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Marco Fritz bewies mit seinen Entscheidungen im Spiel zwischen Dortmund und Bayern gleich mehrfach Augenmaß. Auch, als er Torhüter Bürki "nur" Gelb zeigte.
Marco Fritz bewies mit seinen Entscheidungen im Spiel zwischen Dortmund und Bayern gleich mehrfach Augenmaß. Auch, als er Torhüter Bürki "nur" Gelb zeigte.(Foto: dpa)
Montag, 10. April 2017

"Collinas Erben" sind zufrieden: Bürki fällt Bayerns Lewandowski - nur Gelb?

Von Alex Feuerherdt

Im Bundesliga-Topspiel beweist der Unparteiische immer wieder Augenmaß. Sein Kollege in Ingolstadt lässt sich nicht von sterbenden Schwänen beeindrucken. Dagegen leistet sich ein erfahrener englischer Referee einen peinlichen Fauxpas.

Bayern München gegen Borussia Dortmund - das ist seit einigen Jahren zweifellos das Nonplusultra im deutschen Fußball. Auch für die Schiedsrichter, von denen nur wenige zum erlauchten Kreis derjenigen zählen, die der DFB mit der Leitung dieses Spitzenspiels betraut. Marco Fritz gehört dazu. In der vergangenen Saison pfiff der 39-jährige Bankkaufmann das Aufeinandertreffen gleich zweimal, nämlich in der Hinrunde sowie im DFB-Pokal-Finale. Am Samstagabend nun, beim 4:1 der Münchner am 28. Spieltag der Fußball-Bundesliga war er nun erneut als Unparteiischer eingeteilt - ein deutliches Zeichen der Wertschätzung.

Und wieder rechtfertigte Fritz seine Nominierung. Zu jeder Zeit hatte er das Spiel fest im Griff, vor allem in den entscheidenden Situationen lag er vollkommen richtig. So etwa nach zehn Minuten, als er den Bayern nach einem Foul an Franck Ribéry in aussichtsreicher Position einen Freistoß zusprach, den Robert Lewandowski zum 2:0 verwandelte. Oder kurz vor der Pause, als er perfekt positioniert war und deshalb sehr gut erkannte, dass Arturo Vidal im eigenen Strafraum einen Angriff der Gäste akrobatisch mit dem Kopf gestoppt hatte - und nicht mit der Hand, wie mancher Schwarz-Gelbe glaubte.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

In der Szene, die für den meisten Gesprächsstoff sorgte, handelte der Referee ebenfalls korrekt. Nach einem Steilpass von Ribéry in der 68. Minute lief Lewandowski alleine auf den Dortmunder Torhüter Roman Bürki zu und legte den Ball, im Strafraum angekommen, links am Keeper vorbei. Dieser fuhr daraufhin sein rechtes Bein aus, Lewandowski fiel, Fritz pfiff umgehend und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Während Bürki die Entscheidung ohne Protest akzeptierte und im Interview nach dem Schlusspfiff von einem klaren Strafstoß sprach, zweifelte mancher Beobachter nach dem Betrachten der Zeitlupe die Berechtigung des Elfmeters an.

Schließlich, so hieß es, sei es Lewandowski gewesen, der dem Torwart des BVB auf den Fuß getreten und seinen Sturz somit selbst verursacht habe. Die Zeitlupe schien diese Ansicht auf den ersten Blick zu stützen. Doch ohne das Beinstellen von Bürki wäre es gar nicht zu diesem Kontakt gekommen, durch den der in Ballbesitz befindliche Bayern-Stürmer in hohem Tempo zu Fall kam. Zudem hatte der Dortmunder Schlussmann just in dem Moment gegrätscht, als Lewandowskis Fuß, bedingt durch die Laufbewegung, gerade in der Luft gewesen war. Dass der Goalgetter der Münchner anschließend auf Bürkis Fuß landete, war deshalb so unausweichlich wie die Strafstoßentscheidung von Marco Fritz.

Gelb statt Rot für Bürki zumindest vertretbar

Aber war es auch richtig, dem Keeper nur die Gelbe Karte zu zeigen? Fest steht: Bürki hat die "Notbremse" gezogen, das heißt regeltechnisch: eine offensichtliche Torchance durch ein Foul verhindert. Doch seit dieser Saison gibt es bekanntlich nicht mehr in jedem Fall einen Feldverweis, wenn ein solches Vergehen im Strafraum geschieht. Entscheidend ist, ob der betreffende Spieler den Ball spielen konnte und auch wollte. Bejaht der Schiedsrichter dies, ist nur noch Gelb fällig. Andernfalls muss er weiterhin die Rote Karte zeigen.

Und dann fliegt er: Robert Lewandowski.
Und dann fliegt er: Robert Lewandowski.(Foto: imago/Pressefoto Baumann)

Lewandowski lief mit großer Geschwindigkeit auf Bürki zu, der Torwart grätschte genau in dem Moment, als er bemerkte, welchen Weg der Pole nehmen würde, um ihn zu umspielen. Da hatte Lewandowski den Ball allerdings schon an ihm vorbeigelegt. Dennoch wird man dem Schweizer zugutehalten können, dass er bei seiner Aktion den Ball spielen wollte und einfach nur den berühmten Tick zu spät kam. Zumindest ließ die Szene dem Unparteiischen hinreichend Ermessensspielraum, um Bürki nur zu verwarnen. Somit war auch diese Maßnahme mindestens vertretbar. Elfmeter plus Gelb: eine salomonische Entscheidung. Apropos Ermessensspielraum: Diesen nutzte Marco Fritz in zwei weiteren Situationen, in denen es um eine persönliche Strafe ging. Zunächst wurde der Dortmunder Verteidiger Marc Bartra unmittelbar vor dem Pausenpfiff lediglich verwarnt, als er Lewandowski bei einem Klärungsversuch mit dem Fuß im Gesicht traf. Das war in Ordnung, weil Bartras Einsatz zwar riskant, aber erkennbar nur gegen den Ball gerichtet war. Dass er Lewandowski traf, war eher unglücklich als brutal.

Kurz vor dem Ende der Partie kam schließlich der bereits verwarnte Arturo Vidal ungeschoren davon, als er an der Seitenlinie zum Tackling gegen Marcel Schmelzer ansetzte und dabei zwar auch den Ball, vor allem aber den Dortmunder Kapitän traf. Der Schiedsrichter ersparte dem Chilenen jedoch die Gelb-Rote Karte und ließ damit Gnade vor Recht ergehen. Der Feldverweis für Vidal wäre hier zweifellos angemessen gewesen - und auch die bessere Entscheidung. Insgesamt aber zeigte Marco Fritz, warum er bereits zum dritten Mal in eineinhalb Jahren mit der Leitung dieses Topspiels betraut wurde. Er wirkte stets souverän und sicher, auch die Art und Weise, wie er mit den Spielern kommunizierte, war dem Charakter der Partie genau angemessen: freundlich, aber bestimmt, ruhig und doch energisch, wenn es sein musste. Der DFB hat bei der Auswahl des Unparteiischen also eine gute Wahl getroffen.

Platzverweise für sterbende Schwäne

Ingolstadts Marcel Tisserand (l.) senst Antonio Colak um - entscheidet zumindest Schiri Manuel Gräfe und gibt Strafstoß.
Ingolstadts Marcel Tisserand (l.) senst Antonio Colak um - entscheidet zumindest Schiri Manuel Gräfe und gibt Strafstoß.(Foto: dpa)

Auch zum Duell am anderen Ende der Tabelle, nämlich zur Partie zwischen dem Vorletzten FC Ingolstadt 04 und dem Letzten SV Darmstadt 98 (3:2), schickte der Verband mit Manuel Gräfe einen besonders erfahrenen Schiedsrichter. Der Berliner ist für seine unerschütterliche Ruhe auch in hektischen Situationen bekannt, gleichzeitig zeichnet er sich sowohl durch sein Augenmaß als auch durch seinen Mut zur Konsequenz aus - auch in dieser heiklen Begegnung.

Der Strafstoß, den er den Gästen nach 38 Minuten gewährte, war gleichwohl zweifelhaft. Denn ob der Kontakt zwischen dem Ingolstädter Marcel Tisserand und Antonio Colak ursächlich dafür war, dass der Darmstädter zu Boden ging, darf man zumindest infrage stellen. Dafür lag Gräfe beim doppelten Platzverweis in der 87. Minute goldrichtig. Nach einem langen Ball lieferten sich Colak und sein Gegenspieler Romain Brégerie ein kleines Gerangel um den Ball. Der Darmstädter hielt den Ingolstädter dabei kurz fest, der tat daraufhin so, als sei er heftig im Gesicht getroffen worden, und trat noch im Fallen gegen Colak nach, der ebenfalls den "sterbenden Schwan" markierte. Der Referee blieb von diesem nichtswürdigen Schauspiel unbeeindruckt und stellte den bereits verwarnten Colak mit Gelb-Rot vom Platz, während Brégerie für seine Tätlichkeit glatt Rot sah. Immerhin sparten sich die beiden Delinquenten weiteres Theater und verließen ohne nennenswerten Protest das Feld.

Peinlicher Regelverstoß in Englands zweiter Liga

Für weit mehr Aufsehen sorgte ein Ereignis, das sich unter der Woche in der zweithöchsten englischen Liga, der Football League Championship, zutrug. Beim Spiel zwischen Newcastle United und Burton Albion unterlief Schiedsrichter Keith Stroud nämlich nach einer halben Stunde ein kapitaler Regelverstoß. Der 47-jährige Referee hatte den Gastgebern einen Strafstoß zugesprochen, den Matt Ritchie auch sicher verwandelte. Sein Mitspieler Dwight Gayle war jedoch bereits vor der Ausführung in den Strafraum eingedrungen. Für einen solchen Fall sehen die Regeln eine Wiederholung des Elfmeters vor.

Stroud jedoch entschied auf indirekten Freistoß für die Gäste. Diese Konsequenz hätte es allerdings nur geben dürfen, wenn der Strafstoß nicht ins Tor gegangen wäre. Entsprechend heftig war der Protest von Newcastle, entsprechend groß die Verwirrung auf dem Platz, am Spielfeldrand und auf den Rängen. Das Spiel war minutenlang unterbrochen, zumal auch im Team der Unparteiischen eine erstaunliche Unsicherheit zu herrschen schien, wie es nun weiterzugehen hat. Schließlich setzte der Schiedsrichter die Partie tatsächlich mit einem Freistoß für Burton Albion fort. Offenbar war niemand im vierköpfigen Gespann der Referees in der Lage, kühlen Kopf zu bewahren und für die richtige Entscheidung zu sorgen.

Die englische Profi-Schiedsrichter-Vereinigung PGMOL bat schließlich in einem Schreiben um Entschuldigung für den Fauxpas, der auf diesem Niveau schlicht und ergreifend nicht hätte passieren dürfen. Glück im Unglück für den Unparteiischen: Newcastle gewann die Begegnung trotzdem, zu einem Wiederholungsspiel wird es deshalb nicht kommen. Vom Drittligaspiel Gillingham gegen Millwall, das Stroud am Wochenende eigentlich hätte leiten sollen, zog ihn der Fußballverband allerdings ab. Schon um unnötige Diskussionen zu vermeiden.

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Quelle: n-tv.de

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