Sport
"Skurril": Kölns Manager Jörg Schmadtke.
"Skurril": Kölns Manager Jörg Schmadtke.(Foto: imago/Sven Simon)
Montag, 16. Oktober 2017

"Collinas Erben" emotional: Aytekin brilliert, Schmadtke hadert

Von Alex Feuerherdt

Das grandiose Topspiel der Fußball-Bundesliga zwischen dem BVB und RB Leipzig hat auch einen Top-Schiedsrichter. Die Kölner sind enttäuscht, weil der Referee einen Elfmeter wieder zurücknimmt - und zweifeln, ob das alles richtig ist.

Vielleicht war das 2:3 zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig an diesem achten Spieltag am Samstagabend die bislang beste und aufregendste Partie in dieser Saison der Fußball-Bundesliga. Ganz sicher verdiente sie das Prädikat "Topspiel". Ein frühes Tor für die Gastgeber, eiskalt zurückschlagende Gäste, Platzverweise, Elfmeter, ein Videobeweis - die Zuschauer kamen auf ihre Kosten. Außerdem hatte diese turbulente, überaus intensive Begegnung einen vorzüglichen Schiedsrichter: Deniz Aytekin lag in seinem 200. Bundesligaspiel bei allen wichtigen Entscheidungen goldrichtig und strahlte zudem große Souveränität aus.

So etwa kurz nach der Pause, als der Leipziger Jean-Kévin Augustin seinem Gegenspieler Sokratis enteilte und der Dortmunder Verteidiger den Franzosen mit einem kurzen Griff an die Schulter im eigenen Strafraum bremste. Aytekin entschied sofort auf Strafstoß und zeigte Sokratis zudem die Rote Karte. Der Grieche hatte die "Notbremse" gezogen und sich nicht um den Ball bemüht, sein Einsatz galt allein dem Gegner. Nur wenn das anders gewesen wäre, hätte es lediglich eine Verwarnung gegeben.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Konsequent war der Referee auch gegenüber BVB-Torwart Roman Bürki, der vor der Ausführung glaubte, den Ball noch einmal vom Elfmeterpunkt klauben zu müssen, um den Schützen zu verunsichern. Dieses unsportliche Mätzchen ahndete Aytekin zu Recht mit der Gelben Karte. Augustin blieb von alledem unbeeindruckt und verwandelte den Strafstoß zum 1:3.

Die Überzahl der Gäste währte jedoch nur knapp zehn Minuten. Dann riss Stefan Ilsanker bei einem Konter Pierre-Emerick Aubameyang abseits des Balles um und sorgte so dafür, dass der schnelle Dortmunder Goalgetter als mögliche Anspielstation nicht mehr infrage kam. Da Ilsanker bereits verwarnt war, stellte ihn der Schiedsrichter mit der Gelb-Roten Karte vom Platz. Wiederum eine völlig korrekte Entscheidung, auch wenn der Leipziger es nicht wahrhaben wollte und Aytekin aufforderte, vom Videobeweis Gebrauch zu machen - der bei Gelb-Roten Karten allerdings gar nicht in Anspruch genommen werden darf.

Spitzenspiel mit Spitzenschiedsrichter

Wenige Minuten später benötigte der Unparteiische tatsächlich die Unterstützung seines Video-Assistenten. Pierre-Emerick Aubameyang war im Laufduell mit Dayot Upamecano zu Fall gekommen, Aytekin hatte zunächst auf Abstoß entschieden. Nach Rücksprache mit Günter Perl, der im Kölner Studio vor den Monitoren saß, schaute der Schiedsrichter auf den Bildschirm am Spielfeldrand. Und sah, dass der Leipziger den Dortmunder kurz, aber folgenreich am Fuß getroffen hatte. Deshalb nahm Aytekin den Abstoß zurück und gab einen Elfmeter für den BVB.

Das war's für sie: Deniz Aytekin schickt Sokratis vom Platz.
Das war's für sie: Deniz Aytekin schickt Sokratis vom Platz.(Foto: dpa)

Er tat dies mit großer Ruhe und vollkommener Überzeugung. Einigen protestierenden Leipzigern erklärte der Referee noch kurz mit gestischen Mitteln, was vorgefallen war und deshalb zur Änderung seiner Entscheidung führen musste. Ohnehin ist die Körpersprache eine der größten Stärken des 39-jährigen Unternehmers, dem es auffallend gut gelingt, auch schwierige und kritische Entscheidungen zu "verkaufen". Längst ist sein früher manchmal etwas autoritärer Gestus auf dem Feld einer vermittelnden und empathischen Art gewichen, mit der Aytekin sich eine bemerkenswerte Akzeptanz verschafft.

Der Unparteiische war in einer emotionalen, wechselvollen und fordernden Partie der große Ruhepol, dem es auch in heiklen Situationen immer wieder gelang, die Gemüter abzukühlen. Und der klug seine Spielräume nutzte, wie etwa in der 78. Minute, als er dem schon verwarnten Leipziger Verteidiger Bernardo nach einem weiteren Foulspiel an Mario Götze die Gelb-Rote Karte ersparte, weil es sich weder um ein taktisches noch um ein rücksichtsloses Vergehen handelte. So hatte das Spitzenspiel auch einen Spitzenschiedsrichter.

Genauigkeit vor Geschwindigkeit

Beim 1. FC Köln haderten sie derweil in und nach der Begegnung beim VfB Stuttgart mit Referee Benjamin Cortus, weil dieser kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit beim Stand von 1:1 einen Elfmeter für die Domstädter nach Ansicht der Videobilder wieder zurücknahm. Statt die große Möglichkeit zum Führungstor zu bekommen, kassierten die Kölner in der Nachspielzeit sogar noch den Treffer zum 1:2-Endstand. Der Schiedsrichter hatte in der 88. Minute nach einem Zweikampf des Stuttgarters Dennis Aogo mit Sehrou Guirassy im Strafraum der Hausherren ursprünglich auf Foulspiel von Aogo erkannt, jedoch sofort Kontakt mit dem Video-Assistenten Harm Osmers aufgenommen und sich schließlich in die "Review Area" begeben, um die Szene selbst noch einmal in Augenschein zu nehmen.

Genauigkeit vor Geschwindigkeit: Benjamin Cortus.
Genauigkeit vor Geschwindigkeit: Benjamin Cortus.(Foto: imago/Jan Huebner)

Leicht fiel Cortus die endgültige Entscheidung nicht, es dauerte insgesamt mehr als dreieinhalb Minuten, bis sie feststand. Angesichts ihres potenziell spielentscheidenden Charakters und der nicht ganz eindeutigen Bilder ist es allerdings nachvollziehbar, dass hier die Devise "Genauigkeit vor Geschwindigkeit" besonders wörtlich genommen wurde, auch wenn das die Geduld von Spielern wie Zuschauern strapazierte. Tatsächlich war kein Foul von Aogo auszumachen, eher schon von Guirassy. Der Unparteiische entschied sich allerdings für einen Schiedsrichter-Ball, den es gibt, wenn ein Pfiff irrtümlich erfolgt, ohne dass ein Vergehen vorliegt.

"Skurril" fand das der Kölner Manager Jörg Schmadtke, der geltend machte, dass der Elfmeterpfiff zumindest kein klarer Fehler gewesen sei und deshalb nicht widerrufen hätte werden dürfen. Die Richtlinien des International Football Association Board (Ifab) lassen sich allerdings auch so interpretieren, dass der Schiedsrichter nach dem Gang in die Review Area mehr Entscheidungsspielraum hat, als wenn er ausschließlich seinen Video-Assistenten die Bilder begutachten lässt. Es wäre auch schwer zu verstehen, warum der Referee eine von ihm selbst getroffene Entscheidung nicht ändern dürfen soll, wenn er höchstpersönlich zu dem Schluss kommt, dass eine Änderung geboten ist.

Bestmögliche Entscheidung statt Korrektur klarer Fehler?

Die Schiedsrichter in der Bundesliga suchen seit dem sechsten Spieltag jedenfalls deutlich häufiger die Review Area auf als zu Saisonbeginn, und es fällt auf, dass sie sich dort nicht unbedingt strikt am Kriterium "klare Fehlentscheidung" orientieren, sondern vor allem bestrebt sind, das Videomaterial zur bestmöglichen Entscheidung zu nutzen. Das ist letztlich auch einfacher zu vermitteln als das Aufrechterhalten einer spielrelevanten Entscheidung, die vielleicht nicht für ausnahmslos jeden glasklar falsch ist, aber doch für die weitaus meisten Beobachter. Den Unparteiischen wird so auch ein sinnvoller Spielraum gelassen.

Deshalb war es angemessen, dass Cortus den Strafstoß für Köln widerrief - schließlich hatte Aogo nichts Verbotenes getan, auch wenn man sich seinen Zweikampf mit Guirassy schon mehrmals ansehen musste, um das zu erkennen. Auch die Rücknahme des Elfmeters für den FC Bayern in der 62. Minute des Spiels gegen den SC Freiburg geht unter diesem Blickwinkel in Ordnung. Der Freiburger Caglar Söyüncü hatte den Ball mit der Hand ins Toraus befördert, Schiedsrichter Frank Willenborg diese Abwehraktion zunächst als strafbar eingestuft. Nach dem Betrachten der Videobilder änderte er seine Einschätzung jedoch und gab einen Eckstoß. Das war mit Sicherheit die bessere Entscheidung, aber nicht unbedingt die Korrektur eines eindeutigen Fehlers.

Insgesamt ist bei der gravierenden Neuerung namens Videobeweis eine Gewöhnung zu beobachten. Die Schiedsrichter wirken im Umgang mit ihm vertrauter und sicherer, die Nutzung der Review Area sorgt für mehr Transparenz und Akzeptanz. Dennoch möchte man dem DFB dringend raten, sich der Öffentlichkeit stärker zu öffnen. Gerade wenn sich in der Praxis Änderungen ergeben, die sich nicht von alleine erklären, täte eine bessere Vermittlung unbedingt Not.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen