Drei Spiele, drei Derbys, drei Länder

Zweite Liga - eine Liebeserklärung

imageThomas Badtke
29.09.2010 | 10:14 Uhr
Das Herz des Fußball schlägt in der Zweiten Liga - da, wo Fußball noch Fußball ist, wo er nicht nur von überbezahlten Legionären gespielt, sondern von Fans mit Herzblut gelebt wird. Auf zu einer Fußballreise durch drei Stadien und drei Länder, zu drei Derbys - in der Zweiten Liga.
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Die 2. Liga und ihre Fans: Back to the roots. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Lugano gegen Locarno in der Schweiz, Varese gegen Bergamo in Italien, Union Berlin gegen Hertha BSC in Deutschland: Diese Partien haben drei Dinge gemeinsam: Es sind Zweitliga-Partien, es sind Derbys und bei allen drei Matches gibt es Fußball pur. Also die "Mia san mia“-Bayern, die Möchtegern-Wolfsburger und traditionslosen Hoffenheimer einmal vergessen und den seelenlosen Mehrfunktionsarenen aus Beton der Fußball-Bundesliga mit ihren aufladbaren Chipkarten für Wurst und Stadionbier den Rücken gekehrt. Und - gewissermaßen zurück zu den Wurzeln – auf eine Reise dahin, wo Fußball noch Fußball ist, wo er nicht nur von überbezahlten Legionären gespielt, sondern von Fans mit Herzblut gelebt wird. Auf zu einer Fußballzeitreise durch drei Stadien, drei Länder, zu drei Derbys - in der Zweiten Liga.

FC Lugano gegen FC Locarno

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Böller und Rauch gehören in Lugano zum "guten Ton". (Foto: Thomas Badtke)

Lugano gegen Locarno heißt Luganersee gegen Lago Maggiore. Es wird italienisch gesprochen – bei den Heim- und den Auswärtsfans. Das Stadion "Cornaredo" oberhalb der Stadt gelegen, könnte auch in Frankfurt Bornheim stehen: Klein, mit Laufbahn und nur die Sitzplätze sind überdacht. Dafür ist es fast durchgängig begehbar. Um die Tribünen herum sind feinste Rasenplätze drapiert, wo sich die Jugend ebenso wie das Altherren-Team austoben kann. Im Stadion selbst krächzt bereits rund zwei Stunden vor Spielbeginn die Musikanlage - mit voller Lautstärke. “Waka Waka“, die WM ist noch nicht so lange her.

Die Sprechchöre "FORZA Lugano" von rechts und "FORZA Locarno" von links ertönen erst später kurz vor Spielbeginn, als die Gästefans ins Stadion gelassen werden – die Lautstärke ist aber dieselbe wie bei Shakira. Die Wurst (keine Original Thüringer, aber dafür frisch vom Fleischer) und das Bier (mit Alkohol) können sich sehen lassen, die rund drei Dutzend jugendlichen Lugano-Ultras auch.

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Hier gibt's das Bier direkt bei den Lugano-Fans. (Foto: Thomas Badtke)

Ein Heimtor verpasst man hier nicht: Laute Böller und leuchtend-heiße bengalische Feuer gehören noch zum guten Ton. Richtig so. Die Stadionkapazität bietet jedem Andersdenkenden genug Platz. Beim Derby gegen Locarno verirrten sich trotz Flutlicht-Atmosphäre maximal 5000 Fans in das drei Mal so viele Zuschauer fassende Rund. Trotzdem hat man das Gefühl, in einem ausverkauften Stadion zu stehen, die Gesänge der Fans aus beiden Lagern sorgen dafür. Ein kleiner Bierausschank direkt hinter der Ultra-Kurve hält deren Stimmen geölt und die Atmosphäre auf Gänsehaut-Niveau. Am Ende steht ein ungefährdeter 2:0-Heimsieg des einstigen Ottmar-Hitzfeld-Klubs in den Statistiken. Und ein ohrenbetäubendes "LOCARNO VAFFANCULO“ begleitet die Zuschauer auf dem Weg von ihren Plätzen hinaus auf den Parkplatz.

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AS Varese gegen Atalanta Bergamo

"Vaffanculo"-Rufe erschallen auch in Varese. Man sieht das Stadion noch nicht, aber die Sprechchöre der Fans sind schon von weitem zu hören – und sie variieren: "VA-RE-SEEE, VA-RE-SEEE, FORZA VA-RE-SEE“. Bereits eine Stunde vor Beginn des Lombardischen Derbys in der italienischen Serie B, die mittlerweile einen Namenssponsor hat und Serie Bwin heißt, ist der harte Kern der Fans im Stadion "Franco Ossola“. Da, wo einst auch Giuseppe Meazza seine Töppen geschnürt hat.

Die Polizeikräfte vor dem Rund, das mit einer Radrennbahn im Inneren eher ein Oval ist, haben bereits eine Menge zu tun: Fans den Weg zu den Ticketschaltern weisen. Und ihre Präsenz samt voller Kampfmontur macht dann auch deutlich, dass das keine normale Partie in der zweithöchsten italienischen Spielklasse ist. "Are you Bergamo?" fragen die Uniformierten nahezu jeden, der an ihnen vorbei will. Während in Deutschland die Fußballfans an ihren Trikots zu unterscheiden sind, trägt der gemeine italienische Fußballliebhaber lieber ein Poloshirt mit einem über den Schultern drapierten Kaschmirpulli – ab und an auch in den jeweiligen Vereinsfarben des Klubs.

Die 45 Euro für einen Sitzplatz auf der einzigen überdachten Heimtribüne des Stadions mit Plastikschalen "Made by Globalisierung" zahlen die "Kaschmirs" gerne. Der gemeine Fußballfans eher nicht, aber er hat keine Wahl. Es sind die einzig noch verbliebenen freien Plätze im Stadion. Die Stehplätze der "Curva Nord"-Ultras sind bereits seit Wochen ausverkauft. Es ist kein normales italienisches Zweitliga-Spiel. Es ist auch nicht nur ein Derby. Und es ist auch nicht nur die Partie David gegen Goliath, Zweitligaaufsteiger gegen Erstligaabsteiger – es ist Vareses erstes Heimspiel in der Serie B seit 25 Jahren. Da zahlen viele gern etwas mehr - nur um live dabei zu sein.

Fußballkost auf Italienisch

Bratwurst und Bier gibt es nicht. Wegen der Sicherheit, sagt die Verkäuferin und meint damit zumindest das Bier. Dafür verkauft sie Cola in Plastikflaschen (ohne Deckel, der könnte ja als gefährliches Wurfgeschoss dienen), Espresso in lächerlich kleinen Pappbechern und Kartoffelchips in Tüten. Fußballkost auf Italienisch halt. Irgendwie anders, aber auch irgendwie gut.

Das gilt auch für die Partie selber. Die steife Brise, die scheinbar immer durch das "Ossola“ bläst - was wohl daran liegt, dass das Stadion auf dem Sacro Monte, dem "Heiligen Berg“ liegt – sorgt für genug Gesprächsstoff in den Spielpausen, wenn sich der ein oder andere Spieler mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen wälzt. Ein Foul ist in den wenigsten Fällen der Grund. Je nach Windrichtung schießen die beiden Torhüter die Abstöße entweder bis in den gegnerischen Sechzehner oder nur bis an die Grenze des eigenen Strafraums. Den Fans ist das nach ein paar Minuten egal. Ändern können sie es eh nicht. Also wird, egal ob Varese oder Bergamo, gefeiert (sich selbst) oder geschimpft (meist auf die anderen). Immer im typisch rhythmischen Fußballer-Singsang.

Dass die Partie dann typisch italienisch 0:0 und mit fünf Minuten Nachspielzeit endet – vergeben und vergessen. Das Spiel an sich war ansehnlich. mit Torchancen auf beiden Seiten, kämpfenden Varesern, abgeklärter spielenden Ex-Erstligisten aus Bergamo. Ach, und gelangweilten Polizisten. Aber jedem der knapp 6000 Zuschauer im als ausverkauft ausgegebenen Stadion war klar: Er war Teil von etwas Großem, etwas Besonderem. Er war Teil eines fußballerischen Neuanfangs nach 25 Jahren in der Versenkung. Fußball ist halt Herzenssache – vor allem in Italien.

1. FC Union Berlin gegen Hertha BSC

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Hertha-Fans zünden eine Rauchbombe beim Derby gegen Union Berlin. Leidtragende sind sie dann selbst. (Foto: REUTERS)

Aber nicht nur dort. Bei Union Berlin darf der Fan noch Fan sein, will heißen: Er steht im Stadion. Es gibt mehr Steh- als Sitzplätze im größten reinen Fußballstadion Berlins, in der "Alten Försterei". Knapp 19.000 Fans passen rein, knapp 2000 von ihnen haben es mit ihre eigenen Händen dritt- und zweitligatauglich gemacht. Und die fantastische Atmosphäre lockt auch immer mehr Fußballtouristen an – zumeist aus England, dem Mutterland des Fußballs. Gegen Hertha sind die Fronten bereits vor dem Spiel geklärt: Alles andere als ein Sieg von Hertha, die den Abstieg in die 2. Liga als Betriebsunfall sehen und monetär alles daran setzen, sofort wieder aufzusteigen, wäre eine Überraschung. Zumal Union bisher der Form der vergangenen Hinrunde hinterherläuft. Bereits zwei Stunden vor Anpfiff ist die Försterei pickepackevoll. Wer jetzt noch kein Bier (mit Alkohol trotz höchster Sicherheitsstufe der DFL) hat, muss fürchten, später etwas vom Spiel zu verpassen.

Auf den Rängen stehen Generationen direkt nebeneinander: Großväter, Väter, Söhne - alle in Union-Kluft, alle Stammgäste, alle bereits in Hochstimmung: "EISERN – UNION“. Alle pfeifen das gegnerische Team aus, als es den Platz betritt. Bei der Vorstellung der Hertha-Spieler erschallt bei jedem Nachnamen ein geschrieenes "NA UND?“ Beim Warmlaufen werden die Herthaner gnadenlos ausgepfiffen, wenn sie auf den Union-Block zulaufen und beklatscht, wenn sie sich von ihm entfernen. Dann wird es ruhig, tausende Schals in noch mehr Händen recken sich in den Himmel, die Union-Hymne ertönt, zuerst aus den Lautsprechern, dann aus den Kehlen der Fans. "… Und niemals vergessen: Eisern Union!“

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Fußball verbindet - auch bei einem Derby. (Foto: REUTERS)

Ein schnelles Hertha-Tor holt die Fans der Eisernen in die Wirklichkeit zurück. Ihre Gesänge werden nur noch lauter, drängender, zwingen das eigene Team zum Kampf auf dem Rasen. Der Ausgleich fällt in der zweiten Hälfte, durch einen Sonntagsschuss an diesem Freitag. Die Rauchbomben aus dem Gästeblock werden mit Pfiffen quittiert und mit Gelächter, als die Rauchschwaden in den Block ziehen, wo die Rauchkörper hergekommen sind. Der Wind ist auf Union-Seite, der Fußball-Gott ist es auch: Das Spiel endet remis. Sieger gibt es trotzdem: die Fans und den Fußball - die Zweite Liga.