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Davon träumt der Redelings: Bochumer Fans am 15. Mai 1968 im Stadion an der Castroper Straße vor dem Pokalhalbfinale gegen den FC Bayern.
Davon träumt der Redelings: Bochumer Fans am 15. Mai 1968 im Stadion an der Castroper Straße vor dem Pokalhalbfinale gegen den FC Bayern.(Foto: imago sportfotodienst)

Redelings vor dem Pokal-Kracher: Kommando befolgt: MS Bayern versenkt!

Von Ben Redelings

Aus dem Weg: Der Pokalschreck kommt! Was macht der Fan eines Underdogs vor einem wichtigen Spiel - zum Beispiel gegen den FC Bayern? Aufgeben oder eine dicke Lippe riskieren? Ein Bericht über Träume, Nostalgie und die harte Realität.

Glaube, Liebe, Hoffnung. Die Gefühlswelt eines Fans, der nicht zum Kundenstamm des FC Bayern München zählt, ist in der Regel wie das Wetter im Moment: trüb. Doch immer wieder gibt es Auflockerung am Horizont, die meist jedoch nur von kurzer Dauer sind. Episodische Traumanwandlungen. Man sieht und hört sich selbst euphorisch, von Glück ummantelt in der Kurve stehen und nach neunzig umkämpften Minuten Lieder schmettern wie "Über Bayern fahren wir nach Berlin!"

Mein VfL Bochum spielt an diesem Mittwoch (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen den FC Bayern, ein Zweitligist gegen den deutschen Meister. Natürlich weiß ein jeder von uns Blau-Weißen, dass wir im Grunde keine Schnitte haben. In ganz schlimmen Momenten ertappt man sich sogar dabei, wie man Angst hat, dass die elf roten Außerirdischen wie in der Vorrunde der Fußball-Bundesliga auftrumpfen und unser Team zerlegen könnten. Zack, bumm, 3:0 nach zwölf Minuten. Ofen aus, Bier leer, bedröppelt nach Hause.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Doch hinten im Kopf spielen sich in diesen Tagen andere Dinge ab. Man versucht sich stundenlang einzureden, dass die Bayern im Augenblick völlig neben der Spur sind. Die ganze Guardiola-Sache tiefe Risse hinterlassen hat. Stand nicht in der Zeitung, die ersten Spieler meutern bereits? Nur 0:0 am Wochenende in Leverkusen. Na, bitte. Was ist denn da los? Haben wir die Werkself nicht gerade erst in der Winterpause in einem Testspiel mit auswärts 2:1 weggehauen? Das ist sowieso ein ganz dickes Ding. "Plan B"! Borussia Mönchengladbach, Hertha BSC und Borussia Dortmund. Das sind die Nummer 4, 3 und 2 der Hinrundentabelle. Die haben wir diese Saison alle schon abgeschossen - auch wenn es dabei um nichts ging. Aber egal: Jetzt kommt die Nummer 1. Die Bayern. Na, klingelt’s? Gesetz der Reihe. Plan B. Ist doch klar. Okay, ist natürlich im Kern auch wieder Quatsch.

"Der ganze Kohlenpott steht Kopf"

Aber irgendwo dran muss man doch glauben. So wie die Anhänger des FC Bayern komplett tiefenentspannt an ihre Mannschaft glauben. Mich macht so etwas ja rasend. Weil ich das nicht kenne. Hört sich total bescheuert an, aber ich bin in meinem ganzen Leben noch nie zu einem Spiel meines Vereins gegangen und habe vorher gedacht: "Ja, gut, was soll schon passieren? Wir sind eh viel besser als die!" Noch NIE!

Wir haben die Geschichte mit dem "Plan B" als kleinen Sketch veröffentlicht. "So ist Fußball!" nennen wir uns. Augenzwinkernd und mit selbstironischem Abstand drehen wir unsere Filme. Und was war die erste Reaktion eines bajuwarischen Fans zu unserem "Plan B"? Ich kann es immer noch nicht fassen. Er schrieb tatsächlich ohne eine Armlänge Humor-Abstand: "Die glauben wirklich dran!" In solchen Momenten wünscht man sich als Fan eines Underdogs nichts sehnlicher als eine Sensation. In 99 von 100 Spielen passiert nichts. Aber morgen Abend, da muss es einfach dieses eine Spiel sein! Wenn wir nicht dran glauben, wer dann?

Heute Vormittag bin ich dann runter in mein Archiv gegangen. Ich habe in dem Ordner der Saison 1967/1968 gewühlt. Und tatsächlich. Da war wieder ein neues Stück Hoffnung. DFB-Pokal-Halbfinale 1968 gegen den Europapokal-Sieger FC Bayern München. Der Abgang von Trainer Tschik Cajkovski zum Saisonende war damals schon besiegelt. Das hatte für Unruhe gesorgt im Team. Alles genau wie bei Josep Guardiola heute. Ist das nicht ein Wink mit dem Zaunpfahl? Das Spiel ging 2:1 für uns aus. Die Zeitungen schrieben damals: "Es geschehen noch Fußball-Wunder!" Und: "Der ganze Kohlenpott steht Kopf". 41.000 Zuschauer waren aus dem Häuschen. Sie waren dabei, als der VfL die schier übermächtigen Bayern aus dem Pokal warf. An der Konstellation hat sich nichts geändert. Und so blöd sich das anhört: Genau das macht Hoffnung!

Hinterher schrieb ein Mitglied des VfL-Vorstands ein Telegramm an das Minensuchschiff "Bochum": "Kommando befolgt. MS Bayern versenkt. Zwei Volltreffer mittschiffs. Bayrische Flotillenehre gerettet: einen Torpedotreffer zugelassen!" Es ist dieses prickelnde Gefühl zwischen verführerischer Hoffnung und kalter Realität, der den Reiz solcher Abende ausmacht. Und wisst ihr was, liebe Dauersieger? Dieses unglaubliche Gefühl, wenn deine Mannschaft einmal in zehn Jahren, in einer einzigen Partie alle Wahrscheinlichkeiten außer Kraft setzt und dir den Himmel auf Erden bereitet, würde ich für nichts auf der Welt eintauschen wollen. Wunder sind selten. Dafür aber umso geiler. Glück auf!

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Quelle: n-tv.de

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