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"Entscheidend ist für mich die sportliche Fürsorge durch meinen Verein. Geld ist für mich nebensächlich": Andreas Möller im Jahr 1991 mit den Kollegen Uwe Bein, Manfred Binz und Uli Stein bei der Frankfurter Eintracht.
"Entscheidend ist für mich die sportliche Fürsorge durch meinen Verein. Geld ist für mich nebensächlich": Andreas Möller im Jahr 1991 mit den Kollegen Uwe Bein, Manfred Binz und Uli Stein bei der Frankfurter Eintracht.

Redelings über ehrliche Stars: "Meine Frau hält mich für einen Drecksack"

Von Ben Redelings

Der Ehrliche ist der Dumme? Bremens Zlatko Junuzovic gehört bestraft? Was ist nur mit dem Fußball los? Lieber Lügenfibel statt Aufrichtigkeit? Und was hat Baslers Unterhose damit zu tun? Oder hat er gar keine an? Ein Appell.

Der Bremer Fußballspieler Zlatko Junuzovic hat einen schweren Fehler gemacht: Er hat am Wochenende die Wahrheit gesagt. Was sich wie ein schlechter Witz anhört, ist in der Bundesliga Gesetz. Der Ehrliche ist der Dumme oder wie es einst der Frankfurter Torwart Peter Kunter so treffend formulierte: "Ich habe im Fußballgeschäft so zu lügen gelernt, dass mich sogar meine Frau für einen Drecksack hält."

Manchmal ist auch einfach der Dumme der Dumme: Zlatko Junuzovic. Denn unsportlich war es, was er getan hat - auch wenn er es hinterher zugab.
Manchmal ist auch einfach der Dumme der Dumme: Zlatko Junuzovic. Denn unsportlich war es, was er getan hat - auch wenn er es hinterher zugab.(Foto: imago/nph)

Dass man über den Sachverhalt, also über das absichtliche Abholen einer Gelben Karte, an sich trefflich streiten kann - geschenkt. Dass aber nun jemand bestraft werden soll, der ohne Lügen oder Ausflüchte etwas allzu Offensichtliches zugab, spricht für sich. Leider. Denn wenn man den ersten Impuls ("Hätte er das nicht etwas diplomatischer lösen können?") unterdrückt, bleibt eine andere Erkenntnis zurück: Wir sind es mittlerweile gleichsam leid wie gewohnt, dass man uns offen ins Gesicht lügt.

Diese Entwicklung startete übrigens im Jahre 1987 so richtig. Mit Andreas Möller begann eine neue Ära im deutschen Profifußball. Spieler werden seitdem extra für die Medien geschult. Möller bekam damals von seinem Rechtsanwalt ein Fax: "Vorschläge für Antworten gegenüber der Öffentlichkeit"! Es waren typische Standardfloskeln, die man von nun an immer wieder und überall hören sollte: "Ich spiele seit meinem … Lebensjahr für Eintracht Frankfurt. Ich bin Frankfurter und Eintrachtler. Ich fühle mich Eintracht Frankfurt und seinen Anhängern sehr eng verbunden." Thema Geld: "Entscheidend ist für mich die sportliche Fürsorge durch meinen Verein. Geld ist für mich nebensächlich." Und auf Nachfragen zu einem möglichen Wechsel, beispielsweise zum FC Bayern, sollte Möller antworten: "Ich verhandele nicht mit Bayern München. Ich will in Frankfurt bleiben." Das hat nicht ganz geklappt, wie ein Blick auf Möllers lebhafte Wechselkarriere zeigt. Das Papier wurde übrigens Jahre danach von seinem Mitspieler Axel Kruse "Lügenfibel" genannt. Das passt!

"Mach et Otze" ist Legende

Dabei macht Ehrlichkeit die Welt nicht nur ein Stück weit besser sondern auch bunter und unterhaltsamer. Im Großen wie im Kleinen. Nur notorische Nörgelköppe werden den Wert der Ordewitz/Rütemöller-Geschichte aus dem Mai 1991 nicht zu schätzen wissen. "Mach et Otze" ist Legende. Im kollektiven Gedächtnis der Fans abgespeichert. Eine typische Lagerfeuer-Story, die es niemals gegeben hätte, wenn die Lügenfibel zum Einsatz gekommen wäre. In den vergangenen Jahren beklagen sich immer mehr Menschen, dass die Bundesliga steriler, abgezockter, schlicht menschlich kälter wird. Das liegt auch an den häufig stinklangweiligen und nichtssagenden Interviews. Blablabla, dreimal klinisch gereinigt und von jedem Fetzen Originalität befreit. Ob man immer alles wissen will und muss, sei dahin gestellt, aber unterhaltsamer ist es schon.

Ich werde nie vergessen, wie Mario Basler auf die Frage eines Interviewer ("Die Farbe der Unterhose heute?") antwortete: "Jetzt im Moment? Ich habe keine an. Zu Hause brauche ich keine Unterhose." Seit diesem Augenblick hat sich ein Bild in meinem Kopf festgesetzt. Kein wahrhaft angenehmes, aber ein unerschütterliches. Und das ist von Leben erfüllt. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mich in die 70er und 80er Jahre zurücksehne. Ich habe dann eine Ausgabe des "Fußball-Magazins" in den Händen - mit der Rubrik: "Fragen Sie Ihren Star!"

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "der Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann). Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Dort finden sich Antworten, bei denen man sicher sein kann, dass kein Manager, Berater oder Pressesprecher anschließend noch einmal drüber gelesen hat. Frei von der Leber weg. Heute würde man wohl sagen: Authentisch. Hier eine kleine Auswahl:

Bayerns Jean-Marie Pfaff: "Wie ist deine Einstellung zum Damenfußball, und was würdest du sagen, wenn deine Frau auch spielte?" (Sybille H., Schmitten) - "Meine Frau hat sicher keine Zeit zum Fußballspielen, sie ist in erster Linie Hausfrau. Aber wenn sie wirklich den Wunsch äußern würde, hätte ich nichts dagegen. Obwohl sie beim Ballstoppen mit der Brust sicher ihre Schwierigkeiten hätte."

Nürnbergs Stefan Reuter: "Hast Du eine Freundin?" (Michael S., 7519 Eppingen) - "Immer mehrere auf einmal."


Kölns Gerd Strack: "Wie findest Du meine Schrift, im Zeugnis hatte ich eine Fünf. Ist das gerechtfertigt?" (Richard N., 4020 Mettmann) - "Eine Fünf ist wohl ein bisschen happig, aber eine Vier hätte ich Dir wohl auch gegeben."

Frankfurts Karl-Heinz Körbel: "Was denken Sie über das Thema Ausländerfeindlichkeit?" - "Schlimm, die müsste bei uns unbedingt abgebaut werden."

Stuttgarts Guido Buchwald: "Welches Parfüm benutzt du?" (Werner H., 7218 Irslingen) -"Momentan Azzaro, aber variantenreich wie mein Spiel ist auch die Wahl meiner Duftwässerchen."

Schalkes Dieter Eckstein: "Was hältst du von Freikörperkultur?" (Thomas G., 6630 Saarlouis) - "Wenn’s FKK nur für Frauen gäbe, wäre ich dafür."

Gladbachs Lothar Matthäus: "Würdest du dich bitte scheiden lassen und mich heiraten?" (Marleen D., 2860 Osterholz-Scharmbeck) - "Nein, ich bin glücklich verheiratet."

Hamburgs Felix Magath: "Würden Sie für die Gage von 100.000 DM ein Jahr lang als Punker umherlaufen?" (Gaby T., 4840 Rheda) - "Nein, auch nicht für eine solche Summe."

Stuttgarts Andreas Buck: "Was wäre, wenn Sie Andreas Möller wären?" - "Dann würde ich versuchen, ab und zu ein bisschen ehrlicher zu sein."

Das Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Die Bundesliga, wie sie lebt und lacht: Zum Schießen komische Momente von Ahlenfelder bis Zebec" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

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