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"Es gibt Leute, die können auf einem Klavier spielen, andere müssen es tragen": Ansgar Brinkmann.
"Es gibt Leute, die können auf einem Klavier spielen, andere müssen es tragen": Ansgar Brinkmann.

Redelings über Ansgar Brinkmann: "Die Straße in Schutt und Asche gelegt"

Von Ben Redelings

"Selbstvertrauen ist mein Hobby", sagt der "weiße Brasilianer" Ansgar Brinkmann. Sollen die Journalisten doch glauben, er habe Osama Bin Laden im Keller versteckt. Er selbst saß lieber bis fünf Uhr morgens in seiner Stammkneipe.

Der Mann liebt das Filigrane. Auf dem Platz, wie in der Sprache. "Ich habe in meiner Laufbahn schon so viele Gegner nassgemacht - aus der Anzahl kriegt ihr locker eine Lichterkette von Ahlen bis Hamburg zusammen", sagte Ansgar Brinkmann damals beim Training im westfälischen Münsterland einmal so wunderbar pointiert zu seinen Mitspielern, dass man applaudieren möchte. In Ahlen hielt sich jedoch die Begeisterung in Grenzen. Kurz darauf warf man ihn raus. Kein allzu großes Problem für den Mann, der einmal meinte: "Selbstvertrauen ist mein Hobby." Im Rückblick sagt er: "Ich hätte heute lieber 50 Länderspiele als 50 Anekdoten. Aber ich bin kein Mensch, der rumheult. Sei’s drum."

Kicken konnte er: Ansgar Brinkmann, hier 1998 im Trikot von eintracht Frankfurt.
Kicken konnte er: Ansgar Brinkmann, hier 1998 im Trikot von eintracht Frankfurt.

Eine innere Unruhe trieb den "weißen Brasilianer" in den 20 Jahren seiner Karriere zu 19 Vereinswechseln. Dieses Vagabundendasein und sein Lebenswandel ließen ihn immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Anfangs wehrte er sich noch gegen allzu abstruse Geschichten der Boulevardpresse. Doch irgendwann hatte Brinkmann gegenüber der Zeitung mit den vier Buchstaben kapituliert: "Schreibt doch auch noch, dass ich Bin Laden im Keller verstecke." Seiner Meinung nach hatte er einfach nur Pech. Dreimal war er in seinem Leben betrunken, und dreimal war die "Bild" leider mit dabei. Dass das nicht ganz stimmen kann, beweisen die zahllosen Anekdoten, die Brinkmann den bunten Gazetten immer wieder frei Haus lieferte. Er selbst hat seinen eigenen Anspruch einmal folgendermaßen formuliert: "Exzentrische Spieler sind eben nicht so diszipliniert. Es gibt Leute, die können auf einem Klavier spielen, andere müssen es tragen. Einheitsbrei haben wir doch genug in der Bundesliga."

"Ist nur der Ansgar. Kein Problem!"

Zum Standardwissen über Brinkmann gehört die Geschichte seines Anrufbeantworterspruchs: "Momentan bin ich nicht zu Hause. Wer aber Taste 3 drückt, bekommt von mir einen Planetenkasper. Bei Taste 4 einen LKW voll Waschpulver. Und wer mit mir persönlich sprechen will, erreicht mich täglich zwischen 17 Uhr abends und fünf Uhr morgens in meiner Stammkneipe Pane et Vino." Viele Jahre später schrieb er morgens um drei einmal auf Facebook: "So, mal sehn, wer noch auf der Straße ist. Schlafen wird auch überbewertet."

38 Trainer säumten seinen Weg von 1987 bis 2007. Nicht mit allen hat er sich gut verstanden. Brinkmann hat einmal gesagt, dass er mit all den Abmahnungen sein Wohnzimmer komplett neu tapezieren hätte können. Noch viele Jahre nach dem Karriereende fand er auf seinem Dachboden ungeöffnete Briefumschläge, in denen weitere Vereinsrügen lauerten. Eine davon hat sich Brinkmann damals beim FC Gütersloh abgeholt. Dort traf er auf Hannes Linßen. Die etwas piepsige Stimme des Trainers kann der ehemalige Bundesligaspieler bis heute perfekt imitieren.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "der Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann). Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Und Brinkmann erinnert sich genau an einen speziellen Abend damals in Ostwestfalen. Sein Team hatte nach langer Zeit endlich mal wieder gewonnen. Einen Tag vor der Weihnachtsfeier. Trainer Linßen, von dem viele behaupten, er sei das optische Vorbild für Krusty der Clown von den Simsons gewesen, bat sein Team, den Sieg doch bitte nicht allzu ausschweifend zu feiern - dazu sei am Tag danach ja noch ausreichend Gelegenheit. Die Spieler versprachen, sich daran zu halten, doch der Plan ging leider nicht ganz auf. Als die Männer um Ansgar Brinkmann in der Innenstadt aus ihrem Taxi ausstiegen, sprang Ansgar sofort auf das Dach des Autos. Von dort ging es über sechs weitere Taxidächer, bis er wieder auf den Boden sprang. Sofort öffneten sich sieben Türen und heraus traten sechs wütende Fahrer. Nur der Mann, neben dem Brinkmann gelandet war, lächelte. Er rief zu den anderen rüber: "Ist nur der Ansgar. Kein Problem!" Brinkmann sagt heute noch, dass es für alle Beteiligten gut gewesen wäre, wenn die Taxifahrer an dieser Stelle des Abends die Polizei geholt hätten. Alles wäre glimpflich ausgegangen, und am nächsten Tag hätten alle mit voller Kraft Weihnachten gefeiert.

Doch dieser Abend endete anders. Im Polizeibericht steht, dass Ansgar und seine Teamkollegen eine "Straße auf 80 Metern komplett in Schutt und Asche gelegt" haben. Zwischendurch auf dieser Strecke hatte Brinkmann sogar die glorreiche Idee, in das Schaufenster eines Möbelhauses zu springen. Er war müde geworden und hatte ein Bett entdeckt. Erstaunlicherweise zog er sich beim Sprung durch die Scheibe nur klitzekleine Schnitte am Körper zu. Die Reise konnte nach einer kurzen Pause weitergehen.

Dem Polizisten, der die Truppe am Ende der Straße schließlich in Empfang nahm, schaute Brinkmann fast schon glücklich in die Augen. Mit zittriger Stimme fragte er: "Sheriff. Is vorbei, ’ne?!" Und der Polizist antwortete mit den legendären Worten: "Ansgar, das Spiel ist aus!" Interessant übrigens, was Brinkmann im Nachhinein über diesen Abend sagt: "Da hatte ich einen totalen Blackout - das weiß ich noch genau!" Man darf sich auf weitere spannende, lustige und unterhaltsame Episoden aus dem Leben des Ansgar B. freuen. Denn wie sagte er einmal so herrlich-genial an einem ausufernden Bundeswehr-Abend in Kiew: "Feldwebel, es heißt doch: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Und hier geht noch einiges!"

Der Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Die Bundesliga, wie sie lebt und lacht: Zum Schießen komische Momente von Ahlenfelder bis Zebec" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

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