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Jüngstes Mourinho-Opfer: Real-Torwart Iker Casillas. Was sein Coach bedenken sollte: Casillas hat schon 13 Real-Trainer kommen und gehen sehen.
Jüngstes Mourinho-Opfer: Real-Torwart Iker Casillas. Was sein Coach bedenken sollte: Casillas hat schon 13 Real-Trainer kommen und gehen sehen.(Foto: dpa)

Rot verhindert totalen Casillas-Eklat: Mourinho mobbt Real Madrid

Von Christoph Wolf

Die öffentliche Scheidung von Real Madrid und seinem Trainer Jose Mourinho treibt immer bizarrere Blüten. Der exzentrische Portugiese scheint gewillt, vor seinem Abschied möglichst viel königliches Porzellan zu zerschlagen. Mit der versuchten Demontage von Real-Ikone Iker Casillas verspielt er letzte Sympathien. Dumm nur, dass die Demütigung schief geht.

Guter Coach, begnadeter Provokateur: Jose Mourinho, noch in Diensten von Real Madrid.
Guter Coach, begnadeter Provokateur: Jose Mourinho, noch in Diensten von Real Madrid.(Foto: AP)

Es geht nicht mehr um Fußball bei Real Madrid. Es geht um Politik. Um offene Rechnungen. Und um viel Geld. Am Sonntagabend hat der öffentliche ausgetragene Scheidungskrieg, den der exzentrische Coach Jose Mourinho bei den "Königlichen" angezettelt hat, einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nicht einmal der verrückte Sieg gegen San Sebastian konnte übertünchen, dass die vermeintliche spanisch-portugiesische Fußball-Traumehe nicht mehr zu retten ist.

"Cristiano genial, Mourinho fatal. Madrid überlebt den Wahnsinn", titelte die Zeitung "Marca" nach einem Spiel im Estadio Santiago Bernabéu, das alle Kriterien einer sportlichen Achterbahnfahrt erfüllte. 4:3 gewannen die Königlichen, drei Tore erzielten sie dabei in Unterzahl. Superstar Cristiano Ronaldo empfahl sich mit zwei Treffern noch einmal für die Auszeichnung als Weltfußballer 2012, die wohl trotzdem an Lionel Messi vom FC Barcelona gehen wird.

Pfiffe für den eigenen Trainer

In Erinnerung bleibt von der Partie aber etwas anderes: Das gellende Pfeifkonzert der Real-Fans für ihren eigenen Trainer. Der machte sich auch im Madrider Bernabeu am lebenden Real-Denkmal Iker Casillas zu schaffen und setzte Spaniens Rekordnationalspieler, Europa-Welt-Europameister erneut auf die Bank - wie schon kurz vor Weihnachten, als er "San Iker" im Gastspiel beim FC Malaga erstmals zum Bankdrücker degradiert hatte.

Nach sechs Minuten musste Mourinho wechseln und den degradierten Casillas aufs Feld schicken. Seine neue Nr. 1, Antonio Adan, hatte Rot gesehen.
Nach sechs Minuten musste Mourinho wechseln und den degradierten Casillas aufs Feld schicken. Seine neue Nr. 1, Antonio Adan, hatte Rot gesehen.(Foto: dpa)

Mit Ersatztorhüter Antonio Adan verlor Real 2:3 und damit weiter an Boden auf den enteilten Erzrivalen FC Barcelona. Diesmal gewann Real zwar. Grandios in die Hose ging Mourinhos Wechselspielchen dennoch. Erst fünf Minuten waren gespielt, als die Partie für Adan schon wieder beendet war. Nach einer Notbremse musste er vorzeitig vom Platz, Casillas kehrte unter lautstarken "Iker, Iker"-Rufen ins Tor zurück. Dass das Starensemble mit Casillas und dank Treffern von Karim Benzema (2.), Sami Khedira (35.) und Cristiano Ronaldo (67., 71.) bei drei Gegentoren von Xabi Prieto (8./Foulelfmeter, 40., 76.) gewann, blieb dennoch eine Randnotiz.

"Mou hat Real in ein Chaos gestürzt", stellte die Zeitung "El País" fest. Niemand sei "bizarrer". Den Beweis für die Richtigkeit dieser Aussage lieferte der Portugiese direkt nach dem Spiel, als er sich am Pfeifkonzert der Fans öffentlich ergötzte. "Die Pfiffe finde ich völlig in Ordnung. So lebe ich gerne. Ich mag keine bequemen Situationen", schwadronierte der Portugiese. Vor dem Madrider Derby Anfang Dezember hatte er sich den Real-Fans bereits für ein exklusives Pfeifkonzert zur Verfügung gestellt.

Politisch motivierte Degradierung

Damals argumentierte Mourinho, er wollte dem eigenen Anhang die Möglichkeit geben, seinen Frust im Stadion loszuwerden, ohne der Mannschaft zu schaden. Inzwischen scheint nicht nur das Tischtuch der Vereinsführung zerschnitten, mit der er sich durch die größer werdende Kluft zwischen Provokationen und sportlichem Erfolg schon länger überworfen hat. Auch seine Mannschaft scheint er nicht mehr zu erreichen.

Der beste Ersatztorwart der Welt: Iker Casillas, demontierte Real-Ikone.
Der beste Ersatztorwart der Welt: Iker Casillas, demontierte Real-Ikone.(Foto: REUTERS)

Die sportlich nicht nachvollziehbare Degradierung von Casillas halten auch neutrale Beobachter ausschließlich für politisch motiviert. Der aus der Real-Jugend stammende Torwart gilt als Spieler mit den besten Verbindungen in die Vereinsspitze. Bei den Fans ist er unantastbar, er ist eine spielende Vereinslegende.

Zudem hatte sich Casillas in Mourinhos Krieg gegen den FC Barcelona Anfang 2012 um Mäßigung bemüht, wofür sich der Coach nun offenbar rächt. Kommunikation mit Casillas, heißt es in spanischen Medien, findet kaum noch statt, auch nicht mit dem zweiten spanischen Führungsspieler Sergio Ramos. Mit DFB-Spielmacher Mesut Özil soll sich Mourinho ebenfalls nicht mehr verstehen. Nur noch die Landsleute Cristiano Ronaldo und Pepe scheinen zum Coach zu halten.

Fans verlieren die Geduld

Viele Real-Fans fühlen sich und ihren Verein von ihrem Trainer gemobbt. Bei einer Umfrage des Radiosenders Ser vertraten 95 Prozent von knapp 3000 Teilnehmern die Meinung, der Coach wolle seinen bis 2016 laufenden Vertrag auf keinen Fall erfüllen. Sein Ziel sei es vielmehr, seine Kündigung zu provozieren und schon im Sommer nach England zurückzukehren. Dort war er einst mit dem FC Chelsea erfolgreich.

Bis zu seinem Abschied aus Madrid ist Mourinho offensichtlich noch bestrebt, offene Rechnungen zu begleichen. Und so kurios es klingt, er kann dabei nur gewinnen: Rund 20 Millionen Euro müsste Real seinem Coach überweisen, wenn der Vertrag mit dem Portugiesen schon im Winter gekündigt wird. Im Sommer sollen es nur noch fünf Millionen Euro sein.

Quelle: n-tv.de

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