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Bayerns Mats Hummels, hier liebevoll von seinem Torwart Manuel Neuer berührt, kam auf Schalke mit einem blauen Auge davon.
Bayerns Mats Hummels, hier liebevoll von seinem Torwart Manuel Neuer berührt, kam auf Schalke mit einem blauen Auge davon.(Foto: dpa)
Montag, 12. September 2016

"Collinas Erben" tüfteln an Regeln: Hummels duselt, Tuchel irrt, Alarm in Bremen

Von Alex Feuerherdt

Auf Schalke hätte es einen Strafstoß geben müssen, den gar keiner wollte. In Leipzig geht beim Siegtor alles mit rechten Dingen zu, auch wenn manch Dortmunder das anders sieht. In Freiburg gibt es für eine "Notbremse" erstmals nicht Rot - zu Recht.

Das ging ja ungut los: Als Schiedsrichter Manuel Gräfe in der Auftaktpartie des zweiten Bundesliga-Spieltags zwischen Schalke 04 und dem FC Bayern München am Freitagabend in einer Spielunterbrechung nach 25 Minuten plötzlich auf der Bank der Gastgeber Platz nahm, um sich dort vom medizinischen Personal der Schalker an der Wade behandeln lassen, fühlte sich so mancher an die vergangene Spielzeit erinnert. In jener nämlich mussten gleich drei Unparteiische - und damit so viele wie nie zuvor in einer Saison - die Leitung eines Spiels verletzungsbedingt abbrechen und an einen Assistenten oder den Vierten Offiziellen übergeben. Gräfe jedoch konnte nach der Behandlung weiterpfeifen. Hätte er aufgeben müssen, dann wäre der Vierte Offizielle Frank Willenborg - seit dieser Saison Referee in der Bundesliga, dort aber bislang noch ohne Einsatz - als ranghöchster Helfer im Schiedsrichter-Gespann vorzeitig zu seinem Debüt im Oberhaus gekommen.

Knapp zehn Minuten nach Gräfes Rückkehr auf den Platz hatten die Schalker eine große Torchance, als ihr Neuzugang Yevhen Konoplyanka den Bayern-Heimkehrer Mats Hummels einfach stehen ließ und den Ball scharf nach innen passte. Dort blockten David Alaba und Manuel Neuer den Schuss von Klaas-Jan Huntelaar gemeinsam ab, die Münchner konnten schließlich mit Mühe klären. Unmittelbar nach seinem Pass war Konoplyanka allerdings von Hummels durch eine Grätsche in die Beine zu Fall gebracht worden, ohne dass der Referee gepfiffen hatte. Auf dem Platz forderte dennoch niemand einen Strafstoß, die Brisanz der Szene wurde auch erst in der Zeitlupe des Fernsehens deutlich. Dann aber stritten sich die Gelehrten darüber: Hätte es nicht einen Elfmeter für Schalke geben müssen? Und außerdem Gelb-Rot für den schon verwarnten Hummels? Oder wurde der Fall vom Schiedsrichter korrekt gelöst?

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dazu ist zu sagen, dass es regeltechnisch unerheblich ist, ob ein solches Foul vor oder nach dem Abspiel geschieht. Würde sich ein Spieler im Mittelfeld vom Ball trennen und anschließend vom Gegner abgeräumt werden, käme ja - zu Recht - auch niemand auf die Idee, zu argumentieren, hier sei durch den Pass eine Spielsituation abgeschlossen worden und eine Ahndung des Fouls daher nicht mehr möglich. Für ähnlich gelagerte Vergehen im Strafraum gilt aber selbstverständlich das Gleiche. Bleibt die Frage, ob die Vorteilsbestimmung angewendet wurde, als Huntelaar sich in Bedrängnis am Torschuss versuchte. Dagegen spricht, dass Manuel Gräfe nichts dergleichen anzeigte und sich ein eindeutiger Vorteil innerhalb der von den Regeln vorgesehenen Frist von einigen Sekunden auch nicht ergab. Deshalb wäre ein Strafstoßpfiff durchaus vertretbar gewesen. Und die "Ampelkarte" für Hummels ebenfalls.

Leipziger Siegtor regeltechnisch völlig korrekt

Dortmunds Trainer Thomas Tuchel haderte mit der Schiedsrichterleistung in Leipzig.
Dortmunds Trainer Thomas Tuchel haderte mit der Schiedsrichterleistung in Leipzig.(Foto: imago/Bernd König)

Während in den Reihen der Schalker dennoch niemand dem Unparteiischen gram war, zweifelten sie in Dortmund nach dem Spielende die Rechtmäßigkeit des Siegtreffers von RB Leipzig kurz vor dem Schlusspfiff an. Nur: Dazu gab es wahrlich keinen Grund. Anders, als der Dortmunder Trainer Thomas Tuchel meinte, war es bei der Entstehung des Tores für den Aufsteiger nicht zu einem absichtlichen Handspiel von Marcel Halstenberg gekommen, denn dessen Arm lag bei der Ballannahme dicht am Körper und es gab auch keine Bewegung mit dem Arm zum Ball. Ein strafwürdiges Abseits von Leipziger Angreifern hatte ebenfalls nicht vorgelegen, auch wenn der BVB-Verteidiger Marcel Schmelzer Gegenteiliges vermutete.

Zwar ist es richtig, dass vier Stürmer der Gastgeber sich im Abseits befanden, als der Leipziger Torhüter Peter Gulácsi den Ball aus dem Strafraum weit nach vorne schlug. Doch keiner von ihnen berührte danach die Kugel. Und keiner beeinflusste einen Dortmunder Spieler so, dass Schiedsrichter Wolfgang Stark zum Eingreifen gezwungen gewesen wäre. Eine solche regelwidrige Beeinflussung hätte - so steht es im Regelwerk geschrieben - nur dann vorgelegen, wenn ein im Abseits befindlicher Leipziger einen Dortmunder im Kampf um den Ball angegriffen oder anderweitig dessen Möglichkeit beeinträchtigt hätte, den Ball zu spielen. Das aber war ersichtlich nicht der Fall. Und alleine die Nähe von - sich erkennbar passiv verhaltenden - Stürmern, die im Abseits stehen, zu gegnerischen Abwehrspielern begründet noch keinen Abseitspfiff.

Nur Gelb trotz "Notbremse"

Gladbachs Torwart Yann Sommer holte Freiburgs Vincenzo Grifo im Strafraum von den Beinen.
Gladbachs Torwart Yann Sommer holte Freiburgs Vincenzo Grifo im Strafraum von den Beinen.(Foto: imago/Eibner)

In Freiburg feierte derweil der erste der vier diesjährigen Bundesliga-Aufsteiger unter den Schiedsrichtern sein Debüt in der Eliteklasse, nämlich Harm Osmers. Der 31-Jährige hatte am Ende der ersten Hälfte einen etwas unglücklichen Moment, als er in der Nachspielzeit einen Freistoß für die Gäste aus Mönchengladbach in Tornähe pfiff und auch den Anschein erweckte, diesen noch ausführen lassen zu wollen, dann jedoch plötzlich zur Halbzeit pfiff. Rein regeltechnisch war das zwar korrekt, weil die angezeigte Nachspielzeit abgelaufen war und ein Freistoß dann nicht mehr unbedingt ausgeführt werden muss. Aus schiedsrichtertaktischer Sicht und hinsichtlich des Entscheidungsmanagements jedoch hat Osmers die Situation nicht gut gelöst.

Absolut korrekt war es dagegen, in der 87. Minute auf Strafstoß für die Gastgeber zu entscheiden, als der Gladbacher Yann Sommer den Freiburger Vincenzo Grifo im Strafraum von den Beinen holte und dem Keeper dafür - obwohl dieser eine klare Torchance verhindert hatte - lediglich die Gelbe Karte zu zeigen. Denn anders als noch in der vergangenen Saison gilt nun: Bei "Notbremsen" im Strafraum gibt es nur noch eine Verwarnung, wenn das Foul im Kampf um den Ball geschieht. Das war hier der Fall, weil Sommer die Kugel mit der Hand recht knapp verfehlte. Wird ein Tor oder eine offensichtliche Tormöglichkeit dagegen durch ein Stoßen, Halten oder Ziehen verhindert - allesamt Vergehen, bei denen nicht um den Ball gekämpft wird -, dann bleibt es bei der Roten Karte. Das Gleiche gilt für eine Torverhinderung durch ein Handspiel – und für jegliche "Notbremse" außerhalb des Strafraums. Dort ändert sich an der Regelauslegung also rein gar nichts. Für die Ahnenforscher sei außerdem noch erwähnt: Harm Osmers ist mit dem früheren Bundesliga-Referee Hans-Joachim Osmers weder verwandt noch verschwägert.

Strafraumalarm in Bremen

Puren Stress hatte unterdessen Schiedsrichter Daniel Siebert im Bremer Weserstadion. Denn gleich viermal stellte sich bei der Sonntagspartie des SV Werder gegen den FC Augsburg die Frage: Strafstoß oder nicht? Den Auftakt bildete eine Szene in der 41. Minute, als der Augsburger Paul Verhaegh den Bremer Neuzugang Serge Gnabry im Zweikampf ein wenig mit dem Arm am Hals berührte, woraufhin der Silbermedaillengewinner von Rio allzu bereitwillig fiel. Dem Referee genügte das nicht für einen Elfmeter, und das war auch nachvollziehbar. Kurz vor dem Pausenpfiff kam dann der Bremer Zlatko Junuzovic zu Fall, als Martin Hinteregger sich ihm allzu unbedacht in den Weg stellte. Hier entschied Siebert auf Strafstoß - und lag damit ebenfalls richtig.

Hintereggers recht eindeutiges Halten gegen Ludovic Sané in der 51. Minute dagegen ließ der Unparteiische fälschlicherweise ungeahndet. Und als Sané den Augsburger Alfred Finnbogason 20 Minuten später am Fuß traf, geschah dies in der Wahrnehmung des Referees außerhalb des Strafraums. Tatsächlich fand der Kontakt allerdings - was aber erst die Zeitlupe zeigte - knapp innerhalb des Sechzehnmeterraums statt. Letztlich war das jedoch unerheblich, denn der Augsburger Verteidiger Konstantinos Stafylidis verwandelte den Freistoß so eiskalt wie andere sonst nur Elfmeter.

Ein anderer Abwehrspieler traf sogar gleich dreifach – im schwedischen Drittligaspiel zwischen Norrby IF und Tvååkers IF nämlich. Medi Dresevic heißt der Mann, der bei Norrbys 6:1-Sieg weit mehr tat, als bloß schnöde Defensivaufgaben zu verrichten. Seinen dritten Treffer feierte er dabei auf ungewöhnliche Weise: Er lief an den Spielfeldrand, sprang über die Absperrung, nahm auf der Tribüne Platz und applaudierte sich selbst. Dem Schiedsrichter war das zu viel des Guten. Er sah in dieser Aktion einen unsportlichen Torjubel, auf den laut Regeln die Gelbe Karte steht. Da Dresevic aber bereits verwarnt war, musste er mit Gelb-Rot vom Platz. Es war gewissermaßen ein Feldverweis, den es für übertriebenen Narzissmus gab. Sehr zu Recht, übrigens.

Quelle: n-tv.de

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