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Trainer und Schiedsrichter sind beim Thema Nachspielzeit häufiger unterschiedlicher Meinung: Berlins Pal Dardai am Samstag.
Trainer und Schiedsrichter sind beim Thema Nachspielzeit häufiger unterschiedlicher Meinung: Berlins Pal Dardai am Samstag.(Foto: imago/Contrast)
Montag, 20. Februar 2017

"Collinas Erben" mit Déjà-vu: Wie sich die Nachspielzeit berechnet

Von Alex Feuerherdt

Wohl selten wurde in der Bundesliga so viel über das Thema Nachspielzeit diskutiert wie an diesem Wochenende. In Mönchengladbach spitzte sich die Partie fast genauso zu wie in Berlin – allerdings mit anderem Ausgang.

Es fehlte nicht viel, und das Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und RB Leipzig (1:2) wäre ganz ähnlich zu Ende gegangen wie die Partie der Berliner Hertha gegen den FC Bayern einen Tag zuvor. Vier Minuten Nachspielzeit waren im Borussia-Park angezeigt worden, und wie schon im Olympiastadion ruhte die Begegnung eine Minute davon, in diesem Fall allerdings nicht wegen zweier Auswechslungen, sondern aufgrund einer Verletzungsunterbrechung. Daher zögerte Schiedsrichter Felix Zwayer, wie am Samstag bereits sein Kollege Patrick Ittrich, den Abpfiff zu Recht noch ein wenig länger hinaus. Im allerletzten Moment kam es noch zu einem Foul durch das führende Team in Tornähe, auch dies war eine Parallele. Und hier wie dort wurde der fällige Freistoß auch noch ausgeführt. Anders als in der Hauptstadt gab es am Niederrhein jedoch keinen Ausgleichstreffer in buchstäblich letzter Sekunde.

Welche Ereignisse zu einer Nachspielzeit führen – deren weitere Verlängerung dann nicht mehr signalisiert wird –, ist in der Regel 7 (Dauer des Spiels) festgelegt. Auswechslungen gehören beispielsweise dazu, die Untersuchung von verletzten Spielern sowie deren Abtransport, das Zeitschinden und der übermäßig ausführliche Torjubel. Die genaue Länge des zeitlichen Zuschlags bestimmt der Schiedsrichter. Dieser hält allerdings nicht bei jeder kleinen Unterbrechung penibel seine Stoppuhr an, sondern orientiert sich zumindest bei gewöhnlichen Vorgängen wie Wechseln oder Toren eher an Richtwerten. Die sind jedoch nicht einheitlich geregelt und fallen international teilweise recht unterschiedlich aus.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Im Bereich des DFB etwa berechnen die Unparteiischen pro Auswechslung 20 Sekunden. Für Tore gibt es keinen pauschalen Nachschlag, sofern das Spiel einigermaßen zügig wieder aufgenommen wird. Anders sieht es beispielsweise in der Premier League aus: Dort sind die Referees gehalten, pro Treffer und pro Spielerwechsel mindestens eine halbe Minute länger spielen zu lassen. Entsprechend unterschiedlich fallen die durchschnittlichen Nachspielzeiten aus: In England werden nach Ablauf der 90 Minuten in 70 Prozent der Partien vier Minuten und mehr hinzugefügt, in der Bundesliga kommt eine derart ausführliche Zugabe in weniger als zehn Prozent der Begegnungen vor.

Auch im Vergleich zu den höchsten Spielklassen in Spanien, Italien und Frankreich sowie zu Begegnungen auf Fifa- und Uefa-Ebene fielen die Nachspielzeiten im deutschen Oberhaus bislang meist eher kurz aus. Es gibt jedoch schon seit einer Weile vonseiten des DFB die Bemühung, sich den internationalen Gepflogenheiten anzupassen. Die üppigen Dreingaben an diesem Wochenende in Berlin und Mönchengladbach waren augenscheinlich ein Ausdruck davon.

Schwerstarbeit für den Schiedsrichter in Frankfurt

Referee Felix Zwayer machte im Borussia-Park aber nicht nur durch die Nachspielzeit von sich reden, sondern auch durch eine souveräne Spielleitung. Der 35-Jährige, der die Partie wie immer vor allem kraft seiner starken Persönlichkeit leitete und dabei eine große Akzeptanz genoss, lag vor allem in den Schlüsselszenen der Begegnung richtig und schaute dabei ganz genau hin. So erkannte er kurz vor der Pause im Verbund mit seinem Assistenten bravourös, dass das Foul des Leipzigers Marvin Compper an Lars Stindl genau auf der Strafraumlinie der Gäste stattfand, weshalb es folgerichtig einen Elfmeter für die Hausherren gab. Auch dass Stindl bei seinem vermeintlichen Treffer nach gut einer Stunde absichtlich die Hand zur Hilfe genommen hatte, um ein Tor zu ergaunern, entging dem aufmerksamen Referee nicht. Für dieses dreiste Täuschungsmanöver gab es deshalb zu Recht die Gelbe Karte.

Schwerstarbeit hatte derweil Zwayers Kollege Guido Winkmann beim Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem FC Ingolstadt (0:2) zu verrichten. Zwei Platzverweise und zwei Strafstöße gibt es in einem Bundesligaspiel nicht alle Tage, doch der Referee hatte gute Argumente für seine drakonischen Maßnahmen. Vor allem bei den Roten Karten zeigte er sich äußerst konsequent, zumal die Vergehen des Frankfurters David Abraham und des Ingolstädters Matthew Leckie nahezu identisch waren: Beide trafen einen Gegenspieler mit gestrecktem Bein und offener Sohle im Brustbereich, ohne den Ball auch nur im Entferntesten zu spielen. Das mag so nicht beabsichtigt gewesen sein, gefährdet aber im Ergebnis die Gesundheit des Gegners – und ist damit rotwürdig.

Auch die beiden Elfmeter – je einen gab es für Gastgeber und Gäste – waren zumindest vertretbar. Es gab zwar jeweils nur einen leichten Körperkontakt, doch der war hüben wie drüben maßgeblich dafür, dass der betreffende Angreifer zu Boden ging. Die Gastgeber hätten sogar noch einen weiteren Strafstoß bekommen müssen, als Taleb Tawatha von Florent Hadergjonaj in der 88. Minute durch ein Beinstellen zu Fall gebracht wurde. Hier aber blieb Winkmanns Pfeife ausnahmsweise und zu Unrecht stumm. Der Protest der Frankfurter hielt sich allerdings in Grenzen. Sie ahnten vermutlich, dass auch ein zweiter Elfmeter ihre Niederlage nicht mehr abgewendet hätte.

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Quelle: n-tv.de

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