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"Success, das englische Wort für Erfolg, hat nicht umsonst den lateinischen Ursprung succedere: nachfolgen. Bei Erfolg folgen auch weitere gute Dinge nach": Ralf Rangnick.
"Success, das englische Wort für Erfolg, hat nicht umsonst den lateinischen Ursprung succedere: nachfolgen. Bei Erfolg folgen auch weitere gute Dinge nach": Ralf Rangnick.(Foto: imago/Picture Point)

Stadionausbau nach dem Aufstieg?: Wie Chefdesigner Rangnick RB Leipzig formt

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

Der Aufstieg in die Bundesliga gilt als ausgemachte Sache; wer soll RB Leipzig aufhalten? Trainer Ralf Rangnick sucht einen Nachfolger, das Team ist taktisch reif, der Kapitän schwärmt vom Zusammenhalt, die Fans goutieren es.

Um komplett abschalten zu können, verbringt Ralf Rangnick seinen Weihnachtsurlaub nicht im heimischen Backnang; stattdessen ist er mit Frau Gabi und seinen Söhnen "in die Sonne" geflogen. Doch nicht nur der Ort weit entfernt vom Alltag, sondern auch die Situation bei Rasenballsport Leipzig wird dazu beitragen, dass der Trainer und Sportdirektor der Leipziger tatsächlich ausspannen kann - soweit das dem Workaholic Ralf Rangnick eben möglich ist.

"Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns als Mannschaft gefunden haben": Kapitän Dominik Kaiser.
"Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns als Mannschaft gefunden haben": Kapitän Dominik Kaiser.(Foto: imago/Picture Point LE)

Mit einem für die zweite Fußball-Bundesliga beinahe unheimlichen Lauf von neun Siegen aus den jüngsten zehn Ligaspielen überwintert RB Leipzig als Spitzenreiter. Acht Punkte trennen den Tabellenführer bereits von Relegationsrang drei, bereits elf Zähler von Rang vier. Den angepeilten Schnitt von zwei Punkten pro Begegnung ist RB schon einen Sieg voraus. Es sieht also alles danach aus, als steige der Red-Bull-Klub im Sommer ungefährdet in die Bundesliga auf - als 55. Teilnehmer seit der Gründung 1963.

Zwar war angesichts der Qualität des knapp 40 Millionen Euro teuren Kaders - diesen Marktwert haben die Kollegen von transfermarkt.de ausgerechnet - sowie der Amtsübernahme des Aufstiegsexperten Rangnick als Cheftrainer auch nichts anderes zu erwarten gewesen. Doch die ersten, zähen Wochen, als RB zwischenzeitlich bloß auf Rang sechs stand, haben gezeigt, dass sich das Team den aktuellen Höhenflug schwer erarbeiten musste. Als Kapitän Dominik Kaiser jüngst Bilanz der Hinrunde zog, sagte er: "Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns als Mannschaft gefunden haben." Dieser Entwicklungsprozess sei jedoch bei Spielern und Trainern "eingeplant gewesen".

Auffällig ist die starke Auswärtsbilanz

So konnte man der Mannschaft in dieser Saison förmlich beim Reifeprozess zusehen. Der unrunden Startphase mit einer Niederlage und fünf Unentschieden folgten knappe Sie ge; in den letzten beiden Heimspielen dieses Jahres gegen den MSV Duisburg und den FSV Frankfurt gab es dann regelrechte Torexplosionen mit je drei Toren in den letzten fünf beziehungsweise am Spieltag darauf binnen neun Minuten. Es war förmlich zu greifen, wie die Mannschaft ihre Fesseln ablegte. "Das hat mit der Spielentwicklung zu tun. Wenn das erste Tor gefallen ist, fällt uns vieles leichter", sagte der Englischlehrer Rangnick hernach. "Success, das englische Wort für Erfolg, hat nicht umsonst den lateinischen Ursprung succedere: nachfolgen. Bei Erfolg folgen auch weitere gute Dinge nach."

Mit einem Schnitt von 28.172 Fans pro Heimspiel stehen die Sachsen aktuell hinter dem FC St. Pauli auf Rang zwei des Zuschauer-Rankings
Mit einem Schnitt von 28.172 Fans pro Heimspiel stehen die Sachsen aktuell hinter dem FC St. Pauli auf Rang zwei des Zuschauer-Rankings(Foto: imago/Picture Point LE)

Zu Beginn der Saison hatte der Spieler- und Klubentwickler Rangnick vor allem Wert auf die Balleroberung gelegt, Grundstein des aufwendigen Pressing-Gegenpressing-Systems, dem Grundgesetzt bei RB Leipzig. Darunter litt die spielerische Komponente bei eigenem Ballbesitz. Erst in der zweiten Hälfte der Rückrunde tat sich RB gegen die meist massiert abwehrenden Gegner leichter beim Herausspielen von Torchancen. Auffällig ist dabei vor allem die starke Auswärtsbilanz: Seit der Niederlage bei Bundesligaaufsteiger FC Ingolstadt im Mai der vergangenen Saison ist RBL in der Liga auf fremden Plätzen ungeschlagen. Die vergangenen fünf Auswärtsspiele gewann die Rangnicks-Elf allesamt. Einer der gravierenden Unterschiede zur Vorsaison.

Das Teamgefüge, das haben die mitunter "dreckigen" Siege gezeigt, ist bei RB absolut intakt. "Die Mannschaft steht extrem eng zusammen", sagte Kapitän Kaiser. Es gibt weder Grüppchenbildungen, noch haben neue Spieler Integrationsprobleme. Im Gegenteil: Neuzugänge wie Marcel Sabitzer und Stefan Ilsanker haben Rasenballsport Stabilität und Mentalität verliehen. Das hilft vor allem dabei, in der teils aggressiven Auswärtsatmosphäre zu bestehen. Als RB im letzten Spiel des Jahres in Ingolstadt in der ersten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich kassierte, ließ sich das Team überhaupt nicht beeindrucken und erzielte in der 93. Minute noch den Siegtreffer. "Wichtige Spieler haben in der vergangenen Saison Erfahrungen gesammelt, und die Neuen haben sehr, sehr gut hineingefunden und den Kampf voll angenommen", sagt Kaiser. "Als Truppe fangen wir das sehr gut auf." Rangnick hat seine Siegermentalität den Spielern vorgelebt und bezeichnet sein Team als ein "mittlerweile richtig verschworener Haufen". Der Chefdesigner bei RBL sagt: "Wir sind zufrieden mit der Entwicklungsgeschichte hier in Leipzig, auch weil ich sehe, wie sich die Spieler füreinander einbringen und freuen. Jeder gönnt jedem alles, und trotzdem verhält sich jeder professionell."

"Das hat uns einen Riesenschub gegeben"

Rangnick beweist dabei nicht nur das richtige Händchen bei der taktischen Ausrichtung seiner Spieler; mittlerweile kann RB auch innerhalb eines Spiels variabel zwischen diversen Grundordnungen hin- und herschalten. Je nach Spielsituation agiert das Team als 4-2-2-2-, 4-2-3-1- oder wie zuletzt daheim in der offensiven 4-1-3-2-Formation. Rangnick trifft offensichtlich auch den Ton im Umgang mit seinen Spielern. "Er gibt Dinge nicht knallhart vor, sondern versucht, sich in unsere Gefühlslage hineinzuversetzen und nimmt uns Spieler mit ins Boot", sagte Kaiser. "Das macht uns stark." Der Trainer achte "auf jedes kleines Detail. Das hat uns einen Riesenschub gegeben in diesem Jahr." So bleibt der Eindruck, dass ausgehend von Rangnicks Ehrgeiz, Akribie und dessen Siegermentalität alle im Klub in jedem Bereich noch einmal ein paar Prozent mehr leisten als in der vergangenen Spielzeit.

Die Anhänger goutieren das. Mit einem Schnitt von 28.172 Fans pro Heimspiel stehen die Sachsen aktuell hinter dem FC St. Pauli auf Rang zwei des Zuschauer-Rankings. Im Falle eines Aufstiegs denkt der Klub darüber nach, die 43.000-Zuschauer-Arena auf eine Kapazität von 57.000 aufzustocken. Strukturell sind die Leipziger seit dem Bezug der neuen, knapp 35 Millionen Euro teuren Akademie, die hierzulande ihres gleichen sucht, ohnehin blendend aufgestellt. Ein neuer Geschäftsführer - die bisherigen Amtsträger Ulrich Wolter und Frank Zimmermann, fungieren jetzt als Abteilungsleiter - ist auch schon gefunden und soll spätestens im Juli anfangen. Solange übernimmt Red-Bull-Multifunktionär Oliver Mintzlaff den Job kommissarisch mit; Vereinsvorstand und Fußballchef des Konzerns ist er bereits.

Bleibt wie im vergangenen Jahr die Suche nach einem neuen Trainer für die Spielzeit 2016/2017. Bisher ist geplant, dass Rangnick den Trainerjob nach erfolgreicher Aufstiegsmission im Sommer wieder abgibt. Am höchsten steht derzeit wohl der Mainzer U23-Trainer Sandro Schwarz als sein Nachfolger im Kurs. "Natürlich kennen wir Sandro Schwarz und wissen, dass es sich bei ihm um einen durchaus begabten Trainer handelt. Aber das ist bei weitem nicht die einzige Personalie, die bei uns momentan diesbezüglich eine Rolle spielt", sagte Rangnick. Hoffenheims Ex-Coach Markus Gisdol, der RB im Frühjahr abgesagt hatte, steht aktuell dem Vernehmen nach nicht ganz oben auf der Wunschliste. Stand jetzt ist noch keine Entscheidung gefallen, konkrete Gespräche mit Klubs und Kandidaten werden erst im neuen Jahr geführt. Bis dahin können Rangnick und die Spieler guten Gewissens ausspannen. Wegen der guten Leistungen gönnt der Chef seinem Team und sich selbst drei Tage mehr Urlaub als geplant.

Quelle: n-tv.de

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