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Die Bayern haben es wieder allen gezeigt: Sie sind die Besten der Liga.
Die Bayern haben es wieder allen gezeigt: Sie sind die Besten der Liga.(Foto: imago/DeFodi)
Montag, 06. November 2017

Die Lehren des elften Spieltags: Slapstick-Torhüter und Wahnsinns-Bayern

Von Anja Rau

Die Meisterschaft in der Fußball-Bundesliga verkommt dank der Wahnsinns-Bayern wieder zur alljährlichen Langeweile. Stattdessen begeistert ein spektakuläres Unentschieden. Und zwei Torhüter sammeln Geschichten für ihre Enkel.

1. Torhüter sammeln Geschichten für ihre Enkel

Robin Zentner steht in der Partie gegen Borussia Mönchengladbach zum zweiten Mal in der Fußball-Bundesliga für den FSV Mainz im Tor - und es ist ein Spiel, das er wohl nie vergessen wird. Einer Slapstick-Einlage zum Dank. In der ersten Halbzeit will er den Ball abspielen - und tritt in ein riesiges Luftloch. Wie Butler James, der im legendären "Dinner for One" völlig überrascht den Tigerkopf anschaut, als er wider Erwarten nicht drüber stolpert, guckt auch Zentner auf den Rasen. Sein Fuß hängt in der Luft, der Ball trudelt derweil alleingelassen in Richtung seines Tores und der Mönchengladbacher Lars Stindl kommt ihm gefährlich nahe.

"Ich bekomme einen Rückpass, denke nichts Böses, orientiere mich nach vorn, will abspielen - aber da war kein Ball mehr, nur noch der Elfmeterpunkt. Der war aber auch weiß", erklärte der Keeper schmunzelnd. "Es sah wohl richtig gut aus von außen, ich aber wohl nicht", kommentiert Zentner die Situation nach dem Spiel. Ist ja alles glimpflich abgelaufen. Von glimpflich kann Ron-Robert Zieler nicht gerade sprechen. Der Keeper des VfB Stuttgart hat im Spiel beim Hamburger SV (0:3) ebenfalls einen Aussetzer - und verbockt so das 0:1. Einen Freistoß vom Hamburger Aaron Hunt lenkt er an den Pfosten. Der Ball springt ihm anschließend aber auf den Fuß und von dort ins Tor. Gut, Zieler wird es verarbeiten und weiter Fußball spielen können. "Ich habe mir das am Samstagabend im Fernsehen angeschaut und musste selbst lachen", sagt er. "Jetzt habe ich was erlebt, was mir noch nie passiert ist. Das kann ich noch meinen Enkelkindern erzählen."

2. Wolfsburg präsentiert das Spiel des Spieltags

Borussia Dortmund gegen FC Bayern München, ach, das war doch nichts gegen die Partie VfL Wolfsburg gegen Hertha BSC! Bis auf die räumliche Nähe der beiden Klubs gibt es im Vorfeld eigentlich nicht viel Spannendes. Sie hängen beide im Mittelmaß der Liga. Der VfL ist der Verein, der nur noch Unentschieden spielen kann, Hertha der, bei dem der Trainer jüngst seinen eigenen Sohn aufs Feld geschickt hat. Aber dann: 20 Sekunden nach dem Anpfiff steht es 0:1. Ausgerechnet Vedad Ibisevic ist der Schütze. Eben jener Stürmer, der zuvor 900 Bundesliga-Minuten nicht getroffen hatte. Und es geht spektakulär weiter: Wolfsburg trifft fünf Mal das gegnerische Tor - es zählen aber nur drei Treffer. Der Videoassistent korrigiert zweimal - jeweils bei Stand von 0:1 - den Unparteiischen Robert Kempka und liegt damit zweimal richtig. Zudem verschießt Mario Gomez - der noch immer hofft, von Bundestrainer Joachim Löw für die Weltmeisterschaft nominiert zu werden. Am Ende steht es dennoch 3:3 - Wolfsburg bleibt seinem Ruf als Remis-König treu. Und obwohl Trainer Martin Schmidt vor dem Spiel gejammert hatte, dass er statt des Vereinsrekords lieber einfach einen Sieg feiern möchte, gibt er sich dann doch mit dem Remis zufrieden. Kein Wunder, es war ein Spektakel.

3. Wahnsinn regiert den FC Bayern

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Aus fünf wird sechs - genauer: Aus fünf Punkten Rückstand auf Borussia Dortmund werden sechs Punkte Vorsprung. Wohlgemerkt in vier Spielen, okay, in vier Spielen unter Jupp Heynckes. Man könnte sagen, Heynckes ist der Wahnsinn beim FC Bayern. Im Spätherbst seiner Trainerkarriere lässt der 72-Jährige jeden Gegner alt aussehen. Und noch älter seinen Vorgänger, dem er mit ein paar lapidaren Sätzen jeglichen Nimbus nimmt. "Wenn ein Trainerwechsel vorgenommen wird, hat das seine Gründe", sagt er und spricht von "intensiver Trainingsarbeit" und "strapaziösen Wochen". Worte, die man eigentlich nicht vom Gentleman kennt. Aber gut, die Bayern neigen ja ab und an mal zu Kapriolen. Und haben derzeit allen Grund dafür. Seinen persönlichen Wahnsinn feiert beim 3:0-Sieg gegen Borussia Dortmund auch Arjen Robben. Der Niederländer krönt sich mit seinem dritten Saisontor und insgesamt 93. Treffer für die Bayern zum erfolgreichsten Niederländer der Bundesliga und gleichzeitig zum erfolgreichsten ausländischen Torjäger seines Klubs. Und auch Robert Lewandowski hat etwas zu feiern: Mit elf Treffern aus elf Spielen führt er die Torjägerliste an - mit freundlicher Hilfe von Pierre-Emerick Aubameyang, aber dazu gleich mehr.

4. Die Krise fühlt sich in Dortmund wohl

Bei Borussia Dortmund kommt derzeit alles Schlechte zusammen. Die Stürmer treffen nicht, die Abwehr leistet sich grobe Schnitzer, die Starteuphorie unter Trainer Peter Bosz ist verflogen. Krise, Krise, Krise, wispert es rund ums Westfalenstadion. Selbst Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bekennt: "Es ist eine Situation, die nicht schön ist." Pierre-Emerick Aubameyang wartet schon seit fünf Bundesliga-Spieltagen auf einen Treffer - und hat damit offenbar auch Mitspieler Andrej Jarmolenko angesteckt. Chancen ja, Zählbares nein. Ihre Tore fehlen dem BVB schmerzlich. Zwar hatte Nuri Sahin vor dem Spieltag noch beteuert, dass Aubameyang keinen Mannschaftsabend brauche, vielleicht wären ein bisschen gute Laune, eine große Portion Mitgefühl und etwas Zielwasser (nein, ich animiere hiermit niemandem zum Alkoholkonsum!) aber nicht die schlechteste Idee.

Lieber schnell verstecken - Pierre-Emerick Aubameyang.
Lieber schnell verstecken - Pierre-Emerick Aubameyang.(Foto: imago/ActionPictures)

Doch Aubameyang allein die Schuld zu geben, würde schlicht drei Viertel der Mannschaft in seinem Rücken nicht beachten. Denn auch Mittelfeld und Abwehr haben keine Sahne-Wochen - die Abstimmungen funktionieren nicht. Am fünften Spieltag drückte es Torwart Roman Bürki noch folgendermaßen aus: "Nach jedem unserer Tore habe ich Blickkontakt zu den Innenverteidigern gehabt, und wir haben uns gesagt: Heute steht wieder die Null." Da hatte Dortmund gerade fünf Spiele ohne Gegentor hinter sich und einen neuen Vereinsrekord aufgestellt. Seitdem sind weitere sechs Spieltage ins Land gegangen - und 13 Gegentore auf dem Konto des BVB hinzugekommen. Gegen die Bayern stehen Marcel Schmelzer und der eigentlich als Abwehrriese bekannte Sokratis teilweise meterweit vom Gegenspieler entfernt oder gar mit dem Rücken zu ihnen. Da sind Gegentore programmiert - oder wie Sportdirektor Michael Zorc es ausdrückt: "Die haben uns schön hin- und hergespielt." Der BVB sollte auf die Länderspielpause setzen - und Bosz ganz schnell die richtige Taktik und den Reset-Knopf finden.

5. Schalke klettert völlig unbemerkt

Wer steht eigentlich gerade auf Platz vier der Tabelle? Eselsbrücke: Der Klub mit der 4 im Namen. Also nicht der FSV Mainz, sondern der FC Schalke. Das ist die beste Platzierung für die Gelsenkirchener seit 19 Monaten. Kein Wunder, dass nicht einmal Trainer Domenico Tedesco das auswendig weiß: "Ich kann Stand jetzt nicht sagen, auf welchem Platz wir sind", sagte er nach dem 1:0-Sieg beim SC Freiburg. Und damit die Superlative nicht so schnell ausgehen, kommt hier noch ein Schmankerl. In Freiburg gab es den dritten Auswärtssieg der Saison - so viele wie in der Vorsaison zusammen. Eindeutig: Der Trainer ist beim Klub angekommen - und das will bekanntlich etwas heißen auf Schalke. "Wir haben einen Trainer, der auf Probleme reagiert und Lösungen findet. Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir auf die Aufgaben reagieren, die der Gegner uns stellt", wird Tedesco von Sportdirektor Axel Schuster bescheinigt. Und noch eins ist ungewöhnlich auf Schalke: Niemand will über die Möglichkeiten sprechen. Champions-League-Platz? "Schön zu wissen", sagt Torhüter Ralf Fährmann lapidar. "Aber es bedeutet nichts." So viel Ruhe ist man aus Gelsenkirchen gar nicht gewohnt. Kein Wunder, dass der Klub also völlig unbemerkt die Tabelle hochklettert.

6. HSV setzt Hoffnung in einen 17-Jährigen

Der Bundesliga-Dino Hamburger SV träumt von einer besseren Zukunft - mit Toptalenten wie Jann-Fiete Arp und Tatsuaya Ito. Vor allem der 17 Jahre alte Stürmer weckt Hoffnungen und wird schon fast wie ein ganz Großer verehrt. "Uns Fiete" haben die Hamburger ihn getauft - klar klingelt's da. Uns Uwe, das ist Uwe Seeler, seit Sonntag 81 Jahre alt. Der ehemalige HSV-Angreifer gibt sich ganz generös: "Ich bin nicht böse, wenn er Uns Fiete genannt wird." Denn auch Uns Uwe findet, dass sein Nachfolger das beim 3:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart "gut gemacht" hat.

Aber Obacht: "Ich hoffe, dass sie ihn nicht verheizen und weiter richtig behutsam aufbauen", sagt Seeler über den Abiturienten aus Bad Segeberg. Zu Recht, der Hype in Hamburg ist riesig. Sportdirektor Jens Todt sichert ihm und seinem Berater zu, dass er im Falle einer Vertragsverlängerung "24 Stunden am Tag gesprächsbereit" sei. Logisch, der "Vollblutstürmer" - ebenfalls Todt - hat einen Vertrag bis 2019 und die Konkurrenz schläft nicht. Es wird vermutlich nicht mehr lange dauern bis sich bei Arp die Reaktion auf den Trubel um seine Person von "etwas unheimlich" in "relativ normal" wandelt - und er im Haifischbecken der Bundesliga locker mitschwimmt.

Quelle: n-tv.de

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