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Der Dank gehört dem Schiedsrichter: Marco Fritz erkannte den Treffer von Frankfurts Haris Seferovic an - auch wenn er mit der Hand erzielt worden war.
Der Dank gehört dem Schiedsrichter: Marco Fritz erkannte den Treffer von Frankfurts Haris Seferovic an - auch wenn er mit der Hand erzielt worden war.(Foto: imago/Thomas Frey)

"Collinas Erben" überraschen: Auch ein Hand-Tor kann regulär sein

Von Alex Feuerherdt

Die Unparteiischen bieten am vorletzten Bundesliga-Spieltag kaum Gesprächsstoff. Am meisten Aufregung gibt es noch auf Schalke, wo sich nicht aufklären lässt, ob dem Siegtreffer der Gastgeber zu Recht die Anerkennung verweigert wurde.

Die deutschen Erstligaschiedsrichter erreichte schon vor dem 33. Spieltag eine erfreuliche Nachricht: Einer aus ihren Reihen wird die Ehre haben, das Finale der Champions League zwischen Juventus Turin und Real Madrid am 3. Juni in Cardiff zu leiten – nämlich Felix Brych. Für den 41-jährigen Münchner wird diese Partie der bisherige Höhepunkt seiner Karriere sein. Verdient hat der Jurist sich die Berufung durch konstant starke Auftritte auf europäischer Ebene.

Ob er im deutschen Oberhaus vielleicht auch mal einen schwächeren Tag hatte – wie kürzlich bei der Begegnung zwischen Borussia Dortmund und der TSG 1899 Hoffenheim –, interessiert den europäischen Fußballverband nur am Rande. Maßgeblich sind seine Leistungen in den Wettbewerben des Europapokals. So wie bei Mark Clattenburg in der vergangenen Saison: Der Engländer überzeugte in der Premier League ebenfalls nicht immer, glänzte dafür jedoch in der Champions League und brachte schließlich auch das Finale zwischen Real und Atlético Madrid souverän über die Bühne.

Am vorletzten Bundesliga-Spieltag dieser Saison hatte Brych kein Spiel zu leiten; seine eingesetzten Kollegen bewältigten ihre Aufgaben derweil sehr zuverlässig. In den neun gleichzeitig stattfindenden Partien, in denen es für fast alle Klubs um sehr viel ging, standen die Unparteiischen kaum einmal in der Kritik. In fast allen wichtigen Situationen lagen sie sogar goldrichtig oder trafen doch zumindest völlig vertretbare Entscheidungen.

Annulliertes Schalker 2:1 nicht aufzuklären

Oder es ließ sich nicht aufklären. So wie in der Nachspielzeit der Begegnung zwischen dem FC Schalke 04 und Hamburger SV (1:1). Da köpfte Sead Kolasinac den Ball nach einem Eckstoß von Johannes Geis zum vermeintlichen 2:1 ins Tor der Gäste. Doch Thorsten Schiffner, der Assistent des umsichtig pfeifenden Referees Markus Schmidt, hatte zuvor die Fahne gehoben, weil die Kugel aus seiner Sicht nach der Ausführung des Eckballs die Torauslinie in der Luft vollständig überschritten hatte. Ob das stimmte oder nicht, konnte keine Zeitlupe zweifelsfrei belegen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Schiffner hatte allerdings einen guten Blick auf die Szene, auch wenn er nicht unmittelbar auf der Torauslinie stand – was ihm eine noch günstigere Perspektive ermöglicht hätte –, sondern knapp daneben. Besser als er dürfte es jedenfalls niemand gesehen haben. Ohnehin müsse man den Helfern an der Linie in solchen Fällen vertrauen, sagt Hellmut Krug, der Schiedsrichter-Manager der DFL: "Darauf zu achten, ob die Flugbahn eines Eckballs die Torauslinie überschreitet, das sind Basics für die Assistenten." Schiffner sei zudem "einer unserer erfahrensten".

Der Videobeweis, der mit Beginn der kommenden Saison in der Bundesliga eingeführt wird, hätte in dieser Situation übrigens nicht helfen können. Denn "auf Höhe der Torlinien ist nur die Kamera des Hawkeye-Systems angebracht, die überwacht, ob der Ball im Tor ist oder nicht", wie Krug erklärt. "Und die ist so fokussiert, dass sie nur den Bereich im Strafraum erfasst." Anders als das menschliche Auge des Schiedsrichter-Assistenten. So blieb es in der Schalker Arena beim 1:1 und damit beim Punktgewinn für den HSV, was für den FC Ingolstadt 04 den Abstieg bedeutete.

Seferovic-Treffer war regulär

Beim Spiel der ebenfalls abstiegsgefährdeten Mainzer gegen Eintracht Frankfurt (4:2) bekamen die Hausherren derweil schmerzlich vor Augen geführt, dass im Ausnahmefall auch ein mit der Hand erzieltes Tor regulär sein kann. Denn als Haris Seferovic mit eben diesem Körperteil für die 2:0-Führung seiner Mannschaft sorgte, konnte man ihm beim schlechtesten Willen keine Absicht unterstellen. Schließlich war er vom Mainzer Torwart Jannik Huth aus kürzester Distanz angeschossen worden und hatte seine Hand und seinen Arm dabei völlig normal gehalten. Für Schiedsrichter Marco Fritz gab es deshalb keinen Grund, dem Treffer die Anerkennung zu verweigern.

So, wie er keinen Grund hatte, auf Elfmeter für Mainz zu entscheiden, als dem Frankfurter David Abraham der Ball in der 36. Minute an den natürlich und locker herabhängenden Oberarm sprang. In der Nachspielzeit hingegen sprach der Unparteiische den Gastgebern einen Strafstoß zu, als Yoshinori Muto von Michael Hector regelwidrig aufgehalten wurde. Auch diese Entscheidung war korrekt. Lediglich beim Mainzer Anschlusstreffer zum 1:2 lag das Schiedsrichterteam daneben, denn der Torschütze Jhon Codoba befand sich im Abseits.

Große Akzeptanz für Stieler im Spitzenspiel

Die meiste Arbeit an diesem Spieltag aber hatte vermutlich der Referee der Partie zwischen dem bereits für die Champions League qualifizierten Aufsteiger RB Leipzig und dem schon als Meister feststehenden FC Bayern München (4:5). Obwohl dieses Spitzenspiel rein sportlich nicht mehr von großem Belang war, bekam Tobias Stieler jede Menge zu tun – weil es beiden Teams ums Prestige ging und sie gleichzeitig mit offenem Visier agierten. Ein extrem torreicher Spielverlauf mit einer Fülle von spektakulären und für den Referee manchmal kniffligen Szenen war die Folge.

Stieler zeigte dabei einmal mehr, warum er hierzulande zu den Topschiedsrichtern gehört und nicht zufällig zu Topspielen herangezogen wird. Mit seiner konsequenten und gleichzeitig empathischen Art sicherte er sich die Akzeptanz der Spieler auch in kritischen Situationen wie jener, die schließlich zum 1:1-Ausgleich der Münchner in der 16. Minute führte: Der Leipziger Verteidiger Bernardo hatte den Ball im eigenen Strafraum eher mit der Brust als mit dem Arm gespielt, doch allzu lange hielten sich die Ostdeutschen nicht mit dem folgenden Elfmeterpfiff auf.

Sogar gänzlich unstrittig war zwölf Minuten später der Strafstoß auf der anderen Seite nach einem Foul von Xabi Alonso an Emil Forsberg. Auch die beiden Freistöße, die in die Münchner Tore Nummer drei und vier mündeten, gab es mit vollem Recht. Erstaunlich könnte man finden, dass die Gastgeber zwar mehr Fouls begingen, die Gäste aber deutlich mehr Gelbe Karten erhielten – fünf zu eins lautete das Verhältnis am Schluss. Geschuldet war es nicht zuletzt der Tatsache, dass der Rekordmeister gegen den Herausforderer lange Zeit immer wieder zu spät kam und darauf bisweilen gereizt und undiszipliniert reagierte. Der Referee sanktionierte das richtigerweise mit Verwarnungen. Die Vergehen der Leipziger dagegen bewegten sich mit einer Ausnahme nicht im gelbwürdigen Bereich, das Ungleichgewicht hatte also seine Gründe.

Fast genauso viele Tore wie in Leipzig fielen unterdessen beim 5:3 der TSG 1899 Hoffenheim in Bremen. Dort bot der Unparteiische Daniel Siebert ebenfalls eine souveräne Leistung, wobei es ihm die Spieler auch leichter machten als seinem Kollegen Stieler. Als Vierte Offizielle in dieser Partie fungierte Bibiana Steinhaus – die sich wie Felix Brych auf ein europäisches Finale freuen darf: Sie leitet am 1. Juni das Champions-League-Endspiel der Frauen zwischen Paris St. Germain und Olympique Lyon. Die beiden entscheidenden Partien in den Königsklassen stehen also unter der Aufsicht deutscher Referees. Das gab es übrigens schon einmal, nämlich vor zehn Jahren. Damals hießen die Unparteiischen Herbert Fandel und Christine Baitinger.

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Quelle: n-tv.de

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