Sport
"Es war abgesprochen, das gebe ich zu": Zlatko Junuzovic, hier nach seinem Tor zum 4:1 mit dem Kollegen Theodor Gebre Selassie.
"Es war abgesprochen, das gebe ich zu": Zlatko Junuzovic, hier nach seinem Tor zum 4:1 mit dem Kollegen Theodor Gebre Selassie.(Foto: imago/nph)

"Collinas Erben" mit Beigeschmack: Bestraft der DFB zu ehrliche Bremer?

Von Alex Feuerherdt

Zwei Spielern von Werder Bremen droht eine zusätzliche Pause, weil sie zugeben, ihre Gelbsperren provoziert zu haben. Nicht alle finden das richtig. Die Spitzenpartie des 25. Spieltags hat derweil auch einen Spitzenschiedsrichter.

Als das Spiel gegen Hannover 96 an diesem 25. Spieltag der Fußball-Bundesliga abgepfiffen war und der um den Klassenerhalt kämpfende SV Werder Bremen seinen zweiten 4:1-Sieg nacheinander eingefahren hatte, mochte der sichtlich euphorisierte Zlatko Junuzovic aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. "Es war abgesprochen, das gebe ich zu", räumte der 28-Jährige ein, als er im Interview auf seine fünfte Gelbe Karte angesprochen wurde, derentwegen er für die nächste Partie gesperrt ist. Am kommenden Samstag müssen die Bremer beim Tabellenführer FC Bayern München antreten (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de), und dort rechnen sie sich anscheinend ohnehin keine Chancen aus.

Also verzögerte Junuzovic fünf Minuten vor dem Ende das bereits entschiedene Spiel die Ausführung eines Freistoßes so lange, bis Schiedsrichter Felix Zwayer nicht mehr anders konnte, als ihn zu verwarnen. "Ganz ehrlich: Es ist besser, ich mache es so, als wenn ich jemandem absichtlich wehtue", verteidigte sich der Österreicher. Auch sein Mitspieler Clemens Fritz wird beim Spiel in München nicht mittun können: Er wurde zum zehnten Mal in dieser Spielzeit verwarnt, ebenfalls nach einer überflüssigen Unsportlichkeit - er provozierte die Gelbe Karte mit einem Trikotzupfer.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Anders als Junuzovic räumte er zwar nicht unumwunden ein, absichtlich gehandelt zu haben, quittierte Nachfragen allerdings mit einem vielsagenden Lächeln und einem ironischen Kommentar. Absicht? "Natürlich nicht. Die Allianz-Arena ist immer toll." Werders Trainer Viktor Skripnik gefiel das überhaupt nicht. "Ich weiß nicht, was die Spieler untereinander absprechen, aber wenn sie für sich entscheiden, sich eine Sperre zu holen, halte ich das für falsch", sagte er und beteuerte: "Der Trainerstab wusste davon nichts." Schließlich sei es mit dem Spiel in München so: "Auf so eine Partie schaut das ganze Land, da will man natürlich bestmöglich aussehen. Das wird ohne zwei solche Leistungsträger noch schwerer, aber wir wollen uns dennoch gut verkaufen." Anders als den fünf Darmstädtern, die sich am 21. Spieltag vor der Partie beim FC Bayern ebenfalls eine Gelbsperre eingehandelt hatten, anschließend aber schwiegen, droht Junuzovic und Fritz nun Ungemach. Denn der DFB-Kontrollausschuss ermittelt gegen beide wegen unsportlichen Verhaltens.

Ungleichbehandlung hätte Beigeschmack

Denkbar ist, dass sie für eine weitere Partie aus dem Verkehr gezogen werden. Sollte es so kommen, fänden zwei prominente ehemalige Schiedsrichter das nicht gut. "Eigentlich sollte Ehrlichkeit nie bestraft werden", sagte Markus Merk mit Blick auf die Äußerungen von Junuzovic, sein früherer Kollege Peter Gagelmann sagte, eine Verurteilung verdamme künftig jeden Spieler, der sich aus taktischen Gründen eine Verwarnung abholt, dazu, "zu lügen und zu betrügen". Und das wäre für ihn "eine Katastrophe". Tatsächlich wäre es fragwürdig, wenn Junuzovic und Fritz dazu verurteilt werden würden, ein weiteres Spiel zuzuschauen, während die Darmstädter von Nachforschungen durch den DFB verschont blieben, obwohl die Absicht hinter ihren vordergründig sinnlos anmutenden Vergehen nicht minder offensichtlich war.

Eine Ungleichbehandlung hätte zumindest einen Beigeschmack, selbst wenn manche einwenden mögen, dass es nun mal einen Unterschied zwischen einem offiziell nicht beweisbaren Vorwurf und einem Geständnis gibt. Die Uefa handhabt solche Fälle übrigens einheitlich: Sie verdoppelt grundsätzlich die Sperre, wenn sich ein Spieler allzu offenkundig aus taktischen Gründen eine Verwarnung "abholt", um in der nächsten Partie zu pausieren und danach mit den Gelben Karten wieder bei null beginnen zu können - unabhängig davon, ob der Betreffende seine Absicht zugibt oder nicht. Das mag man begrüßen, doch es stellt sich auch die Frage, ob die Unsportlichkeit nicht weniger im vorsätzlichen Einhandeln von persönlichen Strafen als vielmehr im "Abschenken" des folgenden Spiels besteht.

Gar keine Aufregung gab es um die Schiedsrichterleistung im Topspiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München. Denn Tobias Stieler, den der DFB in dieser Saison bereits mehrfach mit der Leitung von Spitzenpartien beauftragt hatte, brachte das Aufeinandertreffen der beiden besten deutschen Mannschaften sicher und problemlos über die Bühne. Seine Linie bei der Zweikampfbeurteilung und den Personalstrafen war sinnvoll und konsequent, seine Körpersprache unaufgeregt und sachlich, seine Akzeptanz bei den Spielern bemerkenswert gut. Auch wenn Stieler nur wenige kritische Situationen zu bewältigen hatte, ist es doch bemerkenswert, wie souverän er diese Partie meisterte. In Zeiten, in denen die Unparteiischen hierzulande in der Kritik stehen wie selten zuvor, ist das eine wichtige und gute Nachricht.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen