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Jonas Hector spielt im Ausland - in der Nationalmannschaft und jetzt erstmals mit Köln.
Jonas Hector spielt im Ausland - in der Nationalmannschaft und jetzt erstmals mit Köln.(Foto: imago/DeFodi)
Donnerstag, 14. September 2017

Galgen-Optimismus für 1. FC Köln: Selbstvertrauen hole ich mir im Uefa-Pokal

Von Roland Peters, London

Der 1. FC Köln erlebt einen historischen Bundesliga-Fehlstart, fliegt aber mit 10.000 Fans nach London. Arsenal startet erstmals seit 1997 nicht in der Champions League. Ich musste ein Vierteljahrhundert auf dieses Spiel warten.

Der Regen fällt schräg durch den Schein des Flutlichts. Ein leicht verzerrtes Gesicht in Nahaufnahme. Zusammengekniffene Augen, durchnässte Haare. Der Strafraum vor der Kölner Südkurve. In Rot gekleidete Spieler, die sich vors eigene Tor quälen. Heimspiel gegen Europa, Gegner unbekannt. Der FC verteidigt einen knappen Vorsprung.

Hier schreibt ein Fan

Roland Peters ist Redakteur und Autor bei n-tv.de. Sonst befasst er sich meistens mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sein Heimatverein 1. FC Köln nimmt ihn nun erstmals mit nach Europa. Deshalb schreibt er hier als Fan.

Am Tag danach erzähle ich ein paar Fanfreunden von diesem Traum. Sie ignorieren mich freundlich. In Müngersdorf endet die Partie gegen Erzgebirge Aue 0:1. FC-Trainer Hanspeter Latour muss gehen, Christoph Daum folgt und segnet Babys an gleicher Stelle. Gut zehn Jahre später spielt der 1. FC Köln heute (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) beim FC Arsenal in London. Es ist ein Pflichtspiel im Uefa-Pokal, und manchmal muss ich mich noch immer kneifen. In meinem Kopf heißt der Wettbewerb auch deshalb noch nicht Europa League, weil die Zeitspanne dann kleiner wird, seit ich den Fernseher angemacht hatte. Es war einer dieser riesigen Apparate mit schwarzem Rahmen um das Glas und braun furniertem Gehäuse. Wenn wir Kinder etwas anderes gucken wollten als unsere Eltern, gingen wir die Wendeltreppe in den Wohnkeller herunter, stellten den Kanal rechts vom Bildschirmglas per Druckknopf ein und drehten die Lautstärke vorsichtig hoch.

"Gemeinsam nach Europa", hieß es in der Kölner Südkurve - vor dem entscheidenden Spiel zur direkten Qualifikation im vergangenen Mai.
"Gemeinsam nach Europa", hieß es in der Kölner Südkurve - vor dem entscheidenden Spiel zur direkten Qualifikation im vergangenen Mai.(Foto: picture alliance / Jonas Güttler)

Am Abend des 15. September 1992 ist mir langweilig. Ach ja, Köln spielt in der ersten Runde des Uefa-Pokals. Der Bildschirm flackert auf, zzzzzzup-Geräusch der Bildröhre. 82. Minute in Müngersdorf. Vor meinem inneren Auge sehe ich Flutlicht, Regen und feucht glänzenden Rasen. Ein Spieler in Weiß rennt allein auf einen Torwart zu - und trifft. Frank Ordenewitz dreht jubelnd ab, es ist das 2:0 im Hinspiel gegen Celtic. Ich erinnere mich nicht daran, dass mich dieses Tor emotional besonders berührt hätte. Der FC verlor das Rückspiel in Schottland zwei Wochen später 0:3 und schied aus. Ich erfuhr davon aus der Zeitung.

Aus der Zeit gefallen

Tendenziell bin ich eher Fußball-Nostalgiker, als Fan allerdings auch Opportunist. Seit Ende vergangener Saison begrüße ich die Ausweitung des Uefa-Pokals zur Europa League, denn so ist Köln mit sechs internationalen Spielen für die vergangene Bundesliga-Saison belohnt worden. Positive Erwartungen vor Partien ziehen fast immer Enttäuschung nach sich, also erwarte ich meist das Negative. Als die Qualifikation feststand, hatte sich das kurzzeitig geändert. Heute denke ich: Mehr als diese Gruppenspiele werden es wohl nicht werden.

Arsenals Trainer Arsene Wenger (r.) trifft mit seiner Starmannschaft auf diesen komischen Verein vom Rhein, der in Champions-League-Vorzeiten auch schonmal in Europa spielte.
Arsenals Trainer Arsene Wenger (r.) trifft mit seiner Starmannschaft auf diesen komischen Verein vom Rhein, der in Champions-League-Vorzeiten auch schonmal in Europa spielte.(Foto: imago/Paul Marriott)

Das Duell Arsenal gegen den 1. FC Köln ist wie aus der Zeit gefallen. Die Gunners spielen das erste Mal seit 20 Jahren nicht in der Champions League. Der Uefa-Pokal ist für sie ein Abstieg, und Köln ihnen aber wohl nur wegen des Wechsels von Lukas Podolski im Jahr 2010 ein Begriff. Der FC wird hingegen eine historische Partie im Emirates-Stadion erleben. Ein Vierteljahrhundert ist seit dem letzten internationalen Pflichtspiel vergangen  - das Halbfinale des Intertoto-Cups gegen Montpellier HSC vor zwei Jahrzehnten ignoriere ich absichtlich. Mindestens 10.000 Kölner Fans werden in London erwartet, aber nur 2900 Karten gab es offiziell. Sie wurden unter 20.000 Anfragen verlost. Die restlichen reiselustigen Rheinländer sehen die internationale Bühne wohl von den Pubs der Stadt aus - oder werden mit anderen Karten ins Stadion finden. Zwar sind die Vereinsfarben beider Klubs Rot-Weiß, aber die Gäste sollten aufpassen, denn in England gilt: Wer als Auswärtsfan im Heimbereich auffällt, durch Kleidung oder Jubel, wird gnadenlos von den Ordnern des Stadion verwiesen.

Vor Jahren leistete ich einen Schwur: Sollte der FC irgendwann einmal wieder international spielen, würde ich beim ersten Spiel im Stadion sein. Egal wo, egal wann, egal wie. Ich kenne viele Fans, die in der Zeit seit den 1990er Jahren ein ähnliches Versprechen abgegeben haben. Einige, darunter ich, werden Wort halten. "Wir fahren da hin, um das Spiel zu gewinnen" ist keine Aussage eines siegestrunkenen Anhängers, sondern eines selbstbewussten, womöglich leicht trotzigen Jörg Schmadtke.

Der FC-Manager gab diese Vorgabe nach der Niederlage in Augsburg. Sie besiegelte einen historischen Bundesliga-Fehlstart meines Vereins. (Das muss sein Vorgänger Michael Meier gemeint haben, als er von "elitärer Arroganz" sprach, die er in Köln vermisse.) Ich mag Schmadtkes Einstellung, finde die Vorstellung allerdings surreal. Auf der anderen Seite - null Punkte und ein Törchen aus den ersten drei Partien, aber jetzt bei Arsenal? Gut. Holen wir uns das Selbstvertrauen für die Liga eben im Uefa-Pokal. Wir haben schließlich ein Flutlichtspiel. Jetzt sollte es nur noch regnen.

Quelle: n-tv.de

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