Sport
Im Bett mit Mister Pitt: Jupp Kapellmann.
Im Bett mit Mister Pitt: Jupp Kapellmann.(Foto: imago sportfotodienst)

Redelings' Transfer des Jahres : Als Kapellmann den FC Bayern belehrte

Von Ben Redelings

Er war der Leroy Sané und Pierre-Emerick Aubameyang des Jahres 1973. Teuer, begehrt und gut. Jupp Kapellmann war eigenwillig und extravagant. Besonders ein treuer Begleiter seiner Kindheit sorgte beim FC Bayern für Aufsehen.

Hans-Josef Kapellmann könnte Leroy Sané und Pierre-Emerick Aubameyang durchaus auch heute noch als Anschauungsobjekt dienen - wie man es bei einem Wechsel nicht machen sollte. Denn eigentlich alles, was vor, bei und nach einem Transfer schief gehen kann, ist damals Jupp Kapellmann passiert. Sein Abgang gestaltete sich mehr als spektakulär. Heute wäre das ganze Prozedere in dieser Form wohl so nicht mehr denkbar

"Einigen von uns fehlt das periphere Sehen": Jupp Kapellmann, hier im Februar 1976 mit dem Kollegen Franz Roth.
"Einigen von uns fehlt das periphere Sehen": Jupp Kapellmann, hier im Februar 1976 mit dem Kollegen Franz Roth.

In München war man im Jahre 1973 nicht unbedingt der Meinung, dass man so einen Typen wie ihn im Team benötigte. Als Kapellmann damals aus Köln wegging, fragte ein neugieriger Journalist den Neuen beim FC Bayern, ob er von seinen neuen Mannschaftskollegen geschnitten werde." Kapellmann konterte pfiffig: "Ich habe nur festgestellt, dass der Rasen des Trainingsplatzes frisch geschnitten ist." Lustigerweise war man zeitgleich in Köln offenbar froh, dass der junge Mann aus Würselen nicht mehr für den heimischen FC kickte. Denn als Kapellmann das erste Mal auf seine ehemaligen Kollegen traf, schallte es in den Katakomben des Olympiastadions lauthals aus der Kölner Kabine: "Kapellmann, ha ha ha!"

Er war eben einer der streitbarsten Fußballer in der Bundesligageschichte. Damals bei seinem Wechsel im Jahr 1973 war Kapellmann mit 800.000 Mark der teuerste Spielertransfer der Bundesliga. Doch die Vorfreude bei seinen neuen Mannschaftskameraden hielt sich in Grenzen. Bereits im letzten Spiel vor dem Transfer bekam Kapellmann richtig was auf die Socken. Sein zukünftiger Trainer Udo Lattek zeigte sich etwas erstaunt: "Es stimmt, meine Spieler sind besonders gegen den Jupp hart zur Sache gegangen." Kapellmann selbst blieb jedoch gelassen: "Ich komme ja nicht nach München, um mich mit den anderen Spielern zu verbrüdern, sondern um gemeinsam mit ihnen Erfolg zu haben."

Hausverbot im Geißbockheim

Jupp Kapellmann im Mai 1976 mit Franz Beckenbauer und Gerd Müller vor dem Endspiel im Europapokal der Landesmeister, das der FC Bayern im Hampden Park zu Glasgow mit 1:0 gegen AS Saint-Étienne gewann.
Jupp Kapellmann im Mai 1976 mit Franz Beckenbauer und Gerd Müller vor dem Endspiel im Europapokal der Landesmeister, das der FC Bayern im Hampden Park zu Glasgow mit 1:0 gegen AS Saint-Étienne gewann.

Das Problem mit seinen neuen Kollegen stammte noch aus der Vorjahresspielzeit. Am 12. April 1972 hatte Kapellmann in Köln beim DFB-Pokal-Rückspiel, das wegen seiner ruppig geführten Spielweise auch als "Schlacht von Köln" bekannt wurde, die Karriere des Bayern-Stürmers Wolfgang Sühnholz durch eine sehr harte Attacke beendet. Das hatten die anderen Spieler Kapellmann nicht verziehen. In München angekommen, prügelte sich Kapellmann erst einmal mit seinen Mannschaftskollegen Wunder und Torstensson. Aber auch in Köln hinterließ der angehende Arzt ("Innenpfosten rein, Innenpfosten raus, darauf kann man doch kein Leben aufbauen") verbrannte Erde.

Seinen ehemaligen Mannschaftskameraden Heinz Simmet bezeichnete Kapellmann als "Pantoffelhelden" und riet, man müsse denselben wohl einmal über die "Funktion des Kleinhirns" aufklären. Die FC-Spieler reagierten so verärgert, dass sie den Vorstand baten, Kapellmann schriftlich Hausverbot für das Klubhaus "Zum Geißbock" zu erteilen. Auch bei anderen Bundesligaprofis stieß der Münchner nicht immer auf Gegenliebe. Franz Gerber wäre am liebsten Arzt geworden, daraus wurde aber nichts. Eine Vorstellung trieb ihm jedoch noch Jahre später die Tränen in die Augen: "Stellen Sie sich mal vor: ich und der Kapellmann, wir Erzfeinde an einem Operationstisch. Das würde der Patient auf gar keinen Fall überleben!"

Kapellmann suchte den Streit aber auch selbst. Als er 1979 für den Stadtrivalen 1860 München spielte, sagte er über Paul Breitner: "Was soll ich mit einem Mann anfangen, dessen Frau einen Tag nach dem Derby, bei dem ich ihm als Spielführer der gegnerischen Mannschaft die Hand gegeben habe, sagt: 'Mein Mann hat schon vielen Deppen die Hand gegeben, gestern auch wieder einem'? Für mich persönlich gibt es mit Paul Breitner in Zukunft nur einen möglichen Berührungspunkt: ich als Arzt und er als Notfall!"

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Zu den Bayern brachte Kapellmann auch seinen treuen Begleiter, den Stoffbären Mister Pitt, mit. Mit ihm sprach der Profi gerne mitten in der Kabine vor seinen Kollegen auf Französisch. Zudem dozierte der Medizinstudent ("Was, der Kapellmann wird Arzt? Der wird doch Doktor", Manfred Kaltz) über Probleme des Fußballs: "Die Konzentration ist abhängig von der zerebralen Durchblutung, und wenn ich keine Kondition habe, lässt auch die nach." An einem anderen Tag bemerkte Kapellmann: "Einigen von uns fehlt das periphere Sehen. Wenn ich sehe, dass einer steil geht, muss ich mich von meiner ursächlicheren Aufgabe lösen und mannschaftsintegriert agieren."

Man kann sich das Gesicht von Katsche Schwarzenbeck bei diesen Sätzen bildhaft vorstellen. Und immer wieder die Gespräche mit Mister Pitt. Mitten in der Kabine. Auf Französisch. Das nervte seine Mannschaftskameraden irgendwann so sehr, dass sie den Stoffbären eines Tages unter die Räder des Mannschaftsbusses legten. Doch Kapellmann begriff beim Betreten des Busses sofort, dass etwas nicht stimmte: Mister Pitt saß nicht auf seinem Platz. Geistesgegenwärtig rannte er aus dem Gefährt und fand den Stoffbären gerade noch rechtzeitig unter den riesigen Busreifen, bevor das Gefährt anrollte.

Aber die Freude hielt nur kurze Zeit. Einige Tage später zerfetzte Kapellmanns Hund, mit dem schönen Namen Noel, das Kuscheltier schließlich aus Eifersucht und befreite den Fußballprofi endlich von der "nachpubertären Erscheinung" (O-Ton Kapellmann). Wer viel Fantasie hat, möge sich die Geschichten Kapellmanns einmal im Jahre 2016 unter dem Namen von Leroy Sané oder Pierre-Emerick Aubameyang vorstellen. Sky Sport News HD würde wohl ein 24-Stunden-Kamerateam exklusiv für so einen Mann abstellen. Und das vollkommen zu recht!

Das aktuelle Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Die Bundesliga, wie sie lebt und lacht: Zum Schießen komische Momente von Ahlenfelder bis Zebec" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen