Sport
Was hat er, was ich nicht habe? Thorsten Legat.
Was hat er, was ich nicht habe? Thorsten Legat.

Redelings über Ex-Profis im Camp: Brauchst du die Kohle so dringend?

Von Ben Redelings

Der Dschungel als Geld-Tankstelle für gestrauchelte Fußballprofis? Die letzte Ausfahrt ins Glück? Nicht so bei Jimmy Hartwig. Und auch nicht bei "Kasalla"-Legat. Der hat das Leben und die Kohle im Griff. Da sind Neider natürlich nicht weit.

Als Thorsten Legat vor anderthalb Jahren seine Biografie "Wenn das Leben foul spielt" veröffentlichte, pampte ihn ein ehemaliger Mannschaftskollege auf Facebook an: "Muss das denn sein? Brauchst du die Kohle so dringend?" Legat schwieg zum Pleitevorwurf und legte nach. Kochen bei "Hell’s kitchen", Promiboxen und nun das Dschungelcamp auf RTL. Der Rubel rollt, die Schlagzeilen leuchten groß und bunt. Da kann man schon einmal locker darüber hinweglachen, wenn nicht wenige Zuschauer meinen, Legat tue sich mit der Teilnahme an der Show für Millionen keinen Gefallen. Manch ehemaliger Fußballprofi hätte genau dieses Problem gerne. Voller Neid schauen die ehemaligen Mitspieler abends in die Mattscheibe und überlegen: Was hat er, was ich nicht habe?

"Ich biete Ihnen die Chance einer ungewöhnlichen Partnerschaft": Jimmy Hartwig.
"Ich biete Ihnen die Chance einer ungewöhnlichen Partnerschaft": Jimmy Hartwig.(Foto: imago/Hartenfelser)

Ebbe in der Kasse, die Langeweile des Alltags und die eigene Bedeutungslosigkeit machen vielen Erwerbsfußballern nach der Karriere schwer zu schaffen. Nur eine überschaubare Zahl hat den Absprung in ein zweites Leben geschafft. Lehrer wie Knut Reinhardt, Postbote wie Jürgen Groh oder Bestatter wie Nico Patschinski werden nur die allerwenigsten. Gäbe es nicht das Auffangbecken "Fußballschule" - die Bilanz läse sich noch deprimierender. Dass das Dschungelcamp tatsächlich einen Umkehrschub in eine bessere Zukunft sein kann, bewies vor mehr als zehn Jahren ein anderer Profi.

Als der ehemalige Deutsche Meister Jimmy Hartwig 2004 in das australische TV-Camp ging, war der Dschungel die letzte Klappe in seiner realen Doku-Soap am Abgrund. Hartwig hatte mehrere Leben hinter sich. Er war Schlagersänger, zog für die CDU in den Wahlkampf, pries Kondome an und wollte 1992 gar die Probleme der Menschen im Alter lösen. Hartwig inserierte im "Hamburger Abendblatt": "Ich biete Ihnen die Chance einer ungewöhnlichen Partnerschaft", auf der Suche nach Leuten, die sich in Rentenfragen auskannten und für ihn arbeiten sollten: "Ich habe zuletzt Seminare in Wien und Lüneburg besucht. Ich will helfen, dass die Menschen später nicht mit 1.300 Mark Rente auskommen müssen."

"Wälzen mit den Ameisen"

Knapp zehn Jahre später war der ehemalige Profi des Hamburger SV, des 1. FC Köln und einiger weiterer Vereine selbst pleite. Hartwig ging ins TV-Camp, weil er das Geld brauchte. Dem "Tagesspiegel" sagte er hinterher: "Wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst, nimmst du halt, was du bekommst. Heute ekel ich mich dafür vor mir." Wenigstens konnte er sich damals im Dschungel erfolgreich eines seltsamen Annäherungsversuchs seiner Schauspielerkollegin Isabell Varell erwehren: "Also, wenn wir uns jetzt hier nackig ausziehen und uns hier wälzen mit den Ameisen, dann würden sie das senden. Das wären schöne Momente." Sein Showtalent präsentierte Hartwig schon früh auf der Bundesligabühne.

Nach dem Spiel seiner Münchner Löwen in Mannheim im Oktober 1976 zeigte er den Zuschauern auf dem Weg in die Kabine sein Geschlechtsteil. Dieser Hang zum Selbstdarsteller half ihm nach dem Dschungel in seinem neuen Beruf als Schauspieler. Und auch dort hatte Hartwig ein außergewöhnliches Ziel. "Ich will auf die Wiener Burg. Da reinzumarschieren als Offenbacher Junge aus der Kirschenallee. Das wäre was", schwärmte der Mann, der laut Max Merkel als Fußballer ein Nichtskönner war und "aus elf Metern Entfernung keinen Möbelwagen" traf.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Doch Hartwig ist immer wieder aufgestanden und hat sich selbst neu erfunden. Eine Fähigkeit, die man durchaus auch Thorsten Legat attestieren kann. Hartwig und der Bochumer Junge im Dschungel 2016 waren schon immer anders. Unbewusst. Das kann man nicht lernen. Sie sind Geschichten-Produzenten, die Leute begeistern können. Einfach, weil sie sind, wie sie sind. Für die Bühne prädestiniert.

Thorsten Legat hatte zudem das Glück, das ein ehemaliger "Kicker"-Redakteur sich eines Tages an dieses große Talent des ehemaligen Fußballprofis abseits des grünen Rasens erinnerte. Der Autor Hubert Meyer schrieb zusammen mit dem früheren Deutschen Meister und Pokalsieger seine Biografie auf und inszenierte sie geschickt über Vorab-Drucke im Boulevard. Seitdem vertritt Legat auch eine Sportmanagement-Agentur aus Ilsede. Dass der Weg in den Dschungel kein Zufall war, zeigt die Klienten-Liste der Agentur. Der bekannte Bundesliga-Star und Ex-Bremer Ailton steht bei derselben Firma wie Legat unter Vertrag. Auch der Brasilianer genoss bereits im Dschungel die Aufmerksamkeit der TV-Nation.

Und auch Legats Co-Autor Hubert Meyer selbst hat es nach seiner Karriere beim "Kicker" ins Fernsehen geschafft. Im Oktober 2014 stieg er in Günther Jauchs Show "Wer wird Millionär?" bei der 32.000-Euro-Frage aus. Jauch wollte damals wissen: "Wofür stimmten im April 1990 rund 76 Prozent der Wähler in einer damals knapp 300.000 Einwohner großen Stadt?" Die Antwort wäre gewesen: Für die Umbenennung von Karl-Marx-Stadt in Chemnitz. Apropos Chemnitz. Beim damaligen FC debütierte Mitte der 90er-Jahre der junge Michael Ballack. Was macht der eigentlich heute? Lange nichts gehört. Aber man weiß ja nie. Vielleicht sieht man sich ja eines Tages auf einen Happen Ochsen-Eichel auf RTL.

Das aktuelle Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Die Bundesliga, wie sie lebt und lacht: Zum Schießen komische Momente von Ahlenfelder bis Zebec" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen