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Frühwarnsysteme blieben stumm: Wettskandal beschämt Verbände

Der gigantische Manipulationsskandal im Weltfußball erschüttert auch das Vertrauen in die Präventionsmaßnahmen der Großverbände. Die von Fifa und Uefa etablierten Frühwarnsysteme haben im aktuellen Skandal versagt - und dürften das auch weiterhin tun. Die Defizite lassen sich kaum beheben, weil das kaum regulierte Zockerparadies Asien nicht erfasst wird.

Sportwetten boomen in Asien - weil sich dort auf fast alles nahezu unreguliert wetten lässt, und beim Ausgang der Wetten gegebenenfalls nachgeholfen wird.
Sportwetten boomen in Asien - weil sich dort auf fast alles nahezu unreguliert wetten lässt, und beim Ausgang der Wetten gegebenenfalls nachgeholfen wird.(Foto: dpa)

Der von Europol mit klassischer Ermittlungsarbeit aufgedeckte Fußball-Wettskandal stellt die Maßnahmen der Großverbände Fifa und Uefa gegen Wettbetrug und Spielmanipulationen infrage. Sowohl der Fußball-Weltverband als auch die Europäische Fußball-Union arbeiten seit Jahren mit Software-Anbietern zusammen, die weltweit ungewöhnliche Quotenbewegungen bei Spielen in ihren Wettbewerben registrieren sollen – und Alarm schlagen bei verdächtigen Partien.

Die Fifa vertraut auf das Early Warning System (EWS), das erstmals bei der WM 2006 getestet wurde. Die Uefa arbeitet wie auch der DFB und die DFL mit der Sportradar AG zusammen. Die Logik der eingesetzten Software ist einfach und basiert primär auf dem statistischen Vergleich von Wetteinsätzen: Die Frühwarnsysteme schlagen Alarm, wenn besonders hohe oder sich häufende kleine Einsätze sowie Wettmuster registriert werden. Auch Quoten, die sich schnell in eine Richtung ändern, sind ein Anhaltspunkt. Dies alles ist bei Live-Wetten nur schwer erkennbar.

Diese einfache Logik macht die Systeme zudem auch anfällig für Manipulationen, wie sie nun von Europol aufgedeckt wurden. Das berichtet "Spiegel Online" unter Berufung auf einen Uefa-Mitarbeiter. Demnach bliebe die Software "faktisch blind", wenn "viele einzelne, kleine Wetteinsätze bei vielen unterschiedlichen Wettannahmestellen" getätigt werden.

Effektivität? Fehlanzeige

Die nun erhobene Forderung des CDU-Politikers Wolfgang Bosbach, man müsste "dringend überprüfen, ob die von den Verbänden bisher installierten nationalen und internationalen Frühwarnsysteme tatsächlich effektiv sind", läuft ins Leere.

Das Urteil von Ermittler Friedhelm Althans über die Frühwarnsysteme von Uefa und Fifa ist vernichtend.
Das Urteil von Ermittler Friedhelm Althans über die Frühwarnsysteme von Uefa und Fifa ist vernichtend.(Foto: dpa)

Die Antwort darauf hat Friedhelm Althans, der Bochumer Chefermittler im Prozess gegen Wettpate Ante Sapina, bereits in Den Haag gegeben. Er stellte nüchtern fest, die teuren Frühwarnsysteme der Uefa und der Fifa seien "bisher ohne jeden messbaren Wert geblieben". Das heißt: Effektivität – Fehlanzeige, zumindest global betrachtet.

Der Horizont der Frühwarnsysteme endet zu oft an den Grenzen Europas. Überprüft werden fast ausschließlich die "mittelgroßen bis großen Wettanbieter in Europa", zitiert "Spiegel Online" den Uefa-Experten: "Die vielen kleinen, zum Teil halblegalen oder auch illegalen Wettfirmen in Asien haben doch gar kein Interesse an Kooperationen mit den offiziellen Verbänden."

Asien als Paradies für Zocker

Merk will Anti-Manipulations-Gesetz

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) hat angesichts des neuen Fußball-Wettskandals einen eigenständigen Straftatbestand gegen Manipulation im Sport gefordert. "Die Entwicklungen zeigen, dass wir dringend über ein umfassendes Gesetz zum Schutz des Sports nachdenken müssen. Chancengleichheit und Fairness im Sport werden nicht nur durch Doping gefährdet. Auch die Bestechungsskandale der letzten Jahre erschüttern die Glaubwürdigkeit des Sports."

Im Gegensatz zu Europa lässt sich in Asien auf fast alles wetten, auch auf in Europa verbotene Varianten - und das weitgehend anonym und ohne störende Höchstgrenzen bei den Einsätzen. Mit großen Beträgen lassen sich so große Gewinne generieren – eine große Verlockung für die asiatische Wettmafia, die nach den Erkenntnissen der Europol-Ermittler eines ihrer Zentren in Singapur hat.

Die Einflussnahme läuft über Kooperationen mit europäischen Wettpaten wie Ante Sapina, indem beispielsweise die Manipulationen mitfinanziert werden. Oder die Wettpaten manipulieren direkt in Europa. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf einen ungarischen Europol-Ermittler: "Das ungarische Bandenmitglied, das direkt unter dem Boss aus Singapur stand, hielt Kontakt mit Schiedsrichtern, die ihre Spiele beeinflussen konnten. Komplizen setzten dann übers Internet oder telefonisch Geldbeträge bei Buchmachern in Asien, wo Wetten akzeptiert werden, die in Europa illegal sind."

Fifa-Millionen für Interpol

Eine Regulierung der asiatischen Wettmärkte, die sich Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino wünscht und die auch die Frühwarnsysteme der Großverbände effektiver machen würde, scheint ein nicht erfüllbarer Wunsch.

Erfolgversprechender im Kampf gegen Wettbetrug scheint da die 20-Millionen-Euro-Spende der Fifa an Interpol, mit der der skandalumtoste Fifa-Boss Joseph Blatter die Öffentlichkeit kurz vor seiner umstrittenen Wiederwahl im Mai 2011 überraschte. Mit dem Geld wird ein Zehn-Jahres-Programm im Kampf gegen illegale und irreguläre Wetten sowie Spielmanipulationen finanziert, also echte Polizeiarbeit unterstützt. Im Interpol Global Complex (IGC) wird dazu ein "Fifa Anti-Corruption Training Wing" eingerichtet, der sich allerdings nicht mit den Skandalen in der Fifa selbst beschäftigen wird. Der Sitz des IGC ist übrigens: Singapur.

Quelle: n-tv.de

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