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"Horst musste immer erst aus einer bestimmten Richtung Anweisungen bekommen, damit er reagierte. Das gefiel mir nicht": Huub Stevens.
"Horst musste immer erst aus einer bestimmten Richtung Anweisungen bekommen, damit er reagierte. Das gefiel mir nicht": Huub Stevens.(Foto: imago sportfotodienst)
Dienstag, 28. Februar 2017

Redelings über Huub Stevens: Beiersdorfer holte den Zeitlupen-Uruguayer

Von Ben Redelings

Horst Heldt geht selten ans Telefon, Didi Beiersdorfer schaut gerne DVDs und der VfB Stuttgart verpflichtet seine Trainer beim "Sport1-Doppelpass". Trainerfuchs Huub Stevens gewährt in seinem Buch spektakuläre Einblicke in die Fußball-Bundesliga.

Das Fußballgeschäft ist kein Hexenwerk - auch wenn uns die kompetenten Funktionsträger des europäischen Ballsports naturgemäß etwas anderes weismachen wollen. Wer in diesen Tagen einen Blick in das neue Buch ("Niemals aufgeben") des ehemaligen Bundesliga-Trainers Huub Stevens wirft, wird überrascht sein, an wie vielen Stellen der Laie staunt und der Fachmann sich verwundert am Hinterkopf kratzt. Äußerst interessant sind Stevens’ Ausführungen über seine zweite Amtszeit auf Schalke.  Im Jahr 2011 hatte es der Niederländer auf dem Managerposten nicht mehr mit Rudi Assauer, sondern mit Horst Heldt zu tun.

All das, was die Boulevardmedien an spektakulären wie banal-alltäglichen Geschichten schrieben, stimmte tatsächlich. Stevens berichtet: "Wenn etwas anstand und ich meinen Rat dazu geben wollte, rief ich Horst Heldt an, aber er rief nie zurück. Wenn ich dann den Aufsichtsratsvorsitzenden Tönnies anrief und ihm sagte, dass ich Horst nicht erreichen würde, dann rief mich Horst innerhalb von fünf Minuten zurück. Horst musste immer erst aus einer bestimmten Richtung Anweisungen bekommen, damit er reagierte. Das gefiel mir nicht."

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Nicht nur jeder Schalker wird dies verstehen können. S04-Chef Clemens Tönnies als Telefon-Vermittler - unglaublich, aber wahr. Auch über seine Tage bei Red Bull Salzburg schreibt Stevens pointiert. Hier sticht eine Geschichte über Dietmar Beiersdorfer heraus, damals Manager des Brauseklubs und alter Bekannter der Bundesliga. Stevens: "Didi kam mit einem Stürmer, den ich noch nie hatte spielen sehen, dem Uruguayer Joaquín Boghossian. Er spielte zu dem Zeitpunkt auch nicht, weil in Südamerika die Spielsaison ruhte. Didi zeigte mir Videoaufnahmen von Boghossian, die keinen schlechten Eindruck machten. Boghossian kam also. Doch beim ersten Training hatte ich den Eindruck, sie hätten uns seinen Zwillingsbruder geschickt. Der Junge konnte sich nicht bewegen. Man hatte das Gefühl, alles liefe im Zeitlupentempo ab. Das hatte auf dem Video mit ihm ganz anders ausgesehen. Kurz: Er wurde ein Reinfall!"

"Keiner hat mich gesehen - keine Minute"

Das ist noch untertrieben ausgedrückt. Zudem war die Verpflichtung per DVD-Sichtung der teuerste Transfer der österreichischen Bundesliga. Unglaubliche 6,9 Millionen Euro ließ sich Salzburg den Stürmer kosten - auch deshalb, weil übermittelt worden war, dass der große Diego Armando Maradona persönlich, ein gutes Wort für Joaquín Boghossian eingelegt haben soll. Da der Uruguayer einer Investorengruppe gehörte, ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass dieses Lob so nie wirklich gefallen ist. Auf jeden Fall feierte der gute Mann inzwischen seinen 29. Geburtstag und ist nach einer wilden Tingeltour zu seinem ersten Profiverein, Club Atlético Cerro, zurückgekehrt. Dort lieh man ihn jedoch zur neuen Saison wieder aus. Klassische Erfolgsgeschichten sehen anders aus.

Und hier steht alles drin.
Und hier steht alles drin.

Zur Ehrenrettung von Beiersdorfer muss man allerdings sagen, dass ein solcher Transfer in der langen Geschichte des europäischen Fußballs kein Einzelfall ist. Der 1. FC Köln fiel schon in der Saison 1965/66 auf einen Taschenspieler-Trick rein. Die beiden jugoslawischen Zwillingsbrüder Srdjan und Zvezdan Cebinac wollten im internationalen Fußball Karriere machen, doch nur Zvezdan war richtig begabt. Das wusste beim 1. FC Köln nur noch keiner. Als sich Srdjan im Probetraining präsentierte, waren alle so begeistert, dass man den Jugoslawen sofort verpflichtet.

Als er ein paar Tage später erneut auf dem Platz stand, war von seiner Klasse nichts mehr zu sehen. Nur drei Partien und ein Tor machte er für den 1. FC Köln. Als zwei Jahre später Bruder Zvezdan beim 1. FC Nürnberg anheuerte, überragend aufspielte und mit dem Club Meister wurde, ging den Kölnern ein Licht auf. Dieser hoch talentierte Mann damals beim Probetraining musste der Zwillingsbruder von Srdjan gewesen sein. Beide Brüder beteuerten jedoch bis zuletzt (Zvezdan starb 2012), dass damals in Köln tatsächlich immer Srdjan und nie Zvezdan gewesen sei.

Dass Transfers auf Zuruf aber auch funktionieren können, beweist eine andere Geschichte aus der Bundesliga. Wie die Bochumer Torwart-Legende Rein van Duijnhoven zum VfL kam, erzählt er selbst am Schönsten: "Hilpert, der Manager, hatte einen Anwalt, der nebenbei ein bisschen Spielerater war. Die beiden waren für Privatgeschäfte im Büro und Hilpert wollte eigentlich gehen. Da hat ihn der Anwalt gefragt: Brauchst du noch was? Hat der Hilpert gesagt: Ich brauche einen neuen Torwart! Ja, meinte der Anwalt, so einen habe ich noch. Er ist in Holland der zweite Mann hinter van der Sar. Dann hat es Knack gemacht, Termine, Angebot gemacht, kurz gesprochen, Drei-Jahres-Vertrag mit Option für noch zwei Jahre. Und jetzt sind es sieben geworden. Also, keiner hat mich gesehen - keine Minute. Manchmal hat man auch Glück, ne?!"

Van Duijnhovens Landsmann Stevens schildert eine weitere Geschichte, die man als Freund des Fußballs zweimal lesen muss, um sie zu glauben. Doch genau diese Story beweist die Eingangsthese erneut. Nachdem er in der Rückrunde der Saison 2013/2014 den VfB vor dem Abstieg bewahrt hatte, hatte er die Stuttgarter wieder verlassen. Im November wurde er in der Fernsehtalkshow "Doppelpass" gefragt, ob er noch einmal in die Bundesliga zurückkehre. "Ich wusste es nicht, wollte es aber auch nicht ausschließen. Am Abend rief mich Jochen Schneider an, der inzwischen Manager bei Stuttgart war. Schneider hatte die Sendung Doppelpass gesehen und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, zu Stuttgart zurückzukehren." Stevens konnte. Und bereits am nächsten Abend waren die Verträge unterschrieben. Dank eines Auftritts im Unterhaltungsfernsehen. Manchmal hat man auch Glück, würde van Duijnhoven wohl sagen. Oder anders formuliert: Der Profi-Fußball ist kein Hexenwerk.

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Quelle: n-tv.de

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