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Hier fliegt Karl-Heinz Rummenigge: Uli Borowka in Aktion - am 31. Mai 1984 für Borussia Mönchengladbach im Pokalfinale gegen den FC Bayern - das die Münchner im Elfmeterschießen gewannen.
Hier fliegt Karl-Heinz Rummenigge: Uli Borowka in Aktion - am 31. Mai 1984 für Borussia Mönchengladbach im Pokalfinale gegen den FC Bayern - das die Münchner im Elfmeterschießen gewannen.

Redelings über Dirty Talk: Einer von euch kommt ins Krankenhaus!

Von Ben Redelings

Lieber dreckig verbal als sauber brutal. Der Schwatte trieb es heftig und Uli Borowka gerne deftig. Heulsuse Möller verzweifelte und Thorsten Legat rief zur Hilfe. Und am Ende wich selbst Hans-Peter Lehnhoff die Bräune aus dem Gesicht.

Als Fan ist man dem Geschehen auf dem Platz hilflos ausgeliefert. Hebt ein holländischer Flattermann wieder zu einer Goldenen-Himbeere-Darbietung ab, kann die Kurve allein mit niederträchtigem Stumpfsinn á la "Alle auf die 10" reagieren. Da es keine Alternative gibt, machen alle mit. Allerdings immer in der Hoffnung, dass dort unten auf dem Rasen jemand im Sinne der Fans reagiert und einen fixeren Plan hat. Gerne schmutzig, aber ohne Gewalt. Verbal. Mit allerfeinstem Dirty-Talk. Denn der kann härter sein als das brutalste Foul.

Der König des dreckigen Gesprächs ist in Deutschland bis heute ohne Zweifel der Ex-Bundesligaprofi Uli Borowka. Es erscheint kein Fußball-Zitatebuch, in dem nicht seine Klassiker - "Auch wenn wir heute verlieren, einer von euch kommt noch ins Krankenhaus" und "Ich habe jetzt ne Titanplatte im Fuß, damit es am Schienbein des Gegenspielers besser klingelt" - abgedruckt sind. Borowka ist der einzige Bundesligaspieler, den 216 Profis im Auftrag des "Kicker" zum größten "Treter der Bundesliga" wählten.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "der Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann). Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Eine Kategorie, die es nur ein einziges Mal gab und die der Ex-Werder-Profi mit fast 100 Prozent der Stimmen unangefochten gewann. Seine damalige Frau Carmen reagierte sichtlich geschockt, als sie von der, nun ja, Auszeichnung erfuhr: "Jetzt weiß ich erst, mit was für einem Rüpel ich verheiratet bin. Eigentlich müsste ich mich von Uli scheiden lassen." Borowka selbst nahm die Sache mit Humor. Er fand es nur schade, dass er nichts Vorzeigbares in den Händen halten konnte: "Es gibt doch immer Nadeln und Pokale. Ich bestehe jetzt auf einen eisernen Schuh!" Seine Gegenspieler begrüßte Borowka, eins bei Borussia Mönchen gladbach und dann bei Werder Bemen unter Vertrag, gerne vor dem Spiel sehr handfest. Andreas Möller soll sich einmal beim Gang aus den Katakomben des Weserstadions beschwert haben, dass der Weg hinaus zum Rasen so weit sei. Borowka nahm Möller in den Arm, lächelte den Dortmunder liebevoll an und erwiderte: "Keine Sorge, Andy, zurück wirst du getragen!"

Auch der Schalker Olaf Thon erinnert sich an den alten Werder-Recken. Bei Thons allerersten Bundesligaspiel war Borowka sein Gegenspieler - und empfing ihn mit den Worten: "Ich brech' dir gleich beide Beine!" Damals half Thon übrigens sein Mannschaftskollege Klaus "Boxer" Täuber. Nach dem ängstlichen Hilferuf des jungen Schalkers ging Täuber zu Borowka und warnte ihn: "Den Olaf packst du nicht an. Sonst haben wir beide ein Problem!"

Pokalsieger: Mit Werder Bremen gewann Borowka 1991 dann den Titel.
Pokalsieger: Mit Werder Bremen gewann Borowka 1991 dann den Titel.(Foto: imago/Schumann)

Nur ein einziger Spieler konnte es mit der "Axt", so Borowkas Kampfname, aufnehmen. Es war der Leverkusener Ulf "der Schwatte" Kirsten, über den sein ehemaliger Trainer Ede Geyer einst sagte: "Dort, wo andere den Fuß wegziehen, geht Kirsten mit dem Kopf hin". Kirsten ließ sich von Borowka nicht einschüchtern, wie dieser erzählte: "Beim Spiel in Leverkusen haut mich Ulf Kirsten in der ersten Minute mit Karacho über die Bande. Ich denk, was ist jetzt los und sag zu Ulf: Sag mal, spinnst du? Ich habe doch noch überhaupt nix gemacht?! Da schaut der Ulf mich lächelnd an und meint: Das ist noch fürs letzte Mal, Uli!"

Aber auch sonst unterhielt sich Kirsten gerne auf dem Platz mit seinen Gegenspielern. Dem Hamburger Stefan Schnoor erzählte der Bayerprofi so lange wie viel er verdiene und wie wenig Schnoor hingegen beim HSV kassiere, dass dem Hamburger irgendwann der Kragen platzte: "Ich habe dem Kirsten dann gesagt, dass das ja alles sein könne, aber dafür hätte ich wenigstens nie im Osten leben müssen." Kirsten habe daraufhin nur einen kurzen Moment geschluckt und dann wieder von vorne angefangen zu erzählen.

"Heute gibt es nur mich und dich, du Fettsack"

Aber zurück zum König des Dirty Tal’. Eine andere Story über Uli Borowka erzählte einst sein Mitspieler Thorsten "Kasalla" Legat: "Einmal mussten wir in Leverkusen antreten und über meine Seite kam der Hans-Peter Lehnhoff. Vor dem hatte ich ein bisschen Bammel. Da habe ich zum Uli gesagt, ob er nicht mal was machen könnte. Und Uli hat gemeint: Gar kein Problem! Zu Hans-Peter Lehnhoff muss man wissen, dass er der legitime Vorfahre von Tim Wiese war - was die Gesichtsbräunung anging. Und da ist der Uli zum Lehnhoff hin und hat gesagt: Hans-Peter, wenn du einmal über links kommst, dann tritt ich dir die Bräune aus dem Gesicht! Was soll ich sagen: Zur Halbzeit ist der Lehnhoff in der Kabine geblieben!"

In der Premier League gab es übrigens ein geniales Gegenstück zu Uli Borowka. Der Waliser Vinnie Jones wurde ebenfalls die "Axt" gerufen und hatte einen fürchterlichen Ruf in der englischen Liga. Der legendäre Paul Gascoigne erzählte einmal über eine Begegnung mit Jones: "Er wirkte riesig groß. Unmittelbar nach dem Anstoß sagte er: "Ich bin Vinnie Jones. Ich bin ein verdammter Outlaw. Heute gibt es nur mich und dich, du Fettsack, nur dich und mich …" Da läuft es einem schon beim Lesen dünn durch die Hose, wie Bochums Trainer Gertjan Verbeek sagen würde. Und so ist es kein Wunder, dass neulich, als der Holländer mal wieder die Haltung verlor, ein Zuschauer rief: "Sei froh, du Dauer-Camper, dass heute keine Axt auf dem Platz ist. Deine Ohren hätten Alarm geklingelt!"

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Quelle: n-tv.de

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