Sport
Josep Guardiola will in seinem dritten und letzten Jahr beim FC Bayern endlich die Champions League gewinnen.
Josep Guardiola will in seinem dritten und letzten Jahr beim FC Bayern endlich die Champions League gewinnen.(Foto: imago/Jan Huebner)

Unvollendet - oder einfach gut?: Warum Guardiola nicht immer siegen muss

Von Stefan Giannakoulis, München

Die Sache mit dem Viertelfinale hat einen Haken: Solange er mit dem FC Bayern die Champions League nicht gewinnt, muss sich Josep Guardiola anhören, dass genau das seine Aufgabe ist. Sonst sei er gescheitert. Was für ein Unsinn.

Natürlich ist nicht alles glatt gelaufen gegen Juventus Turin an diesem Mittwochabend. Wenn der FC Bayern in einem Achtelfinale der Champions League nach einer halben Stunde im eigenen Stadion mit zwei Toren zurückliegt; wenn er dazu noch Glück hat, dass der schwedische Schiedsrichter Jonas Eriksson bei einem Tor Álvaro Moratas auf Abseits entscheidet; und wenn der Gastgeber bis kurz vor der Pause keine ernsthafte Torchance zu verzeichnen hat - dann ist das ganz bestimmt nicht das, was sie in München erwartet hatten.

FC Bayern - Juventus 4:2 (2:2, 0:2) n.V.

Tore: 0:1 Pogba (6.), 0:2 Cuadrado (28.), 1:2 Lewandowski (73.), 2:2 Müller (90.+1), 3:2 Thiago (108.), 4:2 Coman (110.)

München: Neuer - Lahm, Kimmich, Benatia (46.  Bernat), Alaba - Alonso (60. Coman) - Thomas Müller, Vidal - Costa,  Ribery (101. Thiago) - Lewandowski
Turin: Buffon - Lichtsteiner, Barzagli, Bonucci, Evra - Khedira  (68. Sturaro), Pogba - Cuadrado (89. Pereyra), Alex Sandro - Morata  (72. Mandzukic), Hernanes

Referee: Eriksson (Schweden) Zus: 70.000 (av)
Schüsse: 27:16 Ecken: 5:2 Ballbes: 70:30

Aber am Ende haben sie nun einmal gewonnen, in nahezu berauschender Manier, mit 4:2 nach Verlängerung. Nun können sie sich wieder zu den acht besten Fußballmannschaften des Kontinents zählen und sich auf die Auslosung der vier Viertelfinalspiele am Freitag ab zwölf Uhr freuen, die dann am 5. und 6. sowie am 12. und 13. April stattfinden.

Aber egal, ob es dann für die Münchner gegen Real (super schwer) oder Atlético Madrid (schwer), den VfL Wolfsburg (Freilos), Benfica Lissabon (machbar), Paris St. Germain (Zlatan!), Manchester City (lustig, weil Guardiolas nächster Verein) oder den FC Barcelona (super, super schwer) geht - eine Diskussion wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dann neue Fahrt aufnehmen: Ob Guardiola, wenn nicht als gescheitert, so doch als unvollendet gelten muss, wenn er in seinem dritten und letzten Jahr beim FC Bayern nicht endlich die europäische Königsklasse gewinnt. Was für ein Unsinn.

Joachim Löw als Gurke des Jahrhunderts?

Spätestens nach dieser grandiosen Wendung, nach diesem dramatischen Sieg gegen Juve müsste doch auch dem letzten Kritiker klar sein, worauf es letztlich im Spitzenfußball ankommt: Es ist das Glück, das den Ausschlag gibt. Oder eben das Pech, das kommt auf die Perspektive an. Es sind Details, die entscheiden. Massimiliano Allegri ist doch kein schlechter Trainer, weil Juventus die Partie noch verloren hat. Und was wäre gewesen, wenn die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien ihr Achtelfinale gegen Algerien verloren hätte, was durchaus im Bereich des Möglichen war? Wäre Joachim Löw, der sich nun Weltmeistertrainer nennen darf, als Gurke des Jahrhunderts in die Geschichte eingegangen? Wahrscheinlich schon. Aber was für ein Unsinn.

Guardiola schwört seine Mannschaft vor der Verlängerung auf den Sieg ein.
Guardiola schwört seine Mannschaft vor der Verlängerung auf den Sieg ein.(Foto: imago/ActionPictures)

Ja, Guardiola und die Bayern haben gegen Turin Glück gehabt. Aber ganz abgesehen davon, dass diese Partie große Fußballunterhaltung war, die nur zustande kam, weil die Münchner anfangs weit unter ihren Möglichkeiten blieben, ist es doch so: Keine Mannschaft auf diesem Planeten gewinnt irgendeinen Titel, ohne ein bisschen vom Schicksal begünstigt zu sein. Und Guardiola ist ein Trainer, dem es offenbar besser und häufiger als anderen in seiner noch relativ jungen Karriere gelingt, dieses Glück auch notfalls zu erzwingen.

Das klappt nicht immer, mit dem FC Bayern ist er in den vergangenen beiden Jahren gegen Real Madrid und den FC Barcelona jeweils im Halbfinale nach bitteren Lehrstunden ausgeschieden. Er hat aber mit dem FC Barcelona die Königsklasse auch schon zweimal gewonnen. Und ja, vielleicht hat er am Mittwochabend die falsche Startaufstellung gewählt, eine These die vor allem deshalb so interessant ist, weil sie im Nachhinein weder zu verifizieren noch zu falsifizieren ist. Aber er hat sich korrigiert, erst Kingsley Coman für Xabi Alonso, dann Thiago Alcántara ins Spiel gebracht. Beide trafen dann in der Verlängerung.

"Es stimmt einfach nicht"

Egal, wie diese Saison endet, egal, mit wie vielen Titeln Guardiola im Sommer die Stadt verlässt und gen Manchester in die englische Premier League zieht: Er ist nicht gescheitert, wenn er die Champions League nicht gewinnt. Nicht nach diesem Spiel, das im Grunde perfekt gezeigt hat, wie viel vom Zufall abhängt. Erfolg im Sport, insbesondere im Fußball, ist nun einmal nicht planbar. Es kann immer etwas dazwischen kommen - zum Beispiel ein einen Tick stärkerer - oder eben glücklicherer - Gegner.

Das Problem ist nur, dass sie sich beim FC Bayern darüber nicht ganz einig sind. Uli Hoeneß, Ex-Präsident und nach seiner Haft nun Freigänger, hatte jüngst gesagt: "Pep ist angetreten, um mindestens einmal die Champions League zu gewinnen." Und mithin das Triple. Was impliziert, dass diese Saison seine letzte Chance ist. Dem widersprach nun Matthias Sammer, Chefmahner und Sportvorstand - vor dem Achtelfinale gegen Turin, live und in Farbe beim Bezahlsender Sky. Er freue sich zwar, dass der Uli so etwas sage - den er ja auch sehr schätze. In diesem Fall habe er aber Unsinn erzählt. "Es stimmt einfach nicht", sagte Sammer.

Bei Sport 1 präzisierte er: "Intern spricht bei uns niemand von der Zielsetzung Triple. Es ist ja an sich nichts Schlechtes, wenn Uli das so meint. Aber ich muss das als sportlich Verantwortlicher korrigieren, weil das nämlich völlig falsche Prioritäten setzt." Und: Es sei "auch ein bisschen unglaubwürdig: Wir haben das die ganze Zeit nicht gemacht, und werden das auch nicht bis zum Ende der Saison tun. Außer: Wir wollen unbedingt das vierte Mal deutscher Meister werden - das andere nehmen wir auch mit, aber wir benennen es nicht, dass wir das müssen". Das könnte noch eine interessante Saison werden beim FC Bayern - so oder so. Am Ende aber ist es, wie es Juves Allegri sagte: "So ist das auf diesem Niveau: Du kannst weiterkommen, du kannst aber auch ausscheiden."

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen