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Schiedsrichter Robert Kampka wird beim Spiel zwischen Wolfsburg und Hertha zweimal vom Videoschiedsrichter korrigiert - beide Male zu Recht.
Schiedsrichter Robert Kampka wird beim Spiel zwischen Wolfsburg und Hertha zweimal vom Videoschiedsrichter korrigiert - beide Male zu Recht.(Foto: imago/Matthias Koch)
Montag, 06. November 2017

"Collinas Erben" hoffen: Der Videobeweis sammelt Pluspunkte

Von Alex Feuerherdt

Am elften Spieltag der Fußball-Bundesliga belegt der Videobeweis seine Vorzüge. Zuvor allerdings verhalten sich die für ihn verantwortlichen Schiedsrichter-Funktionäre sehr ungeschickt. Sogar Manipulationsvorwürfe stehen im Raum.

Es gehört zum Los der Schiedsrichter, dass sie nach ihren Spielen nur dann vor die Fernsehkamera gebeten werden, wenn sie eine heftig umstrittene oder gar falsche Entscheidung getroffen haben, die wesentlichen Einfluss auf die Partie genommen hat. Dann sollen sie erklären, warum sie so und nicht anders entschieden haben, obwohl doch ausnahmslos jeder nach etlichen Superzeitlupen und Standbildern aus vielen verschiedenen Perspektiven ganz klar gesehen hat, dass das nicht richtig war. Es ist eine äußerst unangenehme Aufgabe für die Unparteiischen, zumal kurz nach dem Abpfiff. Und begreiflicherweise verspürt nicht jeder von ihnen das Bedürfnis, diesen Canossagang anzutreten.

Guido Winkmann jedoch, der Referee des Spiels zwischen dem Hamburger SV und dem VfB Stuttgart (3:1), stellte sich am Samstag den kritischen Fragen des Bezahlsenders Sky. Er hatte nach nur zwölf Minuten den Stuttgarter Mittelfeldspieler Dzenis Burnic mit der Gelb-Roten Karte vom Feld geschickt, nach einem Tackling gegen Aaron Hunt, das definitiv keine zweite Verwarnung rechtfertigte. Nach seiner Wahrnehmung auf dem Platz sei Burnic "am Schluss rücksichtslos eingestiegen, in die Achillessehne von Hunt", sagte Winkmann. Die Fernsehbilder gäben das aber nicht her. "Die Gelb-Rote Karte war in diesem Fall nicht richtig", räumte der Unparteiische ein. "Schiedsrichter machen halt Fehler."

Winkmanns Wahrnehmung nicht abwegig

Dabei zeigte eine der Wiederholungen, die von dieser Szene gesendet wurden, ziemlich genau Winkmanns Blickwinkel - und machte deutlich, dass die Wahrnehmung des Referees keineswegs so abwegig war, wie es vielen schien: Aus dieser Perspektive sah es nämlich in der Tat so aus, als hätte Burnic den Hamburger mit den Stollen an einer besonders verletzungsanfälligen Stelle getroffen. Und ein anderer Blickwinkel stand Winkmann nun mal nicht zur Verfügung, zumal der Video-Assistent, wie der Schiedsrichter selbst betonte, "nicht befugt war, einzugreifen".

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Denn Gelb-Rote Karten gehören nicht zu den Entscheidungen, die gemäß den Richtlinien des International Football Association Board (Ifab) mithilfe des Videobeweises überprüft werden dürfen. Eine solche Prüfung ist im Zusammenhang mit persönlichen Strafen nur möglich, wenn der Unparteiische entweder eine glatt Rote Karte gezeigt hat oder der begründete Verdacht besteht, dass es ein klarer Fehler war, eine Rote Karte nicht gezeigt zu haben. Eine Gelb-Rote Karte dagegen ist regeltechnisch nichts anderes als eine weitere Gelbe Karte für einen bereits verwarnten Spieler - und Gelbe Karten werden vom Video-Assistenten generell nicht geprüft.

Manch einer hält das für änderungsbedürftig, beispielsweise der Stuttgarter Trainer Hannes Wolf, der dafür plädiert, die Möglichkeit einzuführen, bei einer Gelb-Roten Karte die zweite Verwarnung zu kontrollieren. Schließlich führe auch Gelb-Rot zur Unterzahl und habe damit dieselbe Konsequenz wie eine glatt Rote Karte. Doch derzeit ist eine solche Prüfung nicht möglich, weshalb Guido Winkmann vor allem für etwas mehr Gelassenheit und Akzeptanz eintrat: "Ich habe heute einen Fehler gemacht, dazu muss ich stehen. Wir werden auch weiter Fehler machen und irgendwann wird sich das ganze Thema beruhigen."

Aufweichung der Kriterien für den Videobeweis?

Einstweilen aber gibt es um dieses "ganze Thema", also den Videobeweis, weiterhin viele Diskussionen. Ende der vergangenen Woche macht der "Kicker" ein Schreiben publik, das Lutz Michael Fröhlich, der Chef der Bundesliga-Referees, und Hellmut Krug, der Leiter des Projekts Videobeweis, Ende Oktober an die Bundesligaklubs geschickt hatten. Eigentlich sollte es mehr Klarheit hinsichtlich der Frage schaffen, wie durch die Einführung des Video-Assistenten die Rollenverteilung im Schiedsrichterteam aussieht und welchen Einfluss der technische Helfer auf die Entscheidungen des Schiedsrichters hat. Doch die Reaktionen auf den Brief fielen überwiegend negativ aus.

Das lag vor allem daran, dass Fröhlich und Krug von einer "Kurs-Korrektur" schrieben, die sie nach dem fünften Spieltag vorgenommen hätten - das Schreiben wurde allerdings erst kurz vor dem zehnten Spieltag verfasst und den Vereinen zugestellt. Bis dahin mussten sich die Klubs also selbst einen Reim auf die unübersehbaren Veränderungen beim Videobeweis machen, die es gab, nachdem die Praxis bis dahin für viel Kritik gesorgt hatte. Erst dann folgte die Aufklärung: Der Video-Assistent, so hieß es jetzt, solle sich auch dann zu Wort melden, wenn im Kontext von Torerzielungen, Roten Karten und rotverdächtigen Vergehen, Elfmetern und elfmeterverdächtigen Szenen sowie Spielerverwechslungen "die Einordnung der Schiedsrichterentscheidung in die Kategorie 'Klarer Fehler' nicht zweifelsfrei gewährleistet ist, der Video-Assistent aber starke Zweifel an der Berechtigung der Schiedsrichterentscheidung hat".

Max Eberl beschwert sich über den DFB.
Max Eberl beschwert sich über den DFB.(Foto: imago/Jan Huebner)

Das klang für viele nach einer drohenden Inflationierung des Videobeweises. Auch DFB-Präsident Reinhard Grindel äußerte sich kritisch und sagte, mit ihm sei der Brief nicht abgesprochen gewesen. Fröhlich legte daraufhin eine weitere Erklärung an die Klubs nach, die auszugsweise auch auf der Website des DFB veröffentlicht wurde. Darin war nicht mehr von einer "Kurs-Korrektur" die Rede, auch die "starken Zweifel" als Kriterium für einen Eingriff des Video-Assistenten waren verschwunden. Dafür wurde nun präzisiert, dass der Video-Assistent nur dann einschreiten solle, "wenn die Entscheidung des Schiedsrichters dem vorliegenden Bildmaterial gravierend widerspricht". Dann müssten die beiden kommunizieren und die Wahrnehmung des Referees mit den Bildern abgleichen. Um einen klaren Fehler auszuschließen, könne sich der Unparteiische die Szene bei Bedarf in der "Review Area" selbst ansehen.

Eberl: "Katastrophale Kommunikation des DFB"

Fröhlich bedauerte zwar, dass "missverständliche Formulierungen" im ersten Brief "für Irritationen gesorgt und Fragen aufgeworfen" hätten. Doch das genügte vielen nicht. "Die ganze Kommunikation beim DFB ist momentan katastrophal", sagte beispielsweise der Mönchengladbacher Manager Max Eberl. "Wenn man eine Testphase hat und das ganze System dann auch anpassen will, ist das durchaus berechtigt. Nur sollten es dann auch alle wissen." Tatsächlich ist es kaum zu verstehen, warum die verantwortlichen Schiedsrichter-Funktionäre trotz der unübersehbaren Verunsicherung und der teilweise deutlichen Kritik vonseiten der Klubs und der Öffentlichkeit nicht viel früher Stellung bezogen, für Transparenz gesorgt und für Akzeptanz geworben haben.

Vor allem, weil der Hauptgedanke in den Schreiben an die Bundesligaklubs völlig nachvollziehbar ist: Wenn die Einordnung einer Entscheidung in die Kategorie "klarer Fehler" schwierig - und problematisch zu vermitteln - ist, dann ist es sinnvoll, wenn der Schiedsrichter sich nicht nur auf den Video-Assistenten verlässt, sondern vor einem endgültigen Urteil noch einmal selbst einen Blick auf den Bildschirm an der Seitenlinie wirft. "Die Entscheidung, ob ihm ein klarer Fehler unterlaufen ist, liegt dann bei ihm selbst", so Fröhlich und Krug in ihrem ersten Brief. Das steht auch im Einklang mit den Regularien des Ifab, in denen es heißt: "Ein klarer Fehler des Schiedsrichters liegt vor, wenn er seine Entscheidung nach Betrachtung des Bildmaterials unverzüglich ändern würde."

In Wolfsburg klappt es mit dem Videobeweis

Da es bei subjektiven Entscheidungen, etwa über Zweikämpfe und Handspiele im Strafraum, oft Ermessensspielräume gibt, wird die diesbezügliche Linie nie vollkommen einheitlich und widerspruchsfrei sein können. Dennoch lässt sich die Berechenbarkeit in Bezug auf die Eingriffe der Video-Assistenten zweifellos verbessern, Gleiches gilt für die Frage, wann der Referee den Gang in die Review Area antritt und wann er dem Video-Assistenten blind vertraut. Insgesamt hat der Videobeweis am elften Spieltag jedoch Pluspunkte sammeln können.

So wurden beispielsweise in Wolfsburg beim turbulenten Spiel gegen Hertha BSC (3:3) gleich zwei Abseitstore für die Gastgeber annulliert, die ohne den Video-Assistenten anerkannt worden wären. In Hamburg gab es in der 54. Minute nach einer Intervention aus dem Studio in Köln zu Recht einen Strafstoß für den VfB Stuttgart, nachdem Dennis Diekmeier den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand gespielt hatte, ohne dass der Unparteiische es bemerkte. In Mönchengladbach wurde korrekterweise ein Tor für den 1. FSV Mainz 05 zurückgenommen, weil der Video-Assistent ein klares Stürmerfoul von Suat Serdar erkannt hatte, das dem Referee verborgen geblieben war. Allerdings entging ihm, genauso wie dem Schiedsrichter, nach 17 Minuten eine "Notbremse" des Gladbachers Lars Stindl an Philippe Gbamin, die einen Elfmeter und eine Rote Karte hätte nach sich ziehen müssen. Der regelwidrige Fußkontakt war zwar schwer zu sehen, in den Wiederholungen aber doch erkennbar.

Schwere interne Turbulenzen

Unruhe gibt es im Schiedsrichterwesen derweil auch, weil die "Bild am Sonntag" den Verdacht kolportiert hat, dass Hellmut Krug, der Projektleiter für den Videobeweis, im Spiel zwischen Schalke 04 und dem VfL Wolfsburg am zehnten Spieltag zweimal den Video-Assistenten Marco Fritz gegen dessen Willen beeinflusst hat. Krug bestreitet dies jedoch und bekommt Unterstützung von Fritz, der betont, die Entscheidungen eigenverantwortlich getroffen zu haben.

Bereits am Freitag war bekannt geworden, dass Krug auf Vorschlag der Ethikkommission des DFB seine Funktion in der Elitekommission der Schiedsrichter aufgibt, das Projekt Videobeweis aber weiterhin leiten darf. Manuel Gräfe und Felix Brych hatten Krug und Fandel unter anderem Manipulation, Machtmissbrauch und Mobbing vorgeworfen. Es sind turbulente Zeiten für die deutschen Schiedsrichter und ihre Führung. Und es ist fraglich, ob sich diese Turbulenzen in nächster Zeit tatsächlich beruhigen werden.

Quelle: n-tv.de

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