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Sie sorgen immer für gute Stimmung: die Fans der 1. FC Union Berlin.
Sie sorgen immer für gute Stimmung: die Fans der 1. FC Union Berlin.(Foto: picture alliance / dpa)

Ex-Underdog blickt auf Ex-Große: Union blutet, Jena feuert, Lok entgleist

Von Wolfram Neidhard

Lang' ist es her: Der FC Carl Zeiss Jena und der 1. FC Lok Leipzig waren Dauergast im Fußball-Europapokal. Zum 50. Geburtstag fristen beide Klubs ihr Dasein in unteren Ligen. Ganz anders sieht es dagegen beim 1. FC Union Berlin aus.

Der Fußball schreibt verrückte Geschichten. Ehemalige Spitzenklubs, die lange Zeit Stammgäste auf internationalem Terrain waren, finden sich in Regional-, Ober- oder sogar noch niedrigeren Ligen wieder. Sie schauen auf die oberen Spielklassen, wo sich nun Vereine, die in früheren Jahren weit weg von den vorderen Tabellenplätzen waren, aufhalten. Beim FC Carl Zeiss Jena, 1. FC Lokomotive Leipzig und 1. FC Union Berlin kann man ein Lied davon singen. Gemeinsam haben die drei Klubs mit dem 20. Januar 1966 als Gründungsdatum - im Rahmen der Strukturreform des DDR-Fußballs. Auch hinsichtlich der Turbulenzen nach der Wende in der DDR gibt es einige Parallelen. Dennoch spielen die drei Klubs in verschiedenen Ligen. Der 50. Jahrestag ihres Bestehens ist bei besagten Vereinen nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern er gibt auch Anlass, sich kritisch vor allem mit der jüngeren Vergangenheit auseinanderzusetzen.

DFB-Pokalfinale 2001: Die Unioner Steffen Menze (links) und Jens Tschiedel schirmen den Ball vor dem Schalker Emile Mpenza ab.
DFB-Pokalfinale 2001: Die Unioner Steffen Menze (links) und Jens Tschiedel schirmen den Ball vor dem Schalker Emile Mpenza ab.

Dass derzeit ausgerechnet die "Eisernen" von Union Berlin - zu DDR-Zeiten eine typische Fahrstuhlmannschaft - von den ostdeutschen Traditionsklubs am höchsten stehen, ist schon bemerkenswert. Lediglich einen FDGB-Pokalsieg gab es 1968 nach einem 2:1-Finalsieg über die favorisierten Jenaer zu feiern. 33 Jahre später steht Union im DFB-Pokalfinale - gegen den FC Schalke 04 gibt es im Berliner Olympiastadion durch zwei Tore von Jörg Böhme allerdings eine Niederlage.  

Nicht, dass der sportliche Aufstieg der Köpenicker nach der politischen Wende im Osten Deutschlands reibungslos über die Bühne gegangen wäre. Im Südosten der deutschen Hauptstadt wurden die Fans 2004 zur Ader gelassen und mussten kräftig bluten, damit ihr Verein finanziell wieder auf die Beine kommt.

Auf-, Ab- und Wiederaufstieg in Köpenick

Auch endete in besagtem Jahr eine dreijährige Zweitligazugehörigkeit, den Abstieg konnte auch der gestandene Bundesligatrainer Aleksandar Ristic nicht mehr verhindern. Der ersten Nachwende-Hochphase folgte ein Gang durch das Tal der Tränen, der 2005 mit dem Abstieg aus der Regional- in die Oberliga seinen unrühmlichen Höhepunkt fand.

Treue auch in schwieriger Zeit: Union-Fans im Jahr 2004.
Treue auch in schwieriger Zeit: Union-Fans im Jahr 2004.

Ärgerlich war das Ganze, weil man auch wieder auf den abgestürzten Rivalen BFC Dynamo traf, den man allerdings im Stadion an der Alten Försterei mit 8:0 abfertigte. Aber ab 2006 ging es unter den Trainern Christian Schreier und vor allem Uwe Neuhaus sportlich wieder bergauf. Seit 2008 befindet sich der Verein, dem seit zwölf Jahren Dirk Zingler als Präsident vorsteht, in der 2. Liga und will perspektivisch noch höher hinaus, obwohl sich dieser Weg nach oben derzeit als sehr steinig erweist. Dazu gibt es ein schmuckes Stadion, in dem vor Heiligabend Tausende Menschen Weihnachtslieder singen, und eine rührige Fanszene, die einzigartig im deutschen Fußball ist.

Dabei war es 1965/66 gar nicht mal so sicher, dass aus der BSG Motor Oberschöneweide der 1. FC Union Berlin werden sollte, gab es doch im Ostteil Berlins mit dem BFC Dynamo und dem FC Vorwärts Berlin (ab 1971 FC Vorwärts Frankfurt/Oder) bereits zwei Fußball-Leistungszentren. Der Chef der DDR-Einheitsgewerkschaft FDGB, Herbert Warnke, machte sich für einen "zivilen Klub für die Werktätigen" stark. Nicht verhindern konnte er allerdings, dass der 1. FC Union zu DDR-Zeiten ein Nischendasein führte - ein Underdog im Vergleich zum bei den Union-Fans verhassten BFC.

Umso mehr genießen es die Anhänger mit den rot-weißen Schals, dass der zehnfache DDR-Meister zwei Spielklassen weiter unten in der Regionalliga campiert. Schon alleine das ist ein Grund, das Jubiläum ausgiebig zu feiern und sich dafür einen Hochkaräter wie Borussia Dortmund in die Alte Försterei zu laden. Am 24. Januar findet das Spiel statt.

Trainer- und Präsidentenkegeln in Jena

Grauer Viertliga-Alltag in Jena.
Grauer Viertliga-Alltag in Jena.(Foto: imago/Bild13)

Dagegen herrscht beim FC Carl Zeiss Jena Tristesse, die den Thüringer Verein von großen Feierlichkeiten absehen lässt. Lange ist es her, dass im Ernst-Abbe-Sportfeld hochklassiger Fußball zu sehen war, die aufstrebende Optik- und Universitätsstadt muss sich mit dem Regionalliga-Alltag zufrieden geben. Nach der Wende sah es zunächst gar nicht so schlecht aus, fanden sich die Jenaer doch in der 2. Fußball-Bundesliga wieder. Doch Nachhaltigkeit war zu dieser Zeit ein Fremdwort beim Traditionsverein.   

Die Misere ist hausgemacht: Sage und schreibe 35 Trainerwechsel gab es seit 1990 in Jena, 13 Mal wurde der Vereinspräsident ausgetauscht. In der laufenden Spielzeit unternimmt das Team von Trainer Volkan Uluc (er ist immerhin schon länger als ein Jahr im Amt) Anlauf auf die 3. Liga, wo man schon einmal war. Allerdings liegen die Saalestädter sechs Punkte hinter Wacker Nordhausen und fünf Punkte hinter dem FSV Zwickau auf Platz drei. Finanzielle Engpässe behindern kadermäßig große Sprünge. Immerhin ist im Verein unter dem neuen Präsidenten Lutz Lindemann, der als Spieler die besseren Jenaer Fußballzeiten erlebt hatte, etwas Ruhe eingekehrt.

EC-Finale mit "Geraer Bezirksauswahl"

Erfolgreiche Europapokal-Saison 1980/81: Jenas Trainer Hans Meyer mit seinem Assistenten Helmut Stein.
Erfolgreiche Europapokal-Saison 1980/81: Jenas Trainer Hans Meyer mit seinem Assistenten Helmut Stein.

Dabei war Stetigkeit auf dem Trainerposten einmal eine große Stärke des FC Carl Zeiss, der vor fünf Jahrzehnten aus dem SC Motor Jena hervorging. Georg Buschner (1958-1971) und Hans Meyer (1971-1983) waren die prägenden Gestalten auf dem Trainingsplatz unterhalb der Kernberge. Mit Buschner als Nationaltrainer erlebte auch die DDR-Nationalmannschaft ihre erfolgreichste Zeit. Er holte auch drei Meistertitel (1962/63, 1967/68 und 1969/70) nach Jena, unter Meyer kamen noch drei FDGB-Pokalsiege (1970/71, 1972/73 und 1979/80) hinzu. Europäischer Klubfußball war Pflicht im Ostthüringischen. Speziell bei der Personalie Hans Meyer zeigte die damalige Jenaer Klubspitze Mut: 28 Jahre war er bei Antritt seines Traineramtes gerade mal alt. Damit war er jünger als Stürmerstar Peter Ducke, der nicht gerade leicht zu führen war, und Torwart Wolfgang Blochwitz.

Unter Meyer erreichte Carl Zeiss Jena das Finale des Europapokals der Pokalsieger in Düsseldorf, das am 13. Mai 1981 gegen Dynamo Tiflis mit 1:2 verloren wurde. Auf dem Weg dahin hatten die Jenaer immerhin den AS Rom, den FC Valencia, Newport County und Benfica Lissabon aus dem Weg geräumt. Hans Meyer ist immer noch stolz darauf, hat er seiner Meinung nach das EC-Finale mit einer "Auswahl des Bezirkes Gera" erreicht. Ganz richtig ist diese Feststellung nicht, denn mit Libero Rüdiger Schnuphase und Mittelfeldspieler Lutz Lindemann waren zwei Spieler dabei, die vom FC Rot-Weiß Erfurt nach Jena "delegiert" wurden. Auch Stürmer Eberhard Vogel war 1970 vom FC Karl-Marx-Stadt zum FC Carl Zeiss gekommen.

Leipziger Europapokal-Abenteuer 

An begeisternde Europapokal-Spiele denkt man auch beim 1. FC Lok Leipzig zurück. 1974 waren die Mannen von Trainer Horst Scherbaum bis Uefa-Pokal-Halbfinale gekommen - dort unterlagen sie Tottenham Hotspur mit 1:2 und 0:2. Zuvor hatte die "Loksche" den AC Turin, Wolverhampton Wanderers, Fortuna Düsseldorf und Ipswich Town sportlich eliminiert. Das rund 100.000 Zuschauer fassende Zentralstadion erlebte begeisternde Spiele von Henning Frenzel, Wolfram Löwe, Wilfried Gröbner und Kollegen. Held des legendären Elfmeterschießens gegen Ipswich war Torwart Werner Friese, der drei Strafstöße hielt.

Finale im EC der Pokalsieger 1987: Die Kapitäne von Ajax Amsterdam und Lok Leipzig, Marco van Basten und Frank Baum, vor dem Anpfiff.
Finale im EC der Pokalsieger 1987: Die Kapitäne von Ajax Amsterdam und Lok Leipzig, Marco van Basten und Frank Baum, vor dem Anpfiff.(Foto: imago sportfotodienst)

Das Team aus dem Leipziger Ortsteil Probstheida gewann zwar keinen Meistertitel, war aber vier Mal (1976, 1981, 1986 und 1987) DDR-Pokalsieger. Höhepunkt der Lok-Vereinsgeschichte war das Erreichen den Finales im Europapokal der Pokalsieger gegen Ajax Amsterdam am 13. Mai 1987 in Athen. Gegen die Niederländer, die von Johan Cruyff trainiert wurden und mit Frank Rijkaard, Marco van Basten und Jan Wouters einige Hochkaräter in ihren Reihen hatten, unterlag das Team von Coach  Hans-Ulrich Thomale mit 0:1. Die Leipziger, die unter anderem mit René Müller, Matthias Lindner, Uwe Zötzsche, Heiko Scholz und Matthias Liebers aufliefen, mussten die spielerische Überlegenheit von Ajax anerkennen. Vor allem im Angriff machte die Lok zu wenig Dampf. Van Basten verhinderte mit seinem Tor in der 21. Minute den zweiten Europapokalsieg einer DDR-Mannschaft.

Aber auch die Sachsen waren von den gesellschaftlichen Umwälzungen im Osten Deutschlands betroffen. Am 1. Juni 1991 entschloss man sich in Probstheida dazu, den Traditionsnamen VfB Leipzig wieder anzunehmen. Nach zwei Jahren in der 2. Bundesliga folgte in der Saison 1993/94 ein Ausflug ins Fußball-Oberhaus - mit den Trainern Bernd Stange und Jürgen Sundermann. Nach dem Abstieg 1994 ging es mit dem VfB bergab - sowohl sportlich als auch wirtschaftlich. Die krampfhaften Versuche, durch teurer Trainer- und Spielerwechsel wieder in die Bundesliga aufzusteigen, gingen gründlich schief, zur Jahrhundertwende fand sich der Verein in der NOFV-Oberliga wieder. Ein Schuldenberg von fast 5 Millionen Euro sorgte dafür, dass der Verein im Sommer 2004 aufgelöst wurde.

Neubeginn ganz unten

Dass im Bruno-Plache-Stadion nicht endgültig die Lichter ausgingen, lag an 13 VfB-Fans, die bereits Ende 2003 den 1. FC Lok wiederbelebten. Auch der deutsche Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus ließ sich einspannen und rührte kräftig die Werbetrommel für die Gelb-Blauen. Es ging in der untersten Kreisklasse (11. Liga) wieder los. Der Zuschauerandrang war so groß, dass man in das Zentralstadion ausweichen musste. 12.421 Zuschauer (!) kamen im Oktober 2004 zum Spiel der Mannschaft von Trainer Rainer Lisiewicz gegen Eintracht Großdeuben II. Durch eine Fusion mit dem siebtklassigen SSV 52 Torgau wurde der Aufstiegsprozess abgekürzt. 2008 war man in der Oberliga und 2012 in der Regionalliga. Derzeit ist man unter Trainer Heiko Scholz Tabellenführer in der NOFV-Oberliga, Staffel Süd.

Aber auch mit Ex-Nationalspieler Mario Basler als "Geschäftsführer Sport" führt Lok in Leipzig ein Schattendasein. Die große Fußballmusik spielt im neuen Zentralstadion wo die Millionentruppe von RB Leipzig, hinter der der österreichische Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz steht, den Bundesligaaufstieg anpeilt. Der 1. FC Lok Leipzig hat aber dennoch ein großes Ziel: einmal in der 3. Liga zu spielen.

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Quelle: n-tv.de

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