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"Da kann ich nur den Kopf schütteln, das finde ich unglaublich": Sandro Wagner.
"Da kann ich nur den Kopf schütteln, das finde ich unglaublich": Sandro Wagner.(Foto: dpa)

Redelings über andere Zeiten: Die Erotik-Puppen liegen im Kofferraum

Von Ben Redelings

Ängstliche Shitstorm-Verhinderer? Oder nur brave Muttersöhnchen? Darmstadts Sandro Wagner findet die Generation Aalglatt peinlich und zum Fremdschämen. Früher haben Fußballprofis eben bei Überdruck tatsächlich noch die Hose geöffnet.

Der Darmstädter Profi Sandro Wagner hat mit seinen Aussagen im "Kicker" für einigen Wirbel gesorgt: "Wenn ich schaue, wie viele Kollegen im Fußball sich aalglatt geben, und deren Hauptsache es ist, nichts Falsches zu sagen, da kann ich nur den Kopf schütteln, das finde ich unglaublich." Seine Kritik trifft mitten ins Schwarze. Die mediale Früherziehung hat im Fußball eine Generation von Diplomaten-Söhnen hervorgebracht. Vorgestanzte Sätze, schablonenhaftes Verhalten und dazu die eigene Stiftung für den guten Zweck und die Steuerersparnis. Das öffentliche Leben als Profi ist reglementiert und furchtbar langweilig. Wahrscheinlich nicht nur für den Betrachter dieser chemisch gereinigten Ödnis.

Aber im Grunde sind wir selbst ein wenig Schuld. In Zeiten, in denen jeder quersitzende Furz zu einem Shitstorm in Orkanstärke aufgebauscht wird, muss man wohl akzeptieren, dass stromlinienförmiges Verhalten nur ein Ausdruck von Angst ist - vor dem, was man Leben nennt. Die Sorge vor den Kurven, die später unsere Erinnerungen so wunderbar bestimmen und die unsere Existenz lebenswert machen, hat eine Generation von Geradeaus-Fahrern erwachsen lassen. Übrig bleibt der tägliche Einheitsbrei.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Der Ruf nach den so genannten Typen, die immer weniger werden und aussterben, ist so alt wie die Menschheit selbst. Und dennoch hat er zu jeder Zeit gestimmt. Wir sehnen uns nach den Charakteren, die den monotonen Alltag durch ihre Art, durch ihr Verhalten durchbrechen. Wir wollen uns an ihnen reiben, mit und über sie lachen, weinen, debattieren. Und instinktiv zerstören wir die meisten von ihnen bei diesem Prozess auch gleich wieder. So wie zuletzt den Weltmeister Christoph Kramer. Ein Typ, der durch seine offene Art, seine freie Schnauze und durch sein Talent für skurrile Geschichten - man denke nur an seinen kuriosen Knockout im WM-Finale - alles mitbrachte für eine Paraderolle im Showbusiness Fußball. Doch ein, zwei gewitztere Interviews und ein kleiner verbaler Fehltritt gegenüber einem alten Helden (Berti Vogts) später ist Christoph Kramer offensichtlich auf Bonsai-Größe zurechtgestutzt worden. Man hört und liest nichts mehr.

"Wir kriegen dich auch noch!"

Man mag sich gar nicht vorstellen, was los wäre, wenn einer wie Thomas Rohrbach heutzutage mit den Medien kommunizieren würde. In den siebziger Jahren liebte der Profi der Frankfurter Eintracht die klare Ansprache. Seinem Trainer Erich Ribbeck hielt er vor: "Sie schleifen uns die ganze Woche die Eier, und am Samstag erwarten Sie ganze Kerle auf dem Platz." Und als er einmal für den "Playboy" in Sachen Sexualität ein wenig intimer wurde, rief man in Frankfurt sofort den Eintracht-Ältestenrat ein. Was Rohrbach nicht verstand: "Ich hab nur gesagt, dass ich mir einen runterhole, wenn ich Überdruck habe. Da waren die alle sauer, und ich musste wieder zu dieser komischen Sitzung. Der eine wollte mich gleich zum Psychiater schicken."

"Da habe ich ein Brotmesser mit einem Tape an seinen Kabinenhaken gehängt, mit einem Totenkopf drauf": Michael Schulz.
"Da habe ich ein Brotmesser mit einem Tape an seinen Kabinenhaken gehängt, mit einem Totenkopf drauf": Michael Schulz.

Und was für ein Spektakel würde wohl erst ein Mann, mit dem ersten Fan-gemachten Doppelnamen der Liga, wie Michael Schulz-"Du Sau" entfachen. In der Saison 1989/1990 hing plötzlich genau über dem Platz von Andreas Möller ein Messer in der Dortmunder Kabine, darunter ein Zettel. Wie sich herausstellte, waren es nicht irgendwelche frustrierten Fans, wie die Polizei anfangs vermutete, nein, es war Mitspieler Michael Schulz, der sich diesen Streich erlaubt hatte: "Ich war wieder einmal gesperrt und Andi hatte diese Phase, wo er beim Publikum wenig gelitten war, weil er trotz aller Beteuerungen einen Wechsel anstrebte. Und ich bin ja für meine Späße bekannt geworden. Da habe ich ein Brotmesser mit einem Tape an seinen Kabinenhaken gehängt, mit einem Totenkopf drauf und dem Spruch: Wir kriegen dich auch noch! Was ihn dazu veranlasste, erstens nicht zum Training zu gehen und zweitens nicht spielen zu wollen. Das hatte wiederum eine Geldstrafe für mich nach sich gezogen!"

Und wo wir bei Männern mit langen Haaren sind - noch so eine Koryphäe von früher: Volker Ippig. Nicht auszudenken, was der Medienapparat aus ihm heute machen würde. In der Saison 1988/1989 legte der Torhüter des FC St. Pauli einen kolossalen Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" hin. Der ehemalige Entwicklungshelfer brachte den ZDF-Moderator Bernd Heller an die Grenzen seiner Künste. Recht einsilbig, betont unaufgeregt und wie einer, der nicht aus der Reserve zu locken ist, gab sich Ippig - und ließ Heller verzweifeln. Da halfen auch die Karteikärtchen mit den hübschen Stichworten - Tätowierungen links (Schildkröte) wie rechts (Inka-Gott) und kein Auto, sondern Fahrrad zum Training - nichts.

Entwicklungshelfer in Nicaragua, Sympathisant der Hausbesetzer von der Hafenstraße und Fußballprofi - wie das denn zusammenginge, wollte der Moderator wissen? Ippig antwortete knapp, aber prägnant: "Ich hab diese Schwierigkeiten nicht, um es ehrlich zu sagen!" Kurz darauf verpasste er Heller dann einen vorzeitigen Knockout. Auf die recht gewöhnliche Frage, wie Ippig denn mit der psychischen Belastung als Profi umginge, dachte der Torhüter lange nach und sagte dann: "Das ist mein Privatdings!" Großartig.

Später war Ippig mit einer mobilen Torwartschule unterwegs. Und genau zu diesem beruflichen Standbein wurde der ehemalige Bundesliga-Keeper, den die Fans damals mit dem schönen T-Shirt-Aufdruck "Volker hört die Signale" geehrt haben, die spektakuläre Frage gestellt: "Stimmt es, dass du beim Training mit Erotik-Puppen von Beate Uhse arbeitest?" Ippig antwortete gewohnt trocken-souverän: "Ja, die sind sehr hilfreich. Die simulieren Stürmer und Abwehrspieler. Wenn ich unterwegs bin, sind die Puppen immer im Kofferraum dabei." Eine Antwort aus einer anderen Zeit. Stimmt schon, Sandro Wagner.

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Quelle: n-tv.de

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