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Die Fans des Halleschen FC beim Feiern im neu errichteten "Erdgas Sportpark".
Die Fans des Halleschen FC beim Feiern im neu errichteten "Erdgas Sportpark".(Foto: imago sportfotodienst)

HFC und RW Erfurt werden 50: Von Chemikern und Testkicks in Nordkorea

Von Christoph Rieke

In der dritten Liga geben sich acht ehemalige DDR-Oberligisten die Klinke in die Hand. Mit dabei: der Hallesche FC und Rot-Weiß Erfurt. An ihrem 50. Geburtstag geht der Blick zurück auf reichlich Tradition, Existenzängste und eine Tragödie im Uefa-Cup.

Der Tag ist erst wenige Stunden alt, als die niederländische Stadt Eindhoven aus dem Schlaf gerissen wird. Im Hotel "Silbernes Seepferd" ist eine Gasleitung explodiert. In den lodernden Flammen kämpfen die Gäste um ihr Leben - auch die Mannschaft des DDR-Oberligisten Hallescher FC Chemie, die am nächsten Tag gegen die PSV im Uefa-Cup spielen soll.

Anlässlich des 35. Jahrestages der Brandkatastrophe bekommt Klaus Urbanczyk 2006 vom damaligen PSV-Trainer Guus Hiddink ein PSV-Trikot überreicht.
Anlässlich des 35. Jahrestages der Brandkatastrophe bekommt Klaus Urbanczyk 2006 vom damaligen PSV-Trainer Guus Hiddink ein PSV-Trikot überreicht.

Klaus Urbanczyk spielt bei der Katastrophe vom 28. September 1971 eine besondere Rolle. Bevor er sein eigenes Leben in Sicherheit bringt, rettet der HFC-Star anderen Hotelgästen das Leben. "Nachdem das Feuer ausbrach, sind wir über die oberen Etagen gerannt und haben alle noch geweckt", erinnert er sich im Gespräch mit n-tv.de. "Wir waren nur im Pyjama. Als wir nach unten wollten, flogen uns die Balken entgegen." Um sich schließlich selbst außer Gefahr zu bringen, springt er aus fast acht Metern in die Tiefe. Wegen der schweren Verletzungen wird lange Zeit befürchtet, dass Urbanczyk ein Arm und ein Bein amputiert werden müssen.

Für den erst 21-jährigen Wolfgang Hoffmann kommt indes jede Hilfe zu spät. Das HFC-Talent erstickt bei dem Versuch, der Flammenhölle durch den Fahrstuhl zu entkommen. "Das waren schlimme Dinge, die wir dort erleben mussten", sagt Urbanczyk. Halle verzichtet auf das Spiel gegen die PSV Eindhoven und zieht sich aus dem Uefa-Cup zurück.

Uefa-Cup im Kurt-Wabbel-Stadion

Fußballerfolge in Halle an der Saale

ZSG Union Halle: Ostzonenmeister 1949,
BSG Turbine Halle: DDR-Meister 1952
SC Chemie Halle-Leuna: Pokalsieger 1956
SC Chemie Halle: Pokalsieger 1962

Beim HFC ist Urbanczyk nicht nur wegen seines damals selbstlosen Einsatzes bis heute eine Legende. Der Verteidiger ist einer der wenigen Fußballer, die während ihrer aktiven Laufbahn nie den Verein wechselten. "Darauf bin ich sehr stolz", verrät der heute 76-Jährige. Schon mit dem HFC-Vorgänger SC Chemie wird er 1962 Pokalsieger. Nach dem Gewinn von Olympia-Bronze in Tokio wird der Nationalspieler 1964 in der DDR nicht nur Fußballer, sondern auch Sportler des Jahres. Er ist der einzige, dem dieses Double jemals gelingt.

Programmtitel zum Uefa-Cup-Spiel des HFC Chemie gegen die PSV Eindhoven.
Programmtitel zum Uefa-Cup-Spiel des HFC Chemie gegen die PSV Eindhoven.(Foto: HFC-ARCHIV/ hallescherfc.de)

"Banne" ist auch am 26. Januar 1966 im Interhotel "Stadt Halle" dabei, als auf Anordnung des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) der Hallesche Fußball Club Chemie aus der Taufe gehoben wird. An die Erfolge der Vorgängervereine (siehe Infobox) kann der neu gegründete Oberliga-Klub jedoch nicht anschließen. "Wir waren eben eine Mannschaft, die vom eigenen Nachwuchs lebte. Die Möglichkeiten, einzukaufen, waren gering", erinnert sich Urbanczyk.

Nach fünf Jahren Abstiegskampf wachsen die "Chemiker" in der Saison 1970/71 überraschend über sich hinaus. Das junge Team um den bereits 31-jährigen Urbanczyk belegt Platz drei der Abschlusstabelle und sichert sich somit vor dem Erzrivalen aus Magdeburg einen Startplatz im Uefa-Cup. Am 15. September 1971 erkämpft sich der HFC im heimischen Kurt-Wabbel-Stadion ein vielversprechendes 0:0 gegen die PSV Eindhoven. Das Rückspiel findet wegen des tragischen Unglücks in Eindhoven offiziell jedoch nie statt.

Wilde Zeiten bei "Chemie"

Trotz Nationalspielern wie Bernd Bransch und Erhard Mosert steigt Chemie 1973 in die zweitklassige DDR-Liga ab. Niemand Geringeres als Klaus Urbanczyk, der 1972 seine Karriere beendet hatte, führt den HFC 1974 als Trainer zurück ins Fußball-Oberhaus. Nach einer mauen Saison verlässt er die Saalestädter, die fortan ein Randdasein in der Oberliga fristen. Von 1984 bis 1987 wird erneut nur zweitklassig gespielt.

Nach dem Abgang von Dariusz Wosz versinkt der HFC in der sportlichen Bedeutungslosigkeit. Wosz, derzeit Techniktrainer beim VfL Bochum,  betreibt in Halle einen Fanshop, der das Merchandising des HFC abwickelt.
Nach dem Abgang von Dariusz Wosz versinkt der HFC in der sportlichen Bedeutungslosigkeit. Wosz, derzeit Techniktrainer beim VfL Bochum, betreibt in Halle einen Fanshop, der das Merchandising des HFC abwickelt.

Nach dem Mauerfall erreicht das Team um Mittelfeldtalent Dariusz Wosz den vierten Platz in der NOFV-Oberliga sowie einen Startplatz in der 2. Bundesliga. Zudem darf der Klub, der fortan ohne "Chemie" im Namen auftritt, noch einmal im Uefa-Cup ran, scheidet aber 1991in der ersten Runde gegen Torpedo Moskau aus. Kurz darauf wechselt Wosz zum VfL Bochum. Der HFC versinkt anschließend in der sportlichen Bedeutungslosigkeit.

Nach mehreren Jahren im Amateurbereich gelingt mit dem Regionalligaaufstieg unter Trainer Sven Köhler 2008 die Rückkehr auf die bundesdeutsche Fußballbühne. Klaus Urbanczyk ist zufrieden mit der Entwicklung des HFC: "Seit 13 Jahren sind Leute an der Spitze, die ordentliche Arbeit machen." Seit dem Aufstieg 2008 ist "Chemie", wie der Klub von den Fans noch immer genannt wird, fester Bestandteil der 3. Liga, die mit acht Ostklubs wie eine DDR-Oberliga 2.0 anmutet.

Der HFC ist im modernen Fußballgeschäft angekommen. Nach einem mauen Saisonstart wird der verdiente Trainer Köhler 2015 beurlaubt. Seitdem leitet Stefan Böger das Team. Und das altehrwürdige Kurt-Wabbel-Stadion ist 2011 dem "Erdgas Sportpark" gewichen - einer überdachten Arena, aus der ein Maskottchen namens "Hallotri" grüßt. Laut HFC-Idol Urbanczyk gibt es allerdings etwas, das in Halle auch nach dem 50. Geburtstag Bestand hat: "Die Rivalität mit Magdeburg wird es immer geben. Das wird immer so bleiben."

Exportschlager Erfurter Fußballtradition

Auch beim FC Rot-Weiß Erfurt möchte man mit einem neuen Stadion eine neue Zeitrechnung einläuten. Bis zum Sommer soll das altehrwürdige Steigerwaldstadion in eine moderne Multifunktionsarena umgebaut werden. Zunächst richten sich die Erfurter Blicke jedoch zurück. Im Stadtgarten zelebriert man das 50-jährige Jubiläum - dem damaligen "Club der Jugend und Sportler", in dem am 26. Januar 1966 der Fußball-Club Rot-Weiß Erfurt gegründet wird.

"FC RWE. 1966-2016: Geschichten & Anekdoten aus 50 Jahren Rot-Weiß Erfurt" ist beim Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 29,90 Euro.
"FC RWE. 1966-2016: Geschichten & Anekdoten aus 50 Jahren Rot-Weiß Erfurt" ist beim Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 29,90 Euro.(Foto: Verlag Die Werkstatt)

Der DTSB stärkt mit der Gründung einen äußerst traditionsreichen Fußballstandort: Die Wurzeln reichen bis ins Jahr 1895 zurück, als der "Erfurter Kricket Club" gegründet wird. Nur fünf Jahre später nimmt der "SC Erfurt 1895" an der Gründungsversammlung des DFB in Leipzig teil. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist die Fußballeuphorie in Erfurt ungebrochen. Allein am Wettbewerb für das neue Vereinslogo gehen über eintausend Vorschläge beim Vorgängerverein "SC Turbine" ein.

Die Auftaktsaison in der Oberliga verläuft denkbar unglücklich: Mit Trainer Helmut Nordhaus, ein Jahrzehnt zuvor noch Meister mit den Vorgängervereinen BSG Turbine (1954) und SC Turbine (1955), steigen die Rot-Weißen 1966 aus dem damaligen Georgi-Dimitroff-Stadion mit nur 26 geschossenen Toren ab.

Ein Jahr nach dem sofortigen Wiederaufstieg ereignet sich ein Kuriosum deutscher Fußballgeschichte. Im Sommer 1968 reist die Mannschaft für zwei Tage nach Nordkorea. "Völlig übermüdet verlor die Mannschaft in Pjöngjang vor 85.000 Zuschauern gegen eine angebliche Armeemannschaft, die aber in Wahrheit die Nationalmannschaft war, mit 0:4", weiß RWE-Vereinschronist Kurt Gaida in Marco Fischers Jubiläumsbuch "FC RWE. 1966-2016" zu berichten. Nach drei weiteren Oberligajahren geht es 1971 erneut in die Zweitklassigkeit. Erst nach der abermaligen Rückkehr ins Fußball-Oberhaus kann sich RWE ab 1972 im Mittelfeld der Oberliga etablieren.

"Kimme" macht die Erfurter Fans glücklich

Es ist eine Ära, die untrennbar mit Jürgen Heun verbunden ist. Der Mittelstürmer mit dem merkwürdigen Spitznamen "Kimme" absolviert in seiner Karriere 475 Spiele für RWE und schießt insgesamt stolze 155 Tore. Bis heute ist er damit in beiden Kategorien unangefochtener Spitzenreiter in der Geschichte des Klubs. Kein Wunder also, dass die Fans später ihr Idol zum Erfurter Fußballer des Jahrhunderts wählen.

1991 bezwingt Rot-Weiß Erfurt überraschend den FC Groningen und zieht in die zweite Runde des Uefa-Cups ein.
1991 bezwingt Rot-Weiß Erfurt überraschend den FC Groningen und zieht in die zweite Runde des Uefa-Cups ein.(Foto: imago/VI Images)

Mit dem 17-maligen Nationalspieler Heun feiern die Blumenstädter schließlich ihre größten Erfolge. 1980 erreichen sie das Pokalendspiel gegen den Erzrivalen aus Jena, 1983 verpasst man mit Platz fünf in der Oberliga den Uefa-Cup um nur fünf Tore. 1985 sowie 1986 erringt RWE den Gruppensieg im Intertoto-Cup - ausgerechnet mit der Jenaer Trainerlegende Hans Meyer.

In der letzten DDR-Saison erreicht RWE 1991 den dritten Platz und qualifiziert sich somit sowohl für die 2. Bundesliga als auch für den Uefa-Cup. Nach zwei überraschenden Siegen gegen den FC Groningen scheitern die Thüringer erst in der zweiten Runde - am späteren Pokalsieger Ajax Amsterdam. Rot-Weiß Erfurt ist somit der letzte Verein aus dem DDR-Spielbetrieb, der in einem internationalen Wettbewerb vertreten ist.

Existenzrettungen in jeweils letzter Minute

Im Oktober 2014 nehmen die Erfurter Fans nach dem Spiel gegen den FC Groningen Abschied vom alten Steigerwaldstadion.
Im Oktober 2014 nehmen die Erfurter Fans nach dem Spiel gegen den FC Groningen Abschied vom alten Steigerwaldstadion.(Foto: imago/Karina Hessland)

Dem Abstieg 1992 folgen zwölf Jahre Drittklassigkeit. Der Tiefpunkt wird 1997 erreicht, als der Verein vor der Insolvenz steht. Der spätere (Ehren-)Präsident Klaus Neumann rettet den Verein - mit reichlich Geschäftssinn und 2,5 Millionen Mark aus eigener Tasche. Nach dem Rückzug von Neumann im Jahr 2000 droht RWE in die Viertklassigkeit abzurutschen. 2002 hält der sportliche Absteiger nur die Klasse, weil dem SSV Ulm die Lizenz entzogen wird.

Nach einem kurzen wie überraschenden Zweitliga-Intermezzo 2004 kämpft RWE erneut um die Existenz. Dank der enormen Spendenbereitschaft von Fans und Sponsoren sowie des Einsatzes des neuen Präsidenten Rolf Rombach gelingt es, eine Insolvenz abermals abzuwenden. "Fünf Minuten vor Abgabefrist habe ich persönlich beim DFB in Frankfurt unsere Lizenzunterlagen eingereicht", erinnert sich Rombach. Auch sportlich rettet sich der Klub in letzter Minute. Am letzten Spieltag gelingt RWE der Klassenerhalt - dank eines 5:1-Sieges in Wattenscheid und eines besseren Torverhältnisses gegenüber Preußen Münster.

Nach der Qualifikation zur 3. Liga im Jahr 2008 scheint sich Rot-Weiß in ruhigeren Fahrwassern zu bewegen. Doch im Dezember 2015 ereilt den Klub die nächste Hiobsbotschaft: Wegen Liquiditätsproblemen verhängt der DFB ein Transferverbot gegen RWE. Weil die Finanzlücke vor allem durch Stundungen einiger Forderungen geschlossen wird, wird die Sperre pünktlich zum 50. Vereinsjubiläum wieder aufgehoben.

Nach den nostalgischen Geburtstagsfeierlichkeiten wird der Blick wieder nach vorn gerichtet. Wie in Halle träumt man auch in der thüringischen Landeshauptstadt davon, dass im neuen Stadion schon bald wieder Zweitligafußball gespielt wird.

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Übrigens: Im April 2006 reist die PSV Eindhoven 35 Jahre nach der Brandkatastrophe von 1971 zum "symbolischen Uefa-Cup-Rückspiel" nach Halle. Im Kurt-Wabbel-Stadion besiegt das Team von Trainer Guus Hiddink den HFC mit 12:2.

Quelle: n-tv.de

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