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Diesen Pokal will der BVB am Saisonende in den Händen halten.
Diesen Pokal will der BVB am Saisonende in den Händen halten.(Foto: REUTERS)

"Leidenschaft, Hunger, Gier": Tuchels Dortmunder brennen auf Tottenham

Von Christoph Wolf

Nur der Europaliga-Titel fehlt Borussia Dortmund noch in der Vitrine. Doch vor der Trophäe stehen im Achtelfinale die Tottenham Hotspurs um Sturmstar Harry Kane, ein harter Brocken und "geiles Los". Die BVB-Vorfreude ist enorm - trotz Störfeuern.

Worum geht es?

Um eine ordentliche Ausgangsposition für das Erreichen des Europaliga-Viertelfinals, das haben Achtelfinal-Hinspiele so an sich. BVB-Kapitän Mats Hummels reicht das aber nicht, er hat in den Tottenham Hotspurs den ultimativen Härtetest für seine Mannschaft ausgemacht. Von Ärger darüber, dass seine Dortmunder Borussia kein leichteres Los erwischt hat auf dem Weg zur Vervollständigung der Trophäensammlung, ist beim wiedererstarkten Abwehrchef nichts zu hören. "Wenn man die Tabelle und die Einzelspieler sieht, weiß man, dass das ein geiles Los ist. Wir freuen uns alle drauf", frohlockte Hummels: "Ich bin keiner, der immer hofft, den leichtesten Gegner zu kriegen und sich irgendwie durchzuwurschteln. Ich will, am besten ab dem ersten Spiel die stärksten Mannschaften haben, die es gibt." Denn: "Sollten wir Tottenham aus dem Weg räumen, fühlt sich das ganz anders an, als wenn du eine Mannschaft besiegst, gegen die jeder zwei einfache Siege erwartet."

Wie stehen die Vorzeichen?

Prächtig, ab 19 Uhr wird ein Hauch von Champions League durchs ausverkaufte BVB-Stadion wehen. Einfache Siege erwartet gegen Tottenham niemand, Coach Thomas Tuchel vielmehr "zwei enge Partien, alles andere würde mich sehr überraschen". Das liegt auch daran, dass es bislang noch keine Dortmunder Siege gegen Tottenham zu feiern gab. Viermal trafen beide Teams bislang aufeinander, ausschließlich testweise, zum Teil in Zeiten, als es im Fußball noch Freundschaftskämpfe gab. Die trübe BVB-Bilanz: Dreimal gewannen die Engländer, einmal gab es ein Remis. Für Sorgenfalten dürfte aber eher eine andere Statistik sorgen, nämlich: bislang hat noch keine deutsche Mannschaft an der White Harte Lane der Hotspurs gewonnen, verlieren sollten die Dortmunder aber nicht. Das ist angesichts der formidablen Bilanz von 16 Siegen, zwei Remis und nur einer Niederlage in den bisherigen 19 Pflichtheimspielen mit 61 geschossenen Toren nicht zu erwarten. Zumal der BVB …

Wie ist Borussia Dortmund drauf?

… auch ziemlich gut drauf ist. Es gibt zwar kritische Geister, die den Dortmundern beim etwas glücklichen 0:0 gegen den FC Bayern den letzten Siegeswillen absprachen, das Klopp'sche Draufgängertum vermissten und die Chance auf die Meisterschaft allzu zaghaft hergeschenkt sahen. Die Kritik ist durchaus berechtigt. Mehr Widerhall fand dennoch die Schwärmerei von Bundestrainer Joachim Löw, der den torlosen Bundesliga-Gipfel zum "besten Spiel der Saison" erhob - und mit dieser hübschen Übertreibung auch den BVB adelte. Die Dortmunder begeistern unter Coach Thomas Tuchel wieder wie in besten Klopp-Zeiten, tun das aber taktisch flexibler, gewinnen auch, ohne zu glänzen und wissen inzwischen mit Ballbesitz etwas anzufangen. Zudem sind rechtzeitig vor dem Tottenham-Duell alle Borussen wieder im Training. Auch wenn Innenverteidiger Sokratis noch nicht spielfähig sein und erneut durch Sven Bender vertreten werden dürfte. Für Erik Durm wird Nuri Sahin als einzige Änderung der Dortmunder Startelf im Vergleich zum Bayern-Gipfel erwartet. Wer sich im Duell durchsetzen wird, entscheidet sich laut Tuchel an der Frage, "wer seinen Stil durchbekommt". Ob also die Borussia freie Räume finde, sich der Pressingmaschine Tottenham entziehen könne und mit mehr Halbchancen in Chancen umwandeln könne als gegen die Bayern, wo die letzte Präzision fehlte. Tuchels Maßgabe: "Wir wollen die Oberhand über das Spiel gewinnen." Eine Tuchel-Maßgabe hat der BVB schon umgesetzt, wie die nüchterne Dominanz gegen den FC Porto gezeigt hat: Die Europaliga ist zum Dortmunder Wettbewerb geworden, was den Coach erfreut: "Wir müssen in unserem Tunnel bleiben. Wir wollen uns die Leidenschaft erhalten, den Hunger, die Gier."

Wie ist Tottenham drauf?

Bor. Dortmund - Tottenham H., 19 Uhr

Voraussichtliche Aufstellungen

Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Hummels, Bender, Schmelzer -  Weigl - Sahin, Gündogan - Mkhitaryan, Reus - Aubameyang

Tottenham: Lloris - Trippier, Alderweireld, Wimmer, Rose - Dier,  Lamela - Eriksen, Dembele, Chadli - Kane

Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)

Platz zwei in der Liga, nur fünf Punkte hinter dem Ersten bei noch neun ausstehenden Partien - Tottenham ist tabellarisch der englische Zwilling der Borussia.  Kleiner Unterschied: Anders als der BVB könnte Tottenham aktuell Tabellenführer sein. Dazu hätte das Team von Mauricio Pochetino, der vom "Guardian" wie Tuchel zu Europas aufregendsten Jungtrainer gezählt wird, nur seine letzten beiden Ligaspiele gewinnen müssen. Aber erst verlor Tottenham gegen West Ham United, dann fing man sich im wichtigsten Nord-London-Derby seit Jahrzehnten in Überzahl noch den Ausgleich gegen den FC Arsenal ein. England fragt sich deshalb, ob Tottenham Angst vor dem Titel hat. Tuchel fragt sich das nicht, aus seinen Worten sprach höchster Respekt für den Gegner, der ihn "an deutsche Mannschaften" erinnert: "Wir erkennen viele Elemente wieder: Frühe Balleroberungen, die Kompaktheit, das Vorwärtsverteidigen, die gesamtheitliche Verteidigung, an dem sich auch die herausragenden Offensivspieler beteiligen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal in England." Er sei sicher, dass Tottenham jedes Tempo mitgehen könne. Fraglich ist nur, wie lange. Das Gastspiel in Dortmund ist für Tottenham das elfte Pflichtspiel in den vergangenen 40 Tagen, gegen Arsenal ging den Spurs um Sturmstar Harry Kane trotz Überzahl am Schluss die Luft aus. Zudem fehlt mit Shootingstar Dele Alli ein ganz wichtiger Baustein im Mittelfeld.

War sonst noch was?

Thomas Tuchel hat nach dem Gipfel gegen die Bayern viel davon gesprochen, dass er mit seinem BVB weiter "Grenzen verschieben" möchte. Der Tag vor dem Tottenham-Spiel wurde für seine Borussia aber erstmal zur Grenzerfahrung in der Gerüchteküche. Pierre-Emerick Aubameyang wurde zu Real Madrid verkauft, für 100 Millionen Euro. Ilkay Gündogans Onkel Ilhan, gleichzeitig Berater des BVB-Regisseurs, geisterte auf einem Foto durch Europas Medien, das ihn an der Seite von Txiki Begiristain zeigt - dem Sportdirektor von Manchester City, Josep Guardiolas künftigem Klub. Und Kapitän Hummels wurde in den vergangenen Jahren schon so oft verkauft, dass sie in Dortmund aufgehört haben zu zählen. Dafür haben sie Routine darin entwickelt, die Dauerspekulationen um ihre Topstars routiniert zu kommentieren. "Das ist vollkommener Quatsch", wischte Michael Zorc die "Gerüchte um den bis 2020 gebundenen Aubameyang beiseite. Zumal sich bei Henrikh Mkhitaryan eine Vertragsverlängerung abzeichnet. Der Armenier ist in dieser Saison Topscorer der Dortmunder - obwohl er in der Europaliga ganz allein öfter Latte und Pfosten getroffen hat als jedes andere Team insgesamt.

Quelle: n-tv.de

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