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Als Spieler wusste Zinedine Zidane virtuos mit dem Ball umzugehen. Als Trainer muss er zeigen, dass er das auch mit den Stars von Real Madrid kann.
Als Spieler wusste Zinedine Zidane virtuos mit dem Ball umzugehen. Als Trainer muss er zeigen, dass er das auch mit den Stars von Real Madrid kann.(Foto: dpa)

The next Guardiola - oder ein Flop?: Reals Zidane erwartet galaktischer Druck

Vom Coach des B-Teams zum Chef: Real Madrids Beförderung von Zinedine Zidane erinnert an den Coup des FC Barcelona mit Josep Guardiola. Doch die Zweifel sind greifbar, dass ausgerechnet ein Novize die "Coach-Vertilgungs-Maschine" aus der Krise führen kann.

Kaum hatte Zinédine Zidane den Rasen betreten, waren alle Augen der rund 6000 Real-Fans auf den früheren Weltstar gerichtet. Und auch die Stars um Cristiano Ronaldo und Weltmeister Toni Kroos hörten bei den ersten Anweisungen des 43-jährigen Franzosen ganz genau hin. Zidane, der einst beste Fußballer der Welt, wurde bei seinem Einstand als neuer Trainer des kriselnden spanischen Rekordmeisters Real Madrid aber auch mit der Wirklichkeit konfrontiert.

Die Real-Trainer seit 1999
 Vicente del Bosque Nov. 1999 -
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 Carlos Queiroz Juni 2003 -
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 Jose Antonio
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 Mai -
 September 2004
 Mariano Garcia
 Remon
 September -
 Dezember 2004
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 Luxemburgo
 Dezember 2004 -
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 Juan Lopez Caro Dezember 2005 -
 Juni 2006
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 Bernd Schuster Juli 2007 -
 Dezember 2008
 Juande Ramos Dezember 2008 -
 Juni 2009
 Manuel Pellegrini Juni 2009 -
 Mai 2010
 José Mourinho Mai 2010 -
 Juni 2013
 Carlo Ancelotti Juni 2013 -
 Mai 2015
 Rafael Benitez Juni 2015 -
 Januar 2016
 Zinedine Zidane seit 4. Januar 2016

Bei der nur einstündigen Einheit in Valdebebas im Nordosten Madrids gab es zur Überraschung vieler kaum Begrüßungsgesänge für den Nachfolger des am Montag gefeuerten Rafa Benítez. Zu groß ist bei den Anhängern der Königlichen noch der Frust nach einer Saison mit bislang vielen Enttäuschungen und Pannen. Spaniens Rekordmeister - zur Zeit in der Primera División nur Dritter - verlässt sich in schweren Zeiten auf eine "Legende ohne Erfahrung", wie die Renommier-Zeitung "El País" skeptisch schrieb.

Bei Real, wo er den Klub unter anderem 2002 mit einem Volley-Traumtor im Glasgower Finale gegen Leverkusen zum neunten Champions-League-Sieg schoss, war Zizou seit 2011 Gehilfe von José Mourinho und Carlo Ancelotti und seit dem Sommer 2014 Trainer des Reserveteams Real Madrid Castilla. Der TV-Sender "RTVE" meinte, Klubboss Florentino Pérez setze in erster Linie auf das Charisma und die erfolgreiche Geschichte von Zidane und hoffe, dass der Weltmeister von 1998 und Champions-League-Sieger von 2002 "den Pep Guardiola" machen werde.

Der nach Meinung vieler beste Trainer der Welt - bis Saisonende noch beim FC Bayern unter Vertrag - hatte bei Reals Erzrivalen FC Barcelona 2008 auch ohne jegliche Erfahrung das Profiteam übernommen und in der ersten Saison gleich zum Triple geführt. In vier Jahren als Barça-Coach holte Guardiola 14 von 18 möglichen Titeln. Und gratulierte Zidane nun zu dessen Beförderung - mit einer kleinen Einschränkung. "Ich wünsche Zidane das Bestmögliche. Er weiß alles über Fußball. Ich wünsche ihm nicht das Perfekte, weil ich Barcelona-Fan bin." Sicher ist nur: Der Druck auf Zidane wird galaktisch sein, die Fallhöhe ist enorm.

Respekt vor den Real-Stars

Wie Pérez am Montag sagte, hat Zidane auf der "Haben-Seite" die Tatsache, dass er viele der aktuellen Real-Profis aus seiner Zeit als Co-Trainer sehr gut kennt. Mit Kapitän Sergio Ramos hat er sogar noch zusammen gespielt. Der Mann aus Marseille werde zudem von den Profis - anders als der ungeliebte Benítez - respektiert, hoben Medien hervor. Glaubt man manchen spanischen Medien, hat sich die Mannschaft eindeutig für Zidane ausgesprochen. Vertraut man auf andere Quellen, ist das Verhältnis zu Torjäger Ronaldo bereits ruiniert - weil Zidane sich bei der Weltfußballerwahl 2014 für seinen Landsmann Franck Ribéry vom FC Bayern ausgesprochen hatte.

Öffentliche Stellungnahmen der Profis gab es zwar vorerst nicht, nach Angaben des TV-Senders "La Sexta" schickten sich Ronaldo & Co. bereits gegenseitig "Glückwunsch-Botschaften". Doch was genau hat Zidane bisher als Trainer geleistet? Vorige Saison hatte er das Ziel des Wiederaufstiegs von Real Castilla in die Zweite Liga mit einem sechsten Platz relativ deutlich verpasst. Derzeit liegt das Team auf Platz zwei. Das 17-jährige norwegische Toptalent Martin Ødegaard, laut Medien "sehr unzufrieden", konnte er nicht richtig in die Mannschaft integrieren. Und es gab auch Affären: Unter anderem 2014 eine später aufgehobene Sperre wegen fehlenden Trainerscheins. Kritik setzte es auch, als Zidane seinen 20-jährigen Sohnemann Enzo gleich in dessen erster Saison zum Kapitän ernannte.

Legende mit Kehrtwende

Eine Beförderung zum Real-Chefcoach hatte Zidane selbst noch vor eineinhalb Monaten ausgeschlossen. "Ich bin noch nicht so weit, muss noch viel lernen". Nun muss doch ein Crashkurs reichen. Nach seiner Vertragsunterzeichnung bis 2018 bekam der erste französische Trainer in der Geschichte Reals (und der jüngste seit Jorge Valdano 1994) derweil viel Zuspruch. Ex-Kollege David Beckham schrieb auf Instagram: "Kann es besser werden als das?? Ein Mann, der der beste in einem Spiel war, das wir alle lieben, übernimmt einen Club, den ich und viele andere Leute lieben (...) DER BESTE FÜR DIESEN JOB!"

"Zidane und Real Madrid könnten die perfekte Kombination werden!", twitterte Ex-Real-Profi Christoph Metzelder. Dem Sport-Informations-Dienst sagte er: "Wenn ich es jemandem zutraue, diesen Klub und diese Kabine voller Superstars zu führen, dann ist es Zidane: "Der Ruf wurde immer lauter, jetzt war der Punkt da. Ich habe keine Zweifel, dass er es schaffen kann." Und Bayern-Spieler Xabi Alonso - ebenfalls ein Ex-Merengue, wünschte auf Spanisch "Suerte (Glück), Zizou!" Der Ex-Profi von Cannes, Bordeaux und Juventus, der nach dem unrühmlichen Kopfstoß im WM-Finale gegen Italiens Marco Materazzi seine Karriere 2006 beendete, sagte, er wolle "mit ganzem Herzen" für den Klub arbeiten. Aber selbst als Idol und Sympathie-Träger wird er auch mit enormem Druck und Skepsis leben müssen. Alle Stars, darunter die zuletzt von Benítez auf die Bank versetzten James und Isco, wollen spielen. Und die Fans haben nach einem Jahr ohne Titel und vielen Affären - unter anderem flog man wegen einer Wechsel-Panne aus dem Pokal - kaum noch Geduld übrig.

Breitner hat Bedenken

Weltmeister Paul Breitner, einst selbst Real-Profi, sieht den Trainernovizen Zidane vor einer schweren Aufgabe: "Die Erwartungshaltung ist bei Real Madrid noch höher als bei allen allen anderen Vereinen auf der Welt. Das kommt aus der Historie. Wenn man in den 1950er Jahren den Grundstock legt dafür, dass man die Nummer eins der Welt ist, ist das nur logisch." Alle Anhänger erwarteten immer, dass man dies zeige. Gelinge dies nicht, "gibt es schnell Unruhe".

Das Fachblatt "Sport" wies darauf hin, dass Real "eine Coach-Vertilgungs-Maschine" sei, die vor niemandem halt mache. Allein Pérez hat als Boss von 2000 bis 2006 sowie seit 2009 elf Trainer gefeuert. "Das Problem bei Real sind nicht die Trainer, der Presidente ist es", sagten TV-Kommentator Manel Vilarino und viele andere unisono.

Quelle: n-tv.de

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