Sport
Mittwoch, 08. Dezember 2010

Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen ...: ... aber Brehme haut ihn rein

Von Thomas Badtke

Rahns Schuss "aus dem Hintergrund", Brehmes Elfmeter gegen Goycochea oder Künzers Golden Goal in Washington: drei einzigartige Momente des deutschen Fußballs, drei einzigartige Weltmeisterteams: Aber es gibt noch viel mehr im Bildband von Horst Hamann.

Andi Brehme verdankt Deutschland seinen dritten Fußball-Weltmeistertitel.
Andi Brehme verdankt Deutschland seinen dritten Fußball-Weltmeistertitel.(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist der 8. Juli 1990. Rom. Olympiastadion. Die Ränge sind voll besetzt. Alle Augen ruhen auf Andreas Brehme. Er läuft an, schießt mit rechts. Von nun läuft alles in Zeitlupe: Argentiniens Torwart Goycochea ahnt die Ecke. Er springt nach rechts ab. Reckt sich. Kommt dem ihm entgegenfliegenden Ball immer näher. Es reicht nicht. Er hat keine Abwehrchance. Brehmes Schuss ist zu platziert. Scharf. Flach. Links unten. Er passt perfekt. Deutschland ist Weltmeister. Ein wiedervereintes Land feiert.

Das ist einer dieser unvergesslichen Momente, wie ihn der Fußball immer wieder kreiert. Nur die Namen der Protagonisten ändern sich. Aber am Ende ist es immer die Geschichte von Helden. Von Wundern. Wie 1954 im Berner Wankdorf-Stadion. Keiner gibt auf die von Sepp Herberger trainierte deutsche Mannschaft nach dem 3:8 gegen Ungarn in der Vorrunde noch einen Pfifferling. Aber am Ende fährt das Team um "den Boss“ Rahn und die Walter-Brüder als Weltmeister nach Hause und beschert dem vom Krieg gebeutelten Land ein unvergleichliches Glücksgefühl, gibt den Menschen neues Selbstvertrauen und Stolz.

Ein Kopf. Ein Ball. Ein Tor.

Rahns weibliches Pendant heißt Nia Künzer: Es ist das Jahr 2003, der Schauplatz das Robert F. Kennedy Memorial Stadion in Washington. Der Gegner im Finale der Frauen-WM heißt Schweden. Künzer ist nur Ersatzspielerin im Turnier. Sie ist unzufrieden. Aber ein Kopfball lässt das alles vergessen: Künzer, eingewechselt, steht in der Verlängerung im gegnerischen Strafraum. Ihre Frankfurter Vereinskollegin Renate Lingohr schießt einen Freistoß. Beide werden diesen Ball nie wieder vergessen: Er segelt in den Sechzehner. Künzer hält den Kopf hin, der Ball landet im Tor. 2:1. "Golden Goal". Deutschland ist Weltmeisterin. Für Künzer wird es der einzige große Moment in ihrer Nationalmannschaftskarriere bleiben. Bereits vor dem Turnier hat sie sich drei Mal das Kreuzband gerissen. Nach der WM passiert es erneut. Sie versucht, sich wieder zurückzukämpfen. Aber sie erreicht nie wieder ihre WM-Form.

336 Tore in 321 Spielen für "seinen" 1. FCK: Ottmar Walter.
336 Tore in 321 Spielen für "seinen" 1. FCK: Ottmar Walter.

Was ihr bleibt, ist aber dieser eine, alles verändernde Moment. Und die Erkenntnis, dass er ewig währt. Und dennoch ist sie nur einer von vielen deutschen Fußball-Weltmeistern. Als der Fotograf Horst Hamann sein Projekt "Die Weltmeister“ zur WM 2006 angeht, gibt es derer 75. Sie heißen Ottmar Walter oder Horst Eckel (1954), Franz Beckenbauer oder Sepp Maier (1974), Lothar Matthäus oder Klaus Augenthaler (1990), Silvia Neid oder Birgit Prinz (2003). Ihre Namen kennt heute jeder. Aber wie sieht es mit Herbert Erhardt oder Ulrich Biesinger (1954), Heinz Flohe oder Dieter Herzog (1974), Paul Steiner oder Günter Hermann (1990), Sonja Fuss oder Martina Müller (2003) aus? Auch sie sind deutsche Fußball-Weltmeister. Auch sie hat Horst Hamann fotografisch porträtiert, das Ganze vertikal und ihnen so ein Denkmal gesetzt.

In jedem steckt ein Weltmeister

Sein Bildband "Die Weltmeister“ ist voller Gewinner. Voller einzigartiger Momente - diesmal aber abseits des Platzes eingefangen. Sie zeigen in erster Linie die Menschen hinter den Weltmeistern. Und dennoch ist an den Bildern die Einzigartigkeit jedes Fußballers zu erkennen: Da lächelt Uwe Bein so verschmitzt in die Kamera, wie er einst gespielt und die Fans der Frankfurter Eintracht mit seinen "tödlichen Pässen“ verzaubert hat. Da erkennt man noch immer Frank Mills Schlitzohrigkeit. Günter Netzer ist und bleibt einfach Günter Netzer. Und wo Franz Beckenbauer auftaucht, ist Hans-Georg "Katsche“ Schwarzenbeck nicht weit. Das gilt auch für diesen Bildband.

Horst Hamann: erst Fußballer, nun Fotograf.
Horst Hamann: erst Fußballer, nun Fotograf.

Was ihn über die Vertikal-Porträts hinaus noch einzigartiger macht, sind das Vorwort und die Begleittexte von Ronald Reng in Deutsch und Englisch. Sein Buch "Traumhüter“ ist ein Muss für jeden Fußballliebhaber und sollte direkt neben Nick Hornbys "Fever Pitch“, Joe McGinnis "Das Wunder von Castel di Sangro“ und Tim Parks "Eine Saison mit Verona“ im Bücherregal stehen. Reng findet in Hamanns Bildband zu jedem Weltmeister die passende Geschichte, die kleine Anekdote am Rand, die das jeweilige fotografische Porträt perfekt ergänzt. Abgerundet wird das Buch durch ein Interview mit dem Fotografen Horst Hamann, in dem man erfährt, wie er auf die irrwitzige Idee gekommen ist, alle noch lebenden Fußball-Weltmeister mit seiner Kamera zu porträtieren; sowie mit einem Gespräch mit Tina Theune-Meyer, Trainerin der 2003er Weltmeisterinnen-Elf.

"Die Weltmeister“, erschienen im Edition Panorama Verlag, spricht damit nicht nur Bildband-Fans und Foto-Puristen an, sondern auch Fußballfans. Egal ob jung oder alt, denn seien wir mal ehrlich, in jedem von uns steckt ein kleiner Fußball-Weltmeister - immer bereit für diesen einen, alles verändernden Moment, der dann ewig währt.

Bilderserie
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Quelle: n-tv.de

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