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Kultschiedsrichter mit Genuss-Leidenschaft: Wolf-Dieter Ahlenfelder.
Kultschiedsrichter mit Genuss-Leidenschaft: Wolf-Dieter Ahlenfelder.(Foto: imago sportfotodienst)
Samstag, 14. Oktober 2017

Redelings über die Saison 75/76: Saufen, bis die Gans schwimmt

Von Ben Redelings

Der legendäre Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder wird unsterblich. Nach 32 Minuten eine Halbzeit in die Pause pfeifen? Das hat es in 55 Jahren Bundesliga nur einmal gegeben. Und der Grund dafür erhält in zahlreichen Kneipen Kultstatus.

Es ist der 8. November 1975, als ein Schiedsrichter eine der berühmtesten Geschichten in der Historie der Fußball-Bundesliga schreibt. Der Oberhausener Wolf-Dieter Ahlenfelder sitzt mit seinen beiden Linienrichtern gemütlich in der Vereinsgaststätte von Werder Bremen und isst zu Mittag. Der Jahreszeit entsprechend wird eine Gans mit Rotkohl und Klößen aufgetischt. Sie speisen genüsslich, klönen ein bisschen und vergessen darüber die Zeit. Als um 14:30 Uhr Werders Schiedsrichterbetreuer Richard Ackerschott an ihren Tisch kommt und fragt, wann die Männer in Schwarz sich denn warmzumachen gedenken, packen sie sich an ihre prall gefüllten Bäuche. So wird das heute nichts, überlegen sie und wollen den Magen erst einmal mit ein oder zwei schnellen Bieren durchspülen.

Das klappt gut. Die Gans beginnt zu schwimmen. Doch mittlerweile ist es schon 14:45 Uhr, und noch wollen das gebratene Federvieh, der Rotkohl und die Klöße nicht richtig absacken. Man entschließt sich, das widerborstige Essen nun härter zu bekämpfen und bestellt neben einer neuen Runde Pils auch einen Malteser. Und weil das so gut funktioniert, wiederholen die drei fröhlichen Männer den Spaß noch ein, zwei Mal und gehen dann runter zum Umziehen - schließlich steht die Bundesligapartie des SV Werder Bremen gegen Hannover 96 auf dem Programm.

Doch wo ist nur diese verflixte Kabine? Ahli und seine zwei Begleiter irren durch die Katakomben und finden trotz längerem Suchen ihren Raum nicht. Erst auf Nachfragen werden sie fündig. Lachend schmeißen sie sich in ihre schwarze Kluft und warten auf den Betreuer, der sie aufs Feld führen soll. Als dieser jedoch die Kabine der drei Offiziellen betritt, geht er schnurstracks wieder hinaus und besorgt erst einmal eine Flasche Mundwasser. Der Alkoholgeruch ist ihm auf den Magen geschlagen.

"Nicht fragen, weshalb, wieso, warum"

Die folgenden Geschehnisse schildert Ahlenfelder so: "Nach dreißig Minuten habe ich zur Halbzeit abgepfiffen. Nicht fragen, weshalb, wieso, warum. Da hatten wir wohl einen zu viel getrunken, ich weiß es auch nicht. Ja, das ist Ahlenfelder." Genau so ist es. Die Partie wird schon nach einer halben Stunde unterbrochen. Völliges Unverständnis bei den Spielern, Irritationen bei den Zuschauern und blankes Entsetzen bei den Offiziellen beider Vereine.

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Als Ahlenfelder gerade Richtung Katakomben abmarschieren will, stellt sich ihm der Bremer Abwehrrecke Horst-Dieter Höttges in den Weg. Freundlich wendet er sich an den Mann in Schwarz: "Schiri, sind Sie sicher, dass schon Halbzeit ist?" Jetzt ist auch Ahlenfelder irritiert: "Warum denn nicht, Herr Höttges?" Der Bremer zeigt auf sein Jersey: "Mein Trikot, wissen Sie, ist in der Halbzeit immer klitschnass. Und schauen Sie mal, das ist ja noch fast staubtrocken!" Ahlenfelder fasst das Shirt an, nickt Höttges fast beschwörend zu und fragt mit trotzig-zittriger Stimme: "Und was nun, Höttges?" Der Bremer deutet zur Seitenlinie. Dort tippt einer der beiden Linienrichter intensiv auf seine Armbanduhr und zeigt dann hoch zur großen Stadionuhr. Es ist erst kurz nach vier. Ahlenfelder versteht geistesgegenwärtig, was zu tun ist, pfeift seine dritte Bundesligapartie erneut mit einem Schiedsrichterball an - und nach nur 42 Spielminuten endgültig in die Halbzeitpause.

Malteser-Bier-Gedeck wird zum Hit

Findige Geschäftsleute reagieren schnell und bieten in ihren Kneipen eine echte Neuerung an, die sich der Sage nach bis heute in der Werder-Vereinsgaststätte gehalten hat. Der legendäre Schiedsrichter, der es als einziger Unparteiischer bis auf den heutigen Tag schaffte, ein Bundesligaspiel bereits nach knapp dreißig Minuten in die Halbzeit zu pfeifen, sagt selbst über den Kneipen-Clou: "Wenn man in Bremen einen Ahlenfelder bestellt, bekommt man ein Malteser-Bier-Gedeck. Da bin ich stolz drauf."

An der Tabellenspitze ist dieses Jahr - auch trotz bzw. wegen des Wechsels auf der Position des Übungsleiters - erneut die Elf vom Niederrhein dran. Vor der Saison frotzelt der scheidende Gladbacher Trainer Hennes Weisweiler: "Die Borussia wird wieder Meister, das wird auch der Udo Lattek nicht verhindern können." Und er hat Recht. Denn Weisweilers Schatten ragt auch in die neue Spielzeit hinein. Berti Vogts erinnert sich: "Wir waren traurig, dass Hennes Weisweiler nach Barcelona gegangen ist. Wir wollten ihm beweisen, das wir auch ohne ihn Meister werden können, dass wir erwachsen geworden sind."

Den ersten Platz der Torjägerliste belegt der Schalker Klaus Fischer. Am 27. September 1975 schießt der Königsblaue erstmals ein Bundesligator per Fallrückzieher. Sein Treffer beim 2:0-Sieg gegen den Karlsruher SC wird zum Prototypen seines späteren Markenzeichens.

Alle Artikel unserer wöchentlichen Serie "55 Jahre Bundesliga" finden Sie hier. Unser Kolumnist Ben Redelings ist mit seinen Bühnen-Programmen republikweit unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

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