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Schiedsrichter Tobias Stieler in Mainz.
Schiedsrichter Tobias Stieler in Mainz.(Foto: imago/Jan Huebner)

"Collinas Erben" loben: Mainzer Kartenfestival war unausweichlich

Von Alex Feuerherdt

In Mainz kommt es beim Spiel gegen RB Leipzig zu einer Kartenflut. Und doch steht der Schiedsrichter nicht in der Kritik - weil er Konsequenz und Augenmaß beweist. Und auch als Video-Assistent blickt er auf einen erfolgreichen Einsatz zurück.

Wenn in einem Spiel der Fußball-Bundesliga gleich zehn Spieler verwarnt werden und einer vom Platz gestellt wird, kommen dafür im Wesentlichen zwei Erklärungen in Betracht: Entweder haben die Akteure munter drauflos geknüppelt - oder der Schiedsrichter war bei den Personalstrafen unangemessen kleinlich. Mit Blick auf die Partie am Mittwochabend an diesem 27. Spieltag zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und RB Leipzig (2:3) muss man festhalten: Es waren die Spieler selbst, die für die kartenreichste Begegnung dieser Saison gesorgt haben. Sie ließen dem Unparteiischen Tobias Stieler schlicht keine andere Wahl, als gleich elfmal in die Brust- oder Gesäßtasche zu greifen.

Immer wieder kam es in diesem hektischen Duell - bei dem für beide Klubs zugegeben viel auf dem Spiel stand - zu ruppigen Fouls, wüsten Handgreiflichkeiten und aufgeregten Wortgefechten. Den Auftakt erlebten die 26.379 Zuschauer dabei nach einer halben Stunde, als der Mainzer Jhon Cordoba und der Leipziger Diego Demme im Mittelfeld einen Zweikampf führten, der mehr nach Ringen als nach Fußball aussah. Cordoba griff Demme dabei in den Schritt, allerdings wohl eher aus Versehen denn vorsätzlich.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dayot Upamecano schien gleichwohl das Bedürfnis zu verspüren, seinen Mitspieler zu rächen: Er schubste den Mainzer Stürmer zu Boden. Der wiederum hätte vermutlich gerne Vergeltung geübt, doch das verhinderte Tobias Stieler, der in unmittelbarer Nähe stand und die Streithähne beherzt trennte, indem er Cordoba einfach wegzog. Upamecano sah schließlich die Gelbe Karte. Das zeigte fürs Erste Wirkung - auch weil der Schiedsrichter Besonnenheit ausstrahlte und zugleich vermittelte, dass er Unsportlichkeiten gleich welcher Art nicht zu dulden bereit ist.

Die Hausherren waren in der ersten Hälfte das bessere Team, trafen aber nicht ins Tor, anders als die Gäste, die sich bald nach dem Wechsel einen 2:0-Vorsprung erspielten. Mit einem berechtigten Foulelfmeter - Demme hatte Giulio Donati zu Fall gebracht – schlossen die Mainzer jedoch auf, und plötzlich wurde es hektisch. Zwischen der 71. und 78. Minute musste Stieler nicht weniger als fünf Gelbe Karten zeigen, vier davon gegen die Mainzer, die nun alle Mittel einsetzten, um den schnellen und technisch besseren Leipzigern den Schneid abzukaufen.

Stieler mit Augenmaß und Konsequenz

Mit dem Tor zum 1:3 in der 81. Minute schien das Spiel entschieden, und als der Mainzer Philippe Gbamin kurz vor dem Ablauf der regulären Spielzeit für eine rabiate Grätsche gegen Rani Khedira auch noch völlig zu Recht die Rote Karte sah, hätte wohl erst recht kaum mehr jemand etwas auf das Team von Trainer Martin Schmidt gegeben. Der Platzverweis war die logische Konsequenz aus einer immer rüder werdenden Begegnung, fast niemand im Stadion und vor dem Fernseher rechnete ernsthaft damit, dass am Ende der Partie noch 22 Spieler auf dem Feld stehen werden.

Rot für Jean Philipp Gbamin.
Rot für Jean Philipp Gbamin.(Foto: REUTERS)

Die Gastgeber aber erzielten in der Nachspielzeit tatsächlich den Anschlusstreffer. Daraus ergab sich bis zum Schlusspfiff ein wildes Hin und Her, was dem Unparteiischen weitere Arbeit bescherte: Stefan Ilsanker stoppte einen Konter der Mainzer mit einem rustikalen Foul an Jairo, was ihm genauso eine Verwarnung eintrug wie Pablo De Blasis, der den Leipziger mit Anlauf umschubste und sich glücklich schätzen durfte, nicht ebenfalls vorzeitig zum Duschen geschickt zu werden. Auch Donati sah dafür, dass er Demme nach einem Pfiff einfach umriss, den Gelben Karton. Als der Referee das Match nach 94 Minuten beendete, dürfte er erleichtert gewesen sein, endlich Feierabend zu haben.

Man muss Tobias Stieler ein Kompliment dafür machen, diese turbulente, emotionale, schwierige Partie mit so viel Umsicht, Augenmaß und Konsequenz geleitet zu haben. Dank seiner Präsenz, die nötigenfalls auch ein physisches Dazwischengehen einschloss, lösten sich die entstandenen Spielertrauben rasch auf, und wenn Karten gezeigt werden mussten, zeigte der Schiedsrichter sie unverzüglich. Dabei war er im besten Sinne des Wortes berechenbar und hatte ein gutes Auge und ein gutes Gespür für die jeweilige Situation. Stielers Akzeptanz bei den Spielern stand deshalb nie in Frage.

Im Rahmen seines Ermessensspielraums war es auch vertretbar, in Grenzfällen nicht zu härteren persönlichen Strafen gegriffen zu haben. Aktionen wie jene von Upamecano und De Blasis etwa befanden sich in der Grauzone zwischen Unsportlichkeit und Tätlichkeit - doch dafür, sie gerade noch als Schubser einzustufen und nicht schon als Stöße, gibt es nachvollziehbare Argumente. Ilsankers Foul an Jairo war ebenfalls heftig, aber von etwas geringerer Intensität und Härte als die Grätsche von Gbamin. Auch Donatis Handgreiflichkeit gegen Demme erfüllte nicht den Tatbestand des tätlichen Angriffs. Der Referee verfolgte hier eine erkennbare Linie, die er durchhielt. Daher stand er weder während des Spiels noch nach dem Abpfiff nennenswert in der Kritik.

Gelungene Premiere als Video-Assistent

Für Gesprächsstoff anderer Art sorgte Tobias Stieler dafür als Video-Assistent im Länderspiel zwischen Frankreich und Spanien (0:2) in der vergangenen Woche. In zwei Situationen mit Torfolgen hatte er Schiedsrichter Felix Zwayer nach Auswertung der Kamerabilder den Rat gegeben, die Entscheidungen zu ändern. So wurde ein Treffer für Frankreich wegen eines strafbaren Abseits bei der Entstehung des Tores annulliert, während das zweite Tor für Spanien, bei dem der Assistent ein Abseits angezeigt hatte, doch Anerkennung fand. Es waren richtige Entscheidungen, die den Ausgang der Partie maßgeblich beeinflussten.

Die Zusammenarbeit zwischen Zwayer und Stieler kann als Musterbeispiel für eine funktionierende Kooperation im Team der Referees beim Einsatz der Videotechnik gelten, international gab es dann auch viel Anerkennung dafür. Nun hat der Schiedsrichter Niclas Erdmann für sein Blog "Schirilogie" ein Interview mit Tobias Stieler geführt und ihm dabei bemerkenswerte Äußerungen entlockt. Im Gespräch gibt Stieler Teile der Kommunikation mit Zwayer im Wortlaut wieder, beschreibt die genauen Abläufe, erläutert, wie wichtig für den Video-Assistenten eine gründliche Absprache mit dem Unparteiischen ist - und macht deutlich, wie sehr auch bei ihm im Falle einer Überprüfung von Spielszenen der Puls in die Höhe schnellt.

Zudem berichtet er, welche Gestik auf dem Platz beim Einsatz des Videobeweises - der in der Bundesliga zur kommenden Saison eingeführt wird - zur Anwendung kommt: "Sobald eine Überprüfung einer Szene durch den VAR" - die Abkürzung geht auf den englischen Terminus "Video Assistant Referee" zurück - "in einer Spielruhe erfolgt, fasst sich der Schiedsrichter ans Ohr, um so deutlich zu machen, dass gerade eine Kommunikation stattfindet. Ändert der Schiedsrichter eine Entscheidung nach Rücksprache mit dem VAR, skizziert er mit den Händen die Umrisse eines TV." Daran, so Stieler, würden sich "die Zuschauer, aber auch wir Schiedsrichter gewöhnen müssen".

Die Autorität des Schiedsrichters auf dem Feld werde auch im Falle von Korrekturen nach einer Beratung mit dem Video-Assistenten nicht leiden, ist der 35-Jährige überzeugt. Überzogene Erwartungen bremst er jedoch: Die Zahl der klaren Fehlentscheidungen werde deutlich sinken, sich allerdings nicht auf null reduzieren lassen. Wichtig sei, dass sowohl die Zuschauer als auch Spieler, Trainer und Manager "dem System eine faire Chance geben" und keine ablehnende Haltung einnehmen, wenn nicht sofort alles perfekt läuft. Sicher ist sich Stieler, dass die Erkenntnis am Ende der kommenden Saison lauten wird: "Dank Video-Assistent ist der Fußball gerechter."

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Quelle: n-tv.de

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