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Neulich beim 2:0 gegen West Bromwich Albion:  Arsène Wenger bringt Mesut Özil und nimmt Alexis Sanchez heraus.
Neulich beim 2:0 gegen West Bromwich Albion: Arsène Wenger bringt Mesut Özil und nimmt Alexis Sanchez heraus.(Foto: imago/PA Images)
Dienstag, 17. Oktober 2017

FC Arsenal = FC Anspruchslos: Wie Wenger Özil und die Stars vertreibt

Von Hendrik Buchheister, Manchester

Arsène Wenger hat dem englischen Fußball das schöne Spiel und dem FC Arsenal ein paar Trophäen geschenkt. Doch den Absprung verpasst er. Wieder zeigt sich, dass bei dem Klub Mittelmaß regiert, bedauert unser Autor.

Zum Anfang ein Blick zurück, auf ein Spiel, das allen Fans des FC Arsenal zu gleichen Teilen Freude und Schmerz bereiten dürfte. Im Februar 2011 war der FC Barcelona im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League zu Gast im Norden Londons, mit einem langhaarigen, Tattoo-freien Lionel Messi. Barcelona ging 1:0 in Führung, was im Normalfall der Auftakt zu einer Demontage gewesen wäre. Doch Arsenal kam zurück und gewann 2:1 durch Treffer von Robin van Persie und Andrej Arschawin. Es war ein Spektakel, ein Manifest von Willenskraft und Kampfgeist, ein Manifest fußballerischer Klasse. Und es war das bislang vielleicht letzte wirklich große Spiel des FC Arsenal. Deshalb die gemischten Gefühle: Freude. Und Schmerz.

16. Februar 2011: Robin van Persie hat soeben das 1:1 gegen den FC Barcelona erzielt.
16. Februar 2011: Robin van Persie hat soeben das 1:1 gegen den FC Barcelona erzielt.(Foto: imago sportfotodienst)

Das Rückspiel in Barcelona ging 1:3 verloren, der Klub schied im Achtelfinale aus, wie seitdem in jeder Saison, zuletzt sogar durch zwei 1:5-Niederlagen gegen den FC Bayern. In dieser Spielzeit ist Arsenal nicht einmal mehr in der Champions League vertreten, muss sich mit der Europaliga begnügen. In der Liga scheint der Verein ein Abo auf den vierten Tabellenplatz zu haben, genau wie der Hamburger SV in der Bundesliga ein Abo auf den Relegationsplatz zu haben scheint. Und genau wie über den Hamburger SV in Deutschland wird in England über Arsenal gespottet. Ein Beispiel, auf Englisch, weil sonst der Wortwitz nicht funktioniert: "Why can't Arsenal open a restaurant? Because they have no silverware." Silverware bedeutet Besteck. Aber auch: Pokale. Es gibt Tausende solcher Späße.

In dieser Saison ist der Meistertitel schon wieder früh außer Reichweite, selbst mit dem vierten Platz wird es schwer. Die Mannschaft ist nach acht Spieltagen Sechster und hat beim 1:2 am Wochenende gegen Watford (nach einer 1:0-Führung durch Per Mertesacker) schon die dritte Niederlage kassiert. Was Arsenal seit Jahren spielt, ist nicht richtig schlecht, aber es ist eben auch nicht richtig gut. Es ist Mittelmaß. Der Klub, den eigentlich jeder sympathisch findet, weil früher Profis wie Thierry Henry, Robert Pires oder Freddie Ljungberg sein Trikot trugen und er noch früher die Kulisse für Nick Hornbys Fußballbibel "Fever Pitch" war, ist mittlerweile vor allem eins: irgendwie egal. Eine traurige Entwicklung.

Nicht vorwärts, höchstens seitwärts

Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, ist freier Journalist, schreibt nicht nur über Fußball und berichtet seit dieser Saison aus Manchester über das sportliche Geschehen in England. Just ist sein Buch "Choreo - Kunstwerke aus deutschen Fußball-Fankurven" erschienen.
Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, ist freier Journalist, schreibt nicht nur über Fußball und berichtet seit dieser Saison aus Manchester über das sportliche Geschehen in England. Just ist sein Buch "Choreo - Kunstwerke aus deutschen Fußball-Fankurven" erschienen.(Foto: Verena Knemeyer)

Das Gesicht dieser Entwicklung ist Trainer Arsène Wenger, der Franzose. Seine Verdienste sind unbestritten. Mit seiner Ankunft vor 21 Jahren leitete er einen Kulturwandel im englischen Fußball ein. Er bewies, dass auch Übungsleiter aus dem Ausland erfolgreich sein können im so genannten Mutterland dieses Sports, und das mit bis dahin unbekannten Mitteln. Mit gepflegtem Passspiel, technisch anspruchsvoll, ästhetisch hochwertig.

Mittlerweile wird ein Großteil der Klubs in der Premier League von Trainern aus dem Ausland betreut. Das schöne Spiel wird als Ideal angesehen, was zum Beispiel an der Bewunderung für den Fußball zu erkennen ist, den Manchester City in dieser Saison unter Trainer Josep Guardiola zeigt. Wenger führte Arsenal zu drei Meisterschaften, 2004 sogar ohne Niederlage, schaffte mit dem Klub 2006 den Einzug ins Finale der Champions League und hat sieben Siege im FA-Cup zu verantworten. Doch es geht seit Jahren nicht mehr vorwärts, höchstens seitwärts. Die Fans fordern seit Jahren die Ablösung des Trainers. Und tatsächlich tut dem Klub ein Neuanfang gut. Doch Wenger hat den Absprung verpasst. Und die Klubchefs um Mehrheitseigentümer Stan Kroenke vertrauen ihm nach wie vor. Sie haben ihn im Frühjahr mit einem Vertrag über weitere zwei Jahre ausgestattet.

Ein fatales Signal. Ein Signal, dass sie zufrieden sind mit dem vierten Platz und dem Achtelfinale der Champions League. Ein Signal, dass es immer so weitergehen soll. Wengers Vertragsverlängerung zeigt, wie anspruchslos der Klub geworden ist. Kein Wunder, dass die besten Spieler weg wollen. Der Transfer von Alexis Sánchez zu Manchester City soll im Sommer nur daran gescheitert sein, dass Arsenal keinen Ersatz gefunden hatte. Mesut Özil hat seinen auslaufenden Vertrag immer noch nicht erneuert und könnte im Winter verkauft werden, um noch Geld einzubringen. Bislang macht er in dieser Saison allerdings keine Werbung in eigener Sache. Eher fügt er sich in das Bild eines Vereins, der sich wohlfühlt im Mittelmaß. Nicht richtig schlecht. Aber eben auch nicht richtig gut.

Quelle: n-tv.de

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