hoffenheim 2:0
Mainz – Leverkusen 1:1
Frankfurt – Schalke 3:3

Auf jeden Fall. Das klingt natürlich arrogant. Trotzdem habe ich eine super Karriere gemacht. Aber als Jugendlicher hatte ich nicht die Möglichkeiten, die viele andere Spieler haben. Ich war auch fahrlässig und faul. Hätte ich voll durchgezogen und mich immer 100 Prozent konzentriert, wie ich es heute mache, hätte ich die Chance gehabt, bei den ganz großen Vereinen zu spielen. Bei Real, Barcelona und den Bayern.

Das klingt, als wären Sie schon 35 und als wäre es schon zu spät.

Ich werde jetzt 29, bin ein erfahrener Spieler, und ich kann mich auch selbst einschätzen. Ich glaube nicht, dass ich noch einen Drei-Jahres-Vertrag bei Real Madrid unterschreiben werde. Wenn's passiert, danke schön, super! Aber man muss ja auch ehrlich zu sich selbst sein.

Gibt es ein Land, in dem Sie unbedingt nochmal spielen wollen?

Die USA würden mich schon reizen. Es wäre toll, dort zu leben. Der Fußball wächst dort. Aber zurzeit beschäftige ich mich nur mit Italien und Milan. Und ab Sommer? Mal gucken, was passiert und noch auf mich zukommt.

Lassen Sie uns über Michael Ballack sprechen. Durch Ihr Foul im englischen Pokalfinale zwischen Chelsea und Portsmouth im Mai 2010 fiel er anschließend bei der Weltmeisterschaft verletzt aus. Im Buch steht, sie seien damals "Staatsfeind Nummer eins in Deutschland" geworden. Wie ist Ihr Verhältnis heute?

Der Moment, in dem Boateng Ballack die WM 2010 vermasselte: Pokalfinale zwischen Chelsea und Portsmouth.
Der Moment, in dem Boateng Ballack die WM 2010 vermasselte: Pokalfinale zwischen Chelsea und Portsmouth.(Foto: imago/Sportimage)

Es gab nie ein Verhältnis, es gibt keines und wird auch nie eins geben. Dazu ist alles gesagt. Ich bin dieses Thema langsam etwas leid. Man muss ja mal klarstellen: Ballack und ich haben keinen Streit. Das Foul war für mich kein Fehler, sondern eine normale Situation im Fußball. Vielleicht können wir uns nicht leiden, ich werde mit Ballack kein Bier trinken gehen. Wir müssen uns deshalb auch nicht aussprechen.

Rudi Völler ist im WM-Achtelfinale 1990 gegen die Niederlande mit Frank Rijkaard aneinander geraten. Später gab es eine Versöhnung beim gemeinsamen Frühstück.

Das war eine andere Situation. Da wurde einem in die Haare gespuckt. In so einem Fall würde ich mich natürlich entschuldigen und die ganze Familie zum Frühstück einladen.

Im Buch schreiben Sie: "Ich habe Nachrichten von deutschen Nationalspielern bekommen mit dem Tenor: 'Gut, dass er nicht dabei ist.'" Wer hat Ihnen geschrieben?

Meinen Sie, ich sage Ihnen Namen? Nein, dann hätte ich das ja ins Buch geschrieben (lacht).

Sie schreiben ja auch deutlich, dass Sie kein großer Freund von Benedikt Höwedes sind.

Teamkollegen, aber keine Freunde: Boateng und Höwedes.
Teamkollegen, aber keine Freunde: Boateng und Höwedes.(Foto: imago/Team 2)

Überall steht jetzt geschrieben: "Boateng attackiert Höwedes". Das ist keine Attacke. Fakt ist: Wenn ich einen Menschen treffe und ihn nicht riechen kann, ist das doch völlig normal. Das heißt nicht, dass wir nicht zusammen arbeiten und Vollgas geben können. Ich muss ja nicht mit ihm Abendessen gehen. Das Problem ist wahrscheinlich, dass ich jemand bin, der auch sagt, wenn er sich mit jemandem nicht versteht. Andere würden sagen, Benedikt Höwedes sei ein super Typ, obwohl sie es vielleicht gar nicht denken.

Anderes Thema: Dortmund und Schalke gelten als Städte, in denen Fußball besonders gelebt wird. Es gibt wenige Spieler wie Sie, die bei beiden Vereinen gespielt haben. Wo hat es Ihnen besser gefallen?

Das kann man so einfach nicht sagen. Dortmund war jahrelang ein Lieblingsverein von mir, ich liebe es, wie sie Fußball spielen. Ich hatte 2009 eine kurze, aber überragende Zeit dort. Jürgen Klopp ist für mich der beste Trainer, den ich jemals hatte. Das war sehr intensiv, auch wenn es nur ein paar Monate waren. Bei Schalke hatte ich im ersten Jahr eine sehr spezielle Zeit. Es waren viele junge Spiele, ich hatte viel Verantwortung. Ich habe beides geliebt.

Was hat Ihnen an Klopp so gefallen?

Was kann einem an Klopp nicht gefallen? Außer vielleicht sein Style (lacht), aber das ist ja Geschmackssache. Er kann einfach alles, was ein Trainer machen muss: Er pusht dich, holt dich wieder herunter. Klopp hat Fingerspitzengefühl, mit Spielern umzugehen. Ich habe noch nie eine Mannschaft gesehen, in der Auswechselspieler, die nur drei Minuten in der Saison gespielt haben, so glücklich waren.

Kurz, aber innig: Boatengs Zeit mit BVB-Coach Klopp.
Kurz, aber innig: Boatengs Zeit mit BVB-Coach Klopp.(Foto: imago sportfotodienst)

Wie schwierig war es damals für Sie, als Ihnen der BVB mitgeteilt hat, dass Sie nicht bleiben dürfen?

Das war sehr hart, da sind Tränen geflossen. Ich wollte unbedingt in Dortmund bleiben. Denn ich habe damals schon gefühlt, dass dort bald etwas Großes passieren würde. Jahre später kam es genau so. Das hätte ich gern miterlebt. Ich habe immer noch Kontakt zu einigen Spielern, zu Nuri Sahin und Marcel Schmelzer. Auch zu Klopp habe ich einen guten Draht. Ich habe ihn gefragt, ob er mir ein Vorwort für das Buch schreibt, aber er hatte leider gerade keine Zeit.

Jetzt spielen Sie wieder in Italien. Kehren Sie noch einmal in die Bundesliga zurück?

Jetzt gerade? Nö. Die Tür ist für mich erst einmal zu. Ich bin froh, wieder in Italien zu sein. Im Moment denke ich: Für mich gibt es kein Zurück mehr in die Bundesliga.

Also kein Karriere-Ende zu Hause bei Hertha?

Ich habe ja mal gesagt, dass ich das gerne machen möchte, das hat sich aber erst einmal erledigt. Wer weiß, was in Zukunft passiert. Ich liebe Berlin, ich bin hier geboren. Ein paar Bundesligaspiele für Hertha, da würde ich vielleicht nicht Nein sagen.

Was wollen Sie nach Ihrer Karriere machen?

Nach dem Foto werde ich Model (zeigt auf das Buchcover). Nein, Spaß. Ich will mich um Fußballer kümmern, als Berater und helfende Hand. Ich habe so viele Spieler gesehen, die schlecht betreut und hintergangen wurden. Ich will eine ehrliche Seele sein, die Spieler unterstützt, immer 100 Prozent aus sich herauszuholen und vom Jungprofi zum Weltstar zu werden – zu dem, was der jeweilige Mensch bestimmt ist.

Mit Kevin-Prince Boateng sprach Christian Rothenberg

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Quelle: n-tv.de

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