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"Man lässt aktuell alles laufen, weil man wohl hofft, dass Salzburg erneut an den Qualifikationshürden scheitert."
"Man lässt aktuell alles laufen, weil man wohl hofft, dass Salzburg erneut an den Qualifikationshürden scheitert."(Foto: imago/GEPA pictures)
Donnerstag, 22. Juni 2017

"Szenario wäre der Super-Gau": Red Bull vs. Red Bull in der Königsklasse

Von Ullrich Kroemer

Die Red-Bull-Klubs Leipzig und Salzburg spielen in der Champions League. Die Uefa sieht dabei keine Probleme - die es aber gibt. Träfen die Teams aufeinander, "hätte das einen Beigeschmack". Mit fünf Experten spielen wir Szenarien durch.

Nach einem Treffen mit den Klubführungen von RB Leipzig und Red Bull Salzburg am Freitag vergangener Woche im Uefa-Hauptsitz im schweizerischen Nyon waren für den europäischen Fußball-Verband die letzten Fragen ausgeräumt. Am Dienstag dann teilte die Uefa zunächst den Klubs schriftlich mit, dass beide Red-Bull-Vereine für die Champions League zugelassen wurden. Am Abend wurde das dann per Pressemitteilung auch öffentlich gemacht. Ein Teilnahmeverbot aufgrund eines Verstoßes gegen die Integritätsregeln sowie die Financial-Fairplay-Regularien (ntv.de berichtete) des Verbandes war weder erwartbar, noch wäre es angemessen gewesen. Mit Sanktionen und/oder Auflagen jedoch hatten viele Experten gerechnet. Zumindest was RB Leipzig betrifft, hat es diese nicht gegeben. Red Bull Salzburg mochte sich dazu auf Anfrage bislang noch nicht äußern. Die Uefa teilte mit, die Prüfung bislang habe sich ausschließlich auf die Integrität des Wettbewerbs bezogen. Das Controlling, ob die Klubs auch den Regularien des Financial Fairplay entsprechen, stehe erst noch an.

Bitte vergleichen Sie die Logos!
Bitte vergleichen Sie die Logos!(Foto: imago/Picture Point LE)

Fakt ist, dass in den vergangenen zwei Jahren umfangreiche Umbauarbeiten im Red-Bull-Fußballsystem notwendig waren: Ralf Rangnick musste sich als Sportdirektor aus Salzburg zurückziehen; RBL-Boss Oliver Mintzlaff räumte den Posten des Red-Bull-Fußballchefs ebenso wie Rudolf Theierl als Vorstand in Salzburg. In Österreich darf das Mateschitz-Imperium offiziell nur noch als Hauptsponsor agieren, maximal 30 Prozent am Gesamtumsatz tragen und keine Mehrheit in den Gremien haben. Zudem muss der FC Salzburg, Red Bull ist als Vereinsname international nicht gestattet, künftig bei Uefa-Spielen in veränderten Trikots auflaufen, um künftig peinliche Verwechslungen zu vermeiden.

Doch da es bislang keine Urteilsbegründung gibt, bestehen noch zahlreiche offene Fragen. Deshalb hat n-tv.de dazu fünf Experten befragt, die sich intensiv mit dem Thema Uefa-Klublizenzierung - auch im speziellen Fall von RB Leipzig - auseinandergesetzt haben: Prof. Dr. Ludwig Hierl, Controllingexperte DHBW Heilbronn und Buchautor "Bilanzanalyse von Fußballvereinen"; Dr. Paul Lambertz, Sportrechtler von der Kanzlei Beiten Burkhardt, Düsseldorf; Prof. Dr. Henning Zülch, Wirtschaftswissenschaftler HHL, Leipzig; Johannes Arnhold, Sportrechtler blog-sportrecht.de, TU Ilmenau, Weimar. Und Christian Müller, Ex-DFL-Geschäftsführer Finanzen und Lizenzen, Köln.

1. Ist es aus Ihrer Sicht regulär, dass RB Leipzig die Uefa-Lizenz ohne Auflagen bekommt?

Ludwig Hierl.
Ludwig Hierl.

"Für die Uefa ergab sich ein gewisses Dilemma", sagt Ludwig Hierl. "Die Finanzkontrollkammer musste entscheiden, ob ein Integritätsverstoß vorliegt - oder eben nicht. Ähnlich wie es 'ein bisschen schwanger' nicht gibt, gab es hier nur ein Ja oder ein Nein als Antwort. Mögliche organisatorische Auflagen wurden von RB Leipzig wohl bereits umgesetzt, so dass diese nicht mehr verhängt werden brauchten. Bei anderen Strafen wie zum Beispiel einer Geldstrafe wäre ein Vergehen von RBL dokumentiert worden und die Diskussionen wären fortgesetzt worden, ob dies als Strafmaß ausreicht."

Paul Lambertz.
Paul Lambertz.

"Ich gehe davon aus, dass sich die Uefa die Entscheidung nicht leicht gemacht hat und die Voraussetzungen einer Erteilung ohne Auflagen genau geprüft hat", sagt Paul Lambertz. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Uefa eine Entscheidung pro Zulassung beider Vereine getroffen hat, ohne so gut wie sicher zu sein, dass beide Vereine die an sie gesetzten Anforderungen erfüllen."

Henning Zülch: "Nach geltendem Uefa-Recht ist es regulär, beide Vereine spielen zu lassen. Indes würde der Rechtsrahmen der Uefa einer klassischen juristischen Prüfung nicht standhalten. Alles in allem sei aber gesagt, dass sich beide Vereine sportlich in ihren Ligen qualifiziert haben. Wie auch immer. Diese Leistung gilt es zu respektieren."

Johannes Arnhold.
Johannes Arnhold.

"Mit Blick auf die Integritätsregeln hätte eine andere Entscheidung durch die Uefa nach meiner Meinung eine tiefgreifende juristische Auseinandersetzung zur Folge gehabt", sagt Johannes Arnhold. "Denn auch Verbände wie die Uefa müssen sich - gerade im Rahmen von stark wirtschaftlich geprägten Bereichen, wie es die Frage zur Qualifikation für die Champions League ist - an rechtstaatlichen Grundsätzen messen lassen. Vor diesem Hintergrund sind die derzeit geltenden Regelungen zur Integrität nicht bestimmt genug und lassen zu viele Fragen offen, wie hoch das tatsächliche Maß an Verflechtung sein darf und wo die Grenze zwischen zulässiger Kooperation und wettbewerbsschädigendem Dritteinfluss zu ziehen ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Uefa mit Blick auf die Integritätsregeln noch einmal nacharbeitet und diese für die Zukunft konkreter und somit bestimmter ausgestalten wird."

2. Sind die vor allem in Salzburg vollzogenen Änderungen aus Ihrer Sicht weitreichend genug, um eine gemeinsame Teilnahme beider Klubs und die Integrität des Wettbewerbs zu gewährleisten?

Christian Müller.
Christian Müller.(Foto: imago/Hentschel)

"Mir fehlt die Fantasie mir vorzustellen, dass die Keimzelle des Red-Bull-Fußballs, der Klub in Salzburg, künftig ohne die enorme Alimentierung durch den Getränkekonzern existieren kann", sagt Christian Müller. "Auch fehlt mir der Glaube an die Bereitschaft des Konzerns, vom gut funktionierenden Modell des weltumspannenden Fußball-Filialbetriebs abzurücken. Spielerrochaden, die einheitliche Optik der Kommunikationsplattformen, der enorme Finanzbedarf für die kostendeckende Finanzierung des Spielbetriebs der einzelnen Filialen, der nur durch die Konzernmutter gedeckt werden kann, sind wichtige Elemente dieses Konzepts, die nur im Gesamtzusammenhang den momentanen Erfolg bringen."

Hierl: "Unabhängig von den gewählten Gestaltungsmaßnahmen wird ein neutraler Fan die beiden Klubs wohl weiterhin als Red-Bull-Klubs wahrnehmen. Die Verantwortlichen von beiden Klubs werden zukünftig noch stärker darauf achten, jegliche Einfluss- und Abhängigkeitsbedenken bereits im Keim zu zerstreuen."

Henning Zülch.
Henning Zülch.(Foto: picture alliance / dpa)

"Aus Sicht der Uefa scheint dies ausreichend zu sein", sagt Zülch. "Für den interessierten Beobachter und Fußballfan gilt dies aber keineswegs. Er zweifelt zu Recht die Integrität des Wettbewerbs an. Meines Erachtens ist mit integritas eine gewisse Unversehrtheit gemeint. Diese verliert der Wettbewerb durch den hier diskutierten Präzedenzfall. Sowohl die Uefa als auch RB Leipzig tun sich keinen Gefallen damit. Aber: Wenn die Uefa diese Schlupflöcher bietet, kann man sie nutzen - wie RB es getan hat."

Arnhold: "Da RB viel getan hat, um formal die Entflechtung durch die Aufgabe der Investorenstellung in Salzburg und vor allem durch personelle Entscheidungen zu vollziehen, haben beide Seiten ihr Gesicht gewahrt, ohne dass es eines grundsätzlichen Rechtstreits über die Wirksamkeit der Uefa-Regeln bedurfte."

Lambertz: "Aus Sicht der Uefa, die alle Fakten kennt, scheint dies so zu sein. Auch ich denke, dass die Entflechtung auf objektiver Ebene so vorangeschritten ist, dass man davon sprechen kann, dass beide Vereine unabhängig voneinander sind. Ob das aber tatsächlich so ist, wird die Zukunft zeigen."

3. Salzburg und Leipzig spielen künftig im gleichen Wettbewerb, sofern sich Salzburg erstmals für die Gruppenphase qualifiziert. Ist das aus Ihrer Sicht eine Partie unter regulären Voraussetzungen?

Arnhold: "Sollten beide Teams in der Champions League aufeinander treffen, hätte das für viele natürlich einen Beigeschmack. Ich sehe das allerdings gelassen. Eine Stallorder oder dergleichen halte ich in diesem konkreten Fall für ein etwas übertriebenes Schreckensszenario. Immerhin stehen die Teams weiterhin unter der besonderen Beobachtung von Verband und Öffentlichkeit."

Lambertz: "Es wird auf jeden Fall ein Spiel werden, das besonders kritisch beäugt werden wird. Jede entscheidende Spielaktion wird darauf hin analysiert werden, ob nicht vielleicht doch die eine oder die andere Mannschaft nicht alles gegeben hat. Ich hoffe sehr für den Fußball, dass nicht der böse Schein eines wie auch immer gearteten irregulären Spiels entsteht. Ich bin aber zuversichtlich, dass es dazu nicht kommen wird."

Zülch: "Ein solches Szenario wäre der Super-Gau für die Vereine. Denn ein großer Shitstorm würde die Partie begleiten. Zudem wäre der Imageschaden für das ,junge’ Unternehmen RB Leipzig verheerend. Für die Uefa würden damit wieder ethische Grundfragen zur Belastung werden. Man lässt aktuell alles laufen, weil man wohl hofft, dass Salzburg erneut an den Qualifikationshürden scheitert. Aber was, wenn nicht?"

Müller: "Die größte Gefahr sehe ich darin, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit endgültig verloren geht, dass die vom Fußball selbst aufgestellten Regeln tatsächlich konsequent durchgesetzt werden. Ich bin überzeugt, dass die meisten Fans in Europa die Entscheidung der Uefa für falsch halten. Sich so über Volkes Bauchgefühl hinwegzusetzen, ist riskant. Da hätte ich eher einen Rechtsstreit aus Überzeugung riskiert."

Hierl: "Interessant wäre es, wenn sich beide Klubs in einer Gruppe gegenüberstünden und es vielleicht sogar ungewollt zu einem Spiel käme, das der berühmten Schande von Gijon 1982 gleicht. In der Bundesliga hätte sich auch eine ähnlich bedenkliche Konstellation ergeben können, falls das Spiel des FC Bayern, Anteilseigner und Sponsor Audi, gegen Ingolstadt, Anteilseigner und Sponsor Audi, erst zum Ende der Saison angesetzt worden wäre und Ingolstadt durch einen Sieg gegen einen feststehenden Meister den Klassenerhalt hätte schaffen können."

Quelle: n-tv.de

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