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Der Jubel nach der Schwalbe: Leipzigs Timo Werner am 3. Dezember vergangenen Jahres, nachdem er den Elfmeter gegen Schalke verwandelt hat.
Der Jubel nach der Schwalbe: Leipzigs Timo Werner am 3. Dezember vergangenen Jahres, nachdem er den Elfmeter gegen Schalke verwandelt hat.(Foto: imago/Christian Schroedter)
Mittwoch, 31. Mai 2017

"Collinas Erben" bilanzieren: Werner schwalbt und Rummenigge keift

Von Alex Feuerherdt

Eine dreiste Schwalbe gleich nach Spielbeginn, schwer zu beurteilende Handspiele und ein Kapitän, der den Medizinkoffer des Gegners vom Platz befördert - die Schiedsrichter der Fußball-Bundesliga standen auch in der abgelaufenen Saison vor mancher Herausforderung. Doch sie zeigten insgesamt das, was man eine geschlossene Mannschaftsleistung nennen könnte, obwohl sie sich derzeit im Umbruch befinden. Einer von ihnen ist sogar zum Rekordhalter aufgestiegen.

Gleich hebt er ab.
Gleich hebt er ab.(Foto: imago/Contrast)

Schwalbe der Saison: Kein Zweifel, diese ruhmlose Auszeichnung gebührt dem Leipziger Timo Werner, den am 13. Spieltag schon kurz nach dem Anpfiff nicht der Schalker Torwart Ralf Fährmann, sondern die unwiderstehliche Erdanziehungskraft zu Boden brachte. Schiedsrichter Bastian Dankert zeigte trotzdem auf den Elfmeterpunkt - ein Fehler, der nicht passieren sollte, aber passieren kann, wenn man gezwungenermaßen im Vollsprint, aus einiger Entfernung und zudem aus ungünstigem Blickwinkel eine Entscheidung treffen muss. In England können Profis ab der nächsten Saison nachträglich gesperrt werden, wenn sie den Referee mit einem als besonders dreist eingeschätzten Täuschungsmanöver in die Irre geführt und so einen Strafstoß geschunden haben. Der DFB dagegen lehnt das ab - mit der Begründung, man verfolge prinzipiell nur solche unentdeckten Vergehen, für die es auf dem Platz die Rote Karte gäbe. Eine Änderung wie in England wird jedoch ohnehin nicht nötig sein: Mit der Einführung des Videobeweises - die in der Premier League, anders als in der Bundesliga, noch auf sich warten lässt - werden eindeutige Schwalben im Strafraum wie die von Werner künftig zeitnah identifiziert, falls der Unparteiische sie nicht sofort erkennt.

Adlerauge der Saison: In der Partie zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig am 19. Spieltag lief die vierte Minute der Nachspielzeit, da gelang den Gästen mit dem letzten Angriff doch noch der Ausgleich zum 1:1. Doch ein Mann hatte etwas dagegen, und das zeigte er mit seiner Fahne auch deutlich an: Sascha Thielert, der Assistent von Schiedsrichter Tobias Stieler, hatte nämlich eine Abseitsposition des vermeintlichen Torschützen Federico Palacios Martínez festgestellt. Und anders als die Leipziger, die ihn deshalb bestürmen, hatte er mit seiner Einschätzung absolut Recht. Eine Zentimeterentscheidung, die mit bloßem Auge in der hohen Spielgeschwindigkeit extrem schwer zu treffen war. Gewiss hatte Thielert auch das Glück auf seiner Seite, vor allem aber machten sich hier seine Fähigkeit zur Antizipation, seine exzellente Positionierung, sein geschultes Auge und seine jahrelange Erfahrung bezahlt. Auswertungen des DFB zufolge liegen die Assistenten bei Abseitsentscheidungen in über 90 Prozent der Fälle richtig – und das, obwohl es fast immer äußerst knapp zugeht. Eine herausragende Trefferquote.

Unbeeindruckt: Manuel Gräfe.
Unbeeindruckt: Manuel Gräfe.(Foto: imago/Hartenfelser)

Schiedsrichter der Saison: Wolfgang Stark würde dieser Titel gebühren, schon weil er mit 345 Bundesligaspielen nun Markus Merk als Rekordhalter abgelöst hat. Oder Tobias Stieler, der dank seiner beherzten und kommunikativen Art auch schwierige und enge Partien wie das Spitzenspiel zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern (4:5) oder das Relegations-Rückspiel zwischen Eintracht Braunschweig und dem VfL Wolfsburg (0:1) souverän über die Bühne gebracht hat. Doch Manuel Gräfe hätte die Auszeichnung vielleicht noch ein bisschen mehr verdient. Potenziell hitzige Lokalduelle wie die zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln (1:2) oder zwischen den Domstädtern und Bayer 04 Leverkusen (1:1) schaukelte er kühl nach Hause, auch im DFB-Pokal-Halbfinale des FC Bayern gegen Borussia Dortmund (2:3) ließ er nach etwas holprigem Beginn letztlich nichts anbrennen. Vor allem aber leitete er das Relegationsvermeidungsspiel am letzten Spieltag zwischen dem Hamburger SV und dem VfL Wolfsburg (2:1) ohne Fehl und Tadel. Und das, obwohl die Ansetzung durch den DFB bei den vielen, die Gräfe aufgrund eines umstrittenen Freistoßpfiffs beim Relegations-Rückspiel des HSV in Karlsruhe zwei Jahre zuvor für belastet hielten, auf Kritik gestoßen war. Der Berliner Referee aber zeigte sich von dieser Bürde gänzlich unbeeindruckt. Und das war: beeindruckend.

Aufsteiger: Tobias Stieler.
Aufsteiger: Tobias Stieler.(Foto: imago/foto2press)

Aufsteiger der Saison: Man muss sich die Unparteiischen nicht immer nur als Einzelkämpfer vorstellen, sondern vielmehr auch sie als Mannschaft begreifen - auf dem Feld mit ihren Assistenten, aber auch außerhalb des Platzes, als 19. Team der Bundesliga gewissermaßen. Und da ist, bei aller unvermeidlichen Kritik, eine geschlossene Mannschaftsleistung festzustellen. Dabei befinden sich die Bundesliga-Referees im Umbruch: Innerhalb von drei Jahren mussten (und müssen) sie altersbedingt gleich neun erfahrene Kräfte ersetzen. Ein Aderlass, der auch jeden Klub vor eine Herausforderung stellen würde. Was für den FC Bayern der Verlust von Spielern wie Philipp Lahm oder Xabi Alonso ist, ist für die Referees das Ausscheiden von Knut Kircher oder Wolfgang Stark. Anders als die Vereine können sich die Schiedsrichter allerdings nicht einfach auf dem Transfermarkt bedienen - sie sind vielmehr voll und ganz auf ihren Nachwuchs angewiesen. Der fügt sich stets gut ein, während andere Referees zu Stammkräften gereift sind und auch schwierigen Herausforderungen standhalten - beispielhaft seien Tobias Stieler, Daniel Siebert und Sascha Stegemann genannt. Dass auch ihnen hin und wieder eine Spielleitung daneben gerät, ist unvermeidlich, weil menschlich. Schließlich haben selbst Lahm und Alonso mal eine Formdelle gehabt. Wie übrigens auch Kircher und Stark.

Schiedsrichterkritiker der Saison: "Beschissen worden" sei man vom Unparteiischen, wetterte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge, nach dem Viertelfinal-Rückspiel in der Champions League bei Real Madrid. Mit 2:4 nach Verlängerung verlor der deutsche Rekordmeister dort und schied aus, nach "fünf schwer wiegenden Fehlentscheidungen gegen unsere Mannschaft", wie Rummenigge mitgezählt hatte. Dass der Referee Viktor Kassai sich auch einige Male zugunsten der Münchner irrte - ansonsten wäre es womöglich gar nicht erst zur Verlängerung gekommen -, ließ der Bayern-Chef unerwähnt. Noch immer ist seine Wut kaum verraucht, weshalb er auch ankündigte, dem Finale der Champions League in Cardiff fernzubleiben. Ob das eine Drohung oder ein Versprechen sein sollte, ist nicht ganz klar. In jedem Fall entgeht Rummenigge so der Auftritt eines Münchners. Der heißt Felix Brych und ist der erste deutsche Unparteiische seit zehn Jahren, dem die Ehre zuteilwird, das Endspiel in der europäischen Königsklasse zu leiten.

Handspiel der Saison: Immer, wenn man glaubt, nun aber wirklich endgültig Klarheit darüber zu haben, welche Handspiele regeltechnisch als absichtlich zu werten - also strafbar - sind und welche nicht, passiert garantiert eines, das neue Fragen aufwirft. So wie das von Lars Stindl am 22. Spieltag. Der Gladbacher hatte mit seinem rechten Unterarm in Ingolstadt ein Tor erzielt, und Schiedsrichter Christian Dingert hatte den Treffer anerkannt. Zu Recht, sagten viele Experten, darunter auch der frühere Bundesliga-Referee Peter Gagelmann.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Denn der Ball war Stindl von einem anderen Körperteil unkontrolliert an den Arm gesprungen, und in einem solchen Fall sollten die Unparteiischen bis dahin stets weiterspielen lassen. Doch Lutz Michael Fröhlich, der Schiedsrichter-Chef des DFB, war anderer Ansicht. Er sagte, es habe "eine aktive Bewegung mit dem Arm zum Ball" gegeben, und dann sei es nun mal "äußerst schwer zu vermitteln, dass ein solches Handspiel nicht absichtlich ist". Die Sache bleibt also kompliziert, manche fordern deshalb vehement eine Vereinfachung. Doch wie sollte die aussehen? Wollte man ausnahmslos jedes Handspiel ahnden, würden die Spieler wohl permanent auf die Hände und Arme ihrer Gegner zielen, um so Frei- und Strafstöße zu provozieren. Das wäre keine gute Lösung. Dann lieber weiter daran arbeiten, die Auslegung so gut es geht zu vereinheitlichen.

Verwarnung der Saison: Würde man eine Liste der kuriosesten Gelben Karten in der Geschichte der Bundesliga erstellen, der Leipziger Kapitän Willi Orban fände darin einen Platz in den Top Ten. In der Partie gegen den Hamburger SV am 20. Spieltag ging ihm die Behandlung seines Gegenspielers Nicolai Müller nicht schnell genug, er witterte angesichts der 2:0-Führung der Gäste eine Spielverzögerung. Also warf er, kaum dass Müller wieder auf den Beinen war, kurzerhand das Arztköfferchen der Norddeutschen in hohem Bogen vom Feld. Damit erreichte Orban zweierlei: Zum einen dauerte es noch länger, bis die Begegnung fortgesetzt werden konnte, denn seine Selbstjustiz löste eine Rudelbildung auf dem Platz aus. Zum anderen verwarnte Schiedsrichter Sascha Stegemann den Spielführer der Rasenballsportler für seine Unsportlichkeit. Es war Orbans fünfte Gelbe Karte in der laufenden Saison, weshalb er im nächsten Spiel zuschauen musste. Und die Partie gegen den HSV verlor sein Team am Ende mit 0:3. Dumm gelaufen.

Zahl der Saison: Etwa 75 Prozent aller klaren Fehlentscheidungen mit Auswirkung auf das Spiel hätten sich vermeiden lassen, wäre der Videobeweis bereits in dieser Saison eingesetzt worden. Zu diesem Ergebnis sind Hellmut Krug, der Schiedsrichter-Manager der DFL, und Lutz Michael Fröhlich bei der Auswertung der Testphase des Technikeinsatzes gekommen. Während dieser Testphase, die sich über die gesamte Saison erstreckte, wurden die Bundesliga-Referees in ihrer neuen Aufgabe als Video-Assistenten geschult - noch "offline", also ohne Kontakt zum Schiedsrichter auf dem Feld. Insbesondere wurden sie darauf eingeschworen, in welchen Situationen sie als Video-Assistenten überhaupt eingreifen dürfen und was genau als klarer Fehler anzusehen ist. Fest steht, dass nur spielrelevante Szenen überprüft werden können: Torerzielungen, Strafstoßentscheidungen (und strafstoßverdächtige Situationen, in denen der Schiedsrichter weiterspielen lassen hat), Rote Karten (und rotverdächtige Vergehen) sowie mutmaßliche Spielerverwechslungen bei persönlichen Strafen. Ein klarer Fehler des Referees wiederum liegt ausschließlich dann vor, wenn die Videobilder den Unparteiischen eindeutig und ohne jeden Restzweifel widerlegen. Bei Entscheidungen im Graubereich dagegen - also etwa bei der Frage der Strafbarkeit von Handspielen oder bei der Beurteilung von Zweikämpfen - bleibt das Urteil des Schiedsrichters auf dem Feld im Normalfall unangetastet. Ohnehin wird der Unparteiische in jedem Fall das letzte Wort behalten.

Quelle: n-tv.de

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