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Nix gehört: Schiedsrichter Manuel Gräfe in Frankfurt.
Nix gehört: Schiedsrichter Manuel Gräfe in Frankfurt.(Foto: dpa)

"Collinas Erben" verfluchen Technik: Knopf klemmt, Gehilfe mutlos, kein Elfmeter

Von Alex Feuerherdt

In Frankfurt will der Vierte Offizielle dem Unparteiischen mitteilen: Elfmeter! Das scheitert, weil die Headsets des Schiedsrichter-Gespanns nicht funktionieren. Schlecht für die Eintracht. Wie kann das sein? Fehlt da jemandem der Mut?

Ein Knopf im Ohr - und alles ist gut? Meist ja, aber eben nicht immer. So geschehen beim Spiel der Fußball-Bundesliga zwischen der Frankfurter Eintracht und dem FC Augsburg. Weil die Technik versagt, bekommen die Gastgeber einen Elfmeter nicht.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Aber der Reihe nach. Auch wenn es heute fast schon nicht mehr vorstellbar erscheint: Jahrzehntelang mussten die Schiedsrichter im Fußball ohne jedes technische Hilfsmittel auskommen. Erkannte früher ein Assistent - der bis 1996 Linienrichter hieß, bevor seine Kompetenzen erheblich erweitert wurden - ein Abseits, dann hob er seine Fahne und hielt sie so lange in der Luft, bis der Unparteiische ihn sah und das Spiel mit einem Pfiff unterbrach.

Das funktionierte leidlich gut, barg aber zwei Gefahren: Zum einen musste der Schiedsrichter seinen Blick immer mal wieder vom Spielgeschehen abwenden, um zu schauen, ob einer seiner Helfer von seinem Arbeitsgerät Gebrauch machte. Wenn just in diesem Moment ein Spieler gefoult wurde, entging ihm das womöglich. Zum anderen dauerte es gelegentlich einen Moment, bis der Referee ein Fahnenzeichen wahrnahm - eben weil er dem Geschehen mit seinen Augen folgte. So manches Signal wurde deshalb sogar gänzlich übersehen.

Das änderte sich grundlegend mit der Einführung des Funkfahnensystems Ende der 1990er-Jahre. Dadurch bekamen die Assistenten die Möglichkeit, mit einem Druck auf einen Knopf im Griff der Fahne - etwa beim Abseits oder bei einem Foul - ein akustisches Signal auszulösen, das der Schiedsrichter über einen am Oberarm befestigten Empfänger erhält. Seitdem kann der Referee bedenkenlos den Spielverlauf verfolgen, ohne befürchten zu müssen, ein Zeichen seiner Unterstützer an den Seitenlinien zu verpassen.

Anfangs waren diese Funksysteme sehr teuer, inzwischen sind sie auch in den Amateurklassen verbreitet. In der Bundesliga kamen in der Saison 2009/2010 schließlich noch die Headsets hinzu, die anfänglich von vielen kritisch gesehen wurden. DFB-Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel beispielsweise, seinerzeit Fifa-Referee, sagte nach zwei Spielen, er fühle sich durch die Neuerung gestört: "Ich habe mich nicht richtig mit den Spielern unterhalten können, die Umgebung ganz anders wahrgenommen und das Ding verflucht."

Das ist irgendwo menschlich

Inzwischen ist "das Ding" bei den Schiedsrichtern als echte Hilfe akzeptiert, weil es die Kommunikation im Gespann erheblich erleichtert. Die Technik verflucht haben wird jedoch auch Manuel Gräfe nach der Partie zwischen der Eintracht und dem FCA, die er als Unparteiischer zu leiten hatte. In der 16. Minute brachte der Augsburger Dominik Kohr den Frankfurter Vaclav Kadlec durch einen Griff ans Trikot zu Fall - eigentlich ein klarer Elfmeter. Gräfe pfiff jedoch nicht, weil er das Foul aus seiner Perspektive nicht sehen konnte. Auch dem Assistenten war die Sicht verdeckt. Der Vierte Offizielle Patrick Ittrich hatte Kohrs Vergehen allerdings beobachtet und wollte Gräfe nun seine Wahrnehmung über das Headset mitteilen. Aber wegen eines technischen Defekts scheiterte dieses Unterfangen. Die Botschaft kam nicht an, das Spiel lief weiter, es gab keinen Strafstoß und Manuel Gräfe entschuldigte sich deshalb später bei den Frankfurtern.

"Wenn man Technik einsetzt, muss man damit rechnen, dass sie versagt", sagte Hellmut Krug, Schiedsrichter-Beobachter und Berater der DFL in Fragen des Schiedsrichterwesens, nach der Partie. Hätte der Vierte Offizielle also keine andere Möglichkeit gehabt, sich mitzuteilen? Doch - und zwar so wie in den Zeiten ohne technische Hilfsmittel: "Er hätte zum Assistenten laufen und ihn darauf aufmerksam machen müssen", erklärte Krug. Im Stress sei er jedoch verständlicherweise nicht auf den Gedanken gekommen, "dass er das nächste Register hätte ziehen müssen". Vielleicht hielt Patrick Ittrich diesen Schritt aber auch für zu weitgehend, schließlich bestand seine Kernaufgabe in der Kontrolle der Trainerbänke und der Durchführung von Auswechslungen. Hinzu kommt: Während eine Kommunikation des Schiedsrichter-Gespanns über Mikrofon und Kopfhörer diskret verläuft, bekommt es jeder im Stadion mit, wenn der Vierte Offizielle plötzlich zum Assistenten stürmt und auf ihn einredet.

In der fraglichen Situation war Ittrich außerdem viel weiter vom Geschehen entfernt als Gräfe und sein Assistent, das mag seine Bereitschaft zu einer offenen Intervention vermindert haben. Der Grat zwischen einer notwendigen Einmischung und der Überschreitung der eigenen Kompetenzen ist manchmal eben sehr schmal. Frankfurts Trainer Thomas Schaaf wollte die Schuld dann auch nicht dem Schiedsrichter-Team geben: "Wir haben heute selbst zu viele Fehler gemacht."

Übrigens: Wenn die Technik funktioniert, wie sie soll - was sie normalerweise sehr zuverlässig tut -, gibt es einen Unterschied zwischen den beiden Schiedsrichter-Assistenten und dem Vierten Offiziellen: Während der Kommunikationskanal zwischen den Erstgenannten und dem Unparteiischen in beide Richtungen durchweg geöffnet ist, muss sich Letzterer via "push to talk" zuschalten, das heißt: Er betätigt einen Knopf - "Buzzer" genannt -, um sich Gehör zu verschaffen. Grund dafür ist, dass der Referee und die beiden Helfer an der Linie nicht durch die ständige Kommunikation des "Vierten Mannes" mit den Trainern und Offiziellen abgelenkt werden sollen. Am Sonntag in Frankfurt klemmte dieser Knopf offenbar. Aber das ist irgendwo menschlich. So wie früher, als es technische Hilfsmittel für die Schiedsrichter noch gar nicht gab.

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Quelle: n-tv.de

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