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"Collinas Erben" trafen Bibiana Steinhaus und Knut Kircher am Rande des Mercedes Benz Junior Cups in Sindelfingen.
"Collinas Erben" trafen Bibiana Steinhaus und Knut Kircher am Rande des Mercedes Benz Junior Cups in Sindelfingen.

"Wir sind Menschen, keine Roboter": "Collinas Erben" treffen Darth Vader

Auch die Unparteiischen bereiten sich auf die Rückrunde der Fußball-Bundesliga vor und arbeiten dabei die bisherige, für sie manchmal turbulente Saison auf. Mit zwei von ihnen, dem Bundesliga-Referee Knut Kircher und der Zweitliga-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus, unterhielten sich "Collinas Erben" am Rande eine Nachwuchs-Turniers in Sindelfingen über Körpersprache, Regelinterpretationen, den Videobeweis und den Umgang mit Kritik.

Herr Kircher, haben Sie den neuen "Star Wars"-Film schon gesehen?

Knut Kircher: Nein, aber den muss ich mir unbedingt angucken, ich arbeite schließlich an meiner Choreo.

Wir fanden die Dokumentation von "Sky" wunderbar, in der Sie mit Ihrem Sohn im Kinderzimmer gespielt und dabei die Darth-Vader-Maske getragen haben. Als Schiedsrichter ist man ja in gewisser Weise manchmal auch Schauspieler, oder?

Kircher: Ich glaube, die Rolle des Schauspielers sollte man als Schiedsrichter nicht annehmen. Man bringt es am weitesten, wenn man authentisch ist. Und dabei sollten wir auch bleiben.

Schiedsrichter bekommen bei der Ausbildung aber manchmal den Tipp, gewisse Gesten, die man im Alltag nicht praktiziert - Ermahnungen oder das Zeigen von Gelben und Roten Karten - vor dem Spiegel zu üben. Haben Sie das früher auch getan?

Kircher: Es kommt nicht unbedingt darauf an, wie man Gelbe Karten zeigt. Mit "authentisch" meine ich, dass man mit 22 unterschiedlichen Charakteren ganz normal umgeht, ganz normal mit ihnen spricht. Dann kommt die Alltagsmimik auch zum Tragen. Alles andere lernt man mit der Zeit.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Frau Steinhaus, schauen Sie sich Ihre Spiele unter dem Aspekt der Gestik und der Mimik später noch einmal an?

Bibiana Steinhaus: Natürlich bereite ich meine Spiele nach und gucke dabei auch darauf, wie ich mich in bestimmten Situationen gefühlt und auf andere gewirkt habe. Ich gleiche Selbstbild und Fremdbild also ab. Wichtig ist, dass man sich wohl fühlt in seiner eigenen Haut, dass man mit seinen eigenen Entscheidungen und deren Vermittlung zufrieden ist und sich darin auch wiederfindet.

Also einfach natürlich bleiben, wie Herr Kircher es gesagt hat?

Steinhaus: Das praktiziert Knut ja auch in überragender Art und Weise, wenn er mit seinen zwei Metern mal tief einatmet und die breite Brust vorausschiebt. Das würde ich mir gerne noch abgucken für die nächsten zehn Jahre.

Kircher: Vielen Dank, nach diesen Worten werde ich tatsächlich zwei Meter groß. (beide lachen)

In dieser Saison gab es nicht nur Positives, sondern auch Kritik an den Schiedsrichtern. Herbert Fandel sagte im "Kicker", mit der Hinrunde könnten die Unparteiischen nicht zufrieden sein, Ihr Bundesliga-Kollege Manuel Gräfe hat sich im "Aktuellen Sportstudio" fast wortgleich geäußert. Welche Gründe gibt es aus Ihrer Sicht dafür, dass die Spiele manchmal nicht so gut liefen?

Kircher: Ich möchte das gar nicht so schwarzmalen. Es gab sicherlich Einzelentscheidungen - auch von mir -, die man im Nachhinein nicht mehr so treffen sollte und darf. Aber das Ganze dann an die Wand zu klatschen und zu sagen, das war jetzt alles Käse - nein. Man muss es vielleicht machen wie die Trainer und die Mannschaften und sagen: So, jetzt kehre ich auch mal das Positive hervor. Diese Null-Fehler-Erwartung, die Zuschauer und Mannschaften haben, erfüllen wir nicht. Wir sind Menschen und keine Roboter. Es gibt sehr viel Positives, was wir geleistet haben. Dazu gehören auch die jungen Talente, die hochgekommen sind und jetzt die großen Spiele in der Bundesliga pfeifen. Das muss man auch mal so sagen und verkaufen. Das ist wichtig, denn wir sind die 19. Mannschaft in der ersten und zweiten Liga. Die Fehler, die gemacht wurden, werden wir aufarbeiten, sodass wir gestärkt in die Rückrunde gehen.

Sollten die Schiedsrichter also mehr in die Offensive gehen, muss es mehr Öffentlichkeitsarbeit geben? Nicht um zu entschuldigen, sondern um zu erklären, wie Gräfe es formuliert hat?

Knut Kircher zählt zu den erfahrensten deutschen Schiedsrichtern.
Knut Kircher zählt zu den erfahrensten deutschen Schiedsrichtern.(Foto: picture alliance / dpa)

Kircher: Man kann sich immer verbessern. Wir können uns als Schiedsrichter verbessern, die Assistenten können sich verbessern und auch die Offiziellen, die um diese 19. Mannschaft herum agieren, können sich verbessern. Ich werde sicherlich selbst in meinem letzten Spiel noch Szenen haben, von denen ich im Nachhinein sage: Das hättest du besser machen können. Bei den Fußballern ist das so - und bei uns eben auch. Deshalb sind neue Ideen herzlich willkommen. Die muss man generieren und dann geht es an die Frage, wie man sie umsetzt.

Derzeit wird viel über den Videobeweis diskutiert, dessen Einführung inzwischen auch von der DFB-Schiedsrichter-Kommission grundsätzlich befürwortet wird. Wie stehen Sie dazu? Wünschen Sie sich in bestimmten Szenen manchmal technische Unterstützung?

Steinhaus: Ich denke, dass die Torlinientechnologie – und ihre Umsetzung in den Stadion via "Hawk-Eye" – uns vorangebracht hat. Sie nimmt den Druck von den Schiedsrichtern, aber auch von den beteiligten Teams. Die Diskussionen in dieser Hinsicht sind stark entschärft worden. Ich glaube, das war ein Schritt in die richtige Richtung. Hinsichtlich des Videobeweises bin ich ein bisschen zurückhaltend, weil für mich noch niemand klar darstellen konnte, in welchen Bereichen man da rangehen sollte: Während des laufenden Spiels oder nicht? Wie soll das aussehen? Wer soll das machen? Wie soll es umgesetzt werden? Für mich sind noch ganz viele Fragen offen, die ich zum heutigen Zeitpunkt nicht beantworten könnte. Deshalb verfolge ich die Diskussion intensiv.

Das Ziel eines Schiedsrichters muss einerseits zwar immer eine möglichst fehlerarme Spielleitung sein. Aber ist die menschliche Komponente – zu der eben auch Fehler gehören, bei Spielern wie bei den Unparteiischen – auf der anderen Seite nicht auch eine Stärke des Fußballs? Würde der Videobeweis den Charakter dieser Sportart nicht stark verändern?

Kircher: Die Frage ist ja immer: Was wiegt schwerer, was wird als schwerwiegender bewertet? Ich glaube, bei Fehlern des Schiedsrichters wird medial eher nachgetreten, als wenn ein Spieler den Ball fünf Meter vor dem leeren Tor in die Wolken haut. Diesem Spieler klopft man auf die Schulter und sagt: Junge, beim nächsten Mal triffst du die Bude wieder. Beim Schiedsrichter dagegen dauert die Diskussion über den Fehler tagelang, manchmal redet man sogar in der nächsten und übernächsten Saison noch darüber. Bis vor einigen Jahren war ich noch Traditionalist, aber letztlich gilt das, was ich schon gesagt habe: Wir öffnen uns mehr und mehr. Manchmal muss man Dinge vielleicht auch ausprobieren, um zu erkennen, was der richtige Weg ist, was man noch mit einem Feinschliff versehen muss und was man zu den Akten legen kann. Wir sind jedenfalls die Letzten, die sich gegen Neuerungen wehren.

"Selbstverständlich ist die Bundesliga immer noch mein Ziel": Bibiana Steinhaus.
"Selbstverständlich ist die Bundesliga immer noch mein Ziel": Bibiana Steinhaus.(Foto: imago/Pressefoto Baumann)

In der jüngeren Vergangenheit gab es bei den Regelauslegungen einige gravierende Änderungen, mit denen die Offensive begünstigt werden sollte, nicht zuletzt beim Abseits und beim Handspiel. Noch immer herrscht manchmal bei den Mannschaften und in der Öffentlichkeit darüber mal Verwirrung, mal Streit. Haben diese Änderungen den Schiedsrichtern die Spielleitung also erschwert?

Kircher: Nein, gar nicht. Es gibt klare Kriterien beim Abseits, es gibt klare Kriterien für ein Handspiel. Aber im Fußball ist es wie im sonstigen Leben: Wenn jemand den Gesetzgebungstext umgehen möchte, dann probiert er das, und bei den Spielern ist es genauso, egal, ob im Fußball, im Handball oder im Basketball. Hinzu kommt: Der Fußball ist dynamischer geworden und die Medien können aus verschiedenen Kameraperspektiven Vorgänge beobachten und entlarven, die aus der Sicht eines Schiedsrichters oder Assistenten gar nicht zu entlarven sind. Manchmal werden auch Dinge hineininterpretiert. Oder es spielen andere Fragen eine mediale Rolle: Wie sieht das Drehbuch aus? Wie sieht die Storyline aus? Was passt zum Spiel? All das gibt einen großen Mix und das Produkt Fußball soll ja auch gut verkauft werden.

Steinhaus: Ich kann das nur unterstreichen. Das Regelwerk hat sich ja nicht geändert, wir sprechen also über seine Interpretation. Und da gilt es, die kleinen Stellschrauben ein wenig zu justieren und noch mal genauer hinzugucken. Die Geschwindigkeit des Spiels macht das sicherlich erforderlich. Aber da können wir ganz gut Schritt halten.

Dennoch die Frage: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welche Regel oder Regelauslegung geändert werden sollte, was würden Sie antworten?

Steinhaus: Die Diskussion über die Doppelbestrafung etwa bei einer "Notbremse" - also die Frage, ob es immer zwingend notwendig ist, neben dem Strafstoß auch die Rote Karte zu geben - ist eine, die sowohl in Fußballer- als auch in Schiedsrichterkreisen häufig geführt wird. Es gibt ja auch von diversen Verbänden immer wieder Nachfragen und Eingaben, das zu ändern.

Kircher: Bei mir geht das in genau die gleiche Richtung, was die Doppelbestrafung betrifft. Früher hätte ich noch das Thema Trikotausziehen genannt. Aber man muss das weltweit sehen. Es gibt Länder und Landstriche, da ist das einfach nicht schicklich und das muss man so akzeptieren. Fußball wird ja nicht nur in Deutschland und Europa gespielt.

Herr Kircher, Sie sind noch ein halbes Jahr Bundesliga-Schiedsrichter, danach müssen Sie aufhören, weil Sie die Altersgrenze von 47 Jahren erreicht haben. Was halten Sie persönlich von dieser Regelung?

Kircher: Ich konnte mich 15 Jahre darauf einstellen. (lacht)

Worauf freuen Sie sich in der Rückrunde noch besonders? Gibt es Stadien, in denen Sie besonders gerne Spiele pfeifen oder bestimmte Spieler, die Sie noch einmal sehen wollen?

Kircher: Im Grunde genommen ist jedes Spiel in der Bundesliga und der zweiten Liga ein Highlight für jeden Schiedsrichter. Ich möchte deshalb auch kein Stadion besonders hervorheben. Wir haben tolle Arenen in Deutschland. Ich freue mich einfach auf die letzten Spiele, werde sie hochmotiviert und hochkonzentriert angehen, irgendwann werde ich eine Träne verdrücken nach dem letzten Spiel und dann war es eine schöne Zeit.

Nach dieser und der kommenden Saison müssen insgesamt gleich sieben Erstliga-Schiedsrichter altersbedingt aufhören. Frau Steinhaus, steigert das bei Ihnen die Hoffnung, in die Bundesliga aufzusteigen?

Steinhaus: Wir haben so viele gute Schiedsrichter, sowohl in der Bundesliga als auch in der zweiten Liga. Es gibt so viele junge Leute, die dort wirklich gute Leistungen abliefern und über die nächsten Jahre eine gute Perspektive haben. Ich bin jetzt seit acht Jahren in der zweiten Liga dabei, genieße das sehr und gucke von Spiel zu Spiel. Selbstverständlich ist die Bundesliga immer noch mein Ziel, aber es würde mich auch nicht schockieren, wenn es in diesem Leben nicht mehr umsetzbar ist.

Das Gespräch führten Alex Feuerherdt und Klaas Reese

Quelle: n-tv.de

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