Sport
Referee Robert Schröder war im Zweitligaspiel zwischen Bochum und Fürth eine Respektsperson, der es am Respekt der Spieler mangelte.
Referee Robert Schröder war im Zweitligaspiel zwischen Bochum und Fürth eine Respektsperson, der es am Respekt der Spieler mangelte.(Foto: dpa)

Redelings leidet mit Schiedsrichtern: Referees fehlt Autorität, kein Videobeweis

Von Ben Redelings

Der Fußball und seine Schiedsrichter, das war schon immer eine schwierige Kiste. Dass daraus längst ein massives Problem geworden ist, lässt sich nicht mehr leugnen. Als neues Allheilmittel wird nun der Videobeweis gepriesen. Ein fataler Trugschluss.

Ich beneide die Männer mit der Pfeife nicht um ihren Job. Habe ich noch nie, aber im Moment ist Schiedsrichter zu sein offensichtlich ganz besonders bescheiden. Niemand kennt mehr ihre Namen, aber alle sehen Woche für Woche ihre Fehler. Nun soll der Videobeweis die rettende Ausfahrt sein. Selbst Althase Knut Kircher ist auf seine letzten Schiedsrichter-Tage eingeknickt. Nach seinen eigenen Fehlentscheidungen am Samstag in Hamburg glaubt er, "dass es Szenen gibt, in denen ein Videobeweis helfen würde".

Helfen soll seit sechs Jahren auch eine andere technische Errungenschaft: das Headset. Wer jedoch einmal genauer hingesehen hat, wie die Schiedsrichter seit der Einführung der Ohrstöpsel oftmals zeitverzögert und unsicher ihre Entscheidungen treffen, der fragt sich, ob dadurch tatsächlich irgendwas besser geworden ist. Armin Veh hat das Problem der Headsets einmal ziemlich genau umrissen: "Da babbelt plötzlich jeder rein, selbst der Vierte an der Linie. Und der Hauptschiedsrichter entscheidet weniger selbst als früher."

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Und dennoch hat der fortwährende (Auf-)Schrei nach noch mehr Technik in der Bundesliga ganz offensichtlich funktioniert. Der Videobeweis wird kommen. Das hat man so beschlossen. Noch nicht endgültig bei der DFL, da will man erst einmal nur testen, aber in den (allermeisten) Medien ist das Thema durch. Dann wird das also so gemacht werden. Aber warum eigentlich noch einmal genau? Und bekommen wir dadurch endlich wieder starke Schiedsrichterpersönlichkeiten? Wohl kaum. Aber darum geht es wahrscheinlich auch gar nicht. Schade.

Denn dass wir in diesen Tagen tatsächlich ein Schiedsrichter-Problem haben, kann niemand mehr leugnen. Dass das aber nicht unmittelbar durch noch mehr Technik und Manpower im Hintergrund zu lösen sein wird, ist wenigstens einen Gedanken wert.

Mitleid für den starken Mann

Bekanntlich verderben viele Köche den Brei. Vier Offizielle sind es jetzt schon. Bald kommen noch ein, zwei Entscheider mit dazu. Dabei hat man auf den Plätzen der Bundesliga mittlerweile ohnehin bereits den Eindruck, dass niemand mehr Chef sein will oder kann. Und das hat Folgen. Ex-Schiri Bernd Heynemann hat den Sachverhalt einmal sehr schön auf den Punkt gebracht: "Wenn die Spieler merken, dass der Schiedsrichter auf dem Platz nichts mehr zu sagen hat, dann ist er auch keine Respektsperson mehr - das ist insgesamt schlecht für die Autorität."

Wie das aussieht, wenn der Respekt flöten geht, konnte man sehr gut am vergangenen Wochenende im Bochumer Ruhrstadion sehen. Am Ende tat der Mann in Gelb einem nur noch leid. Und das ist wahrhaftig das denkbar Schlechteste, was man über einen Schiedsrichter sagen kann. Herr über die Partie des VfL Bochum gegen Greuther Fürth ist Robert Schröder gefühlt eigentlich nie gewesen. Der Grund dafür war sein für die Bundesliga so typisches, kleinliches Gepfeife, das für erregte Zuschauer sorgt und den Spielfluss der Akteure stört.

Der frühere Bundesliga-Profi Christian Fuchs liebt die Härte der Premier League und den größeren Spielraum durch die Schiedsrichter.
Der frühere Bundesliga-Profi Christian Fuchs liebt die Härte der Premier League und den größeren Spielraum durch die Schiedsrichter.(Foto: REUTERS)

Der Ex-Schalker und heutige Premier-League-Spieler Christian Fuchs hat das dieser Tage in einem Interview rückblickend und vergleichend so kritisiert: "Im Spiel wird viel mehr laufen gelassen. Das ist richtig geil. Ich genieße jede Woche alle meine blauen Flecken." Eigentlich ist das eine andere Baustelle, könnte man meinen, aber wenn man über die Stellung der Schiedsrichter im Allgemeinen spricht, dann gehört auch das unbedingt mit rein in den Topf.

Einzelfall oder exemplarisch?

Am Ende entglitt dem Schiedsrichter das Spiel in Bochum komplett. Man muss es so hart sagen: Wäre Schröder an diesem Tag Lehrer und nicht Schiedsrichter gewesen, er hätte einen verdammt langen und sehr unangenehmen Vormittag vor der Klasse gehabt!

Und dann kam es in der turbulenten Schlussphase zu einem echten Eklat. Wann hat es so eine Szene zuletzt in der Bundesliga überhaupt gegeben? Der Fürther Jürgen Gjasula ging nach seiner roten Karte den Schiedsrichter wutentbrannt an. Er schubste ihn. Aus der Kurvenperspektive sah man, wie Robert Schröder aus dem Gemenge richtig ein Stück rausflog. Ungläubiges, irritiertes Staunen unter den Zuschauern.

Die Aktion des Fürthers kann man als unglücklichen Einzelfall abtun. Oder aber, man betrachtet die Szene exemplarisch als ein Indiz für den dramatischen Autoritätsverlust der Unparteiischen. Symptomatisch auch, dass bei der Rudelbildung zuvor wie gewöhnlich alle vier Offizielle zusammen auf dem Platz agierten, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Was ist das eigentlich im Kern für eine Botschaft, wenn der Schiedsrichter die Akteure offensichtlich nicht mehr alleine maßregeln kann? Woher soll dann überhaupt noch der Respekt kommen, den es so dringend braucht?

Eindeutig zweideutige TV-Bilder

Für Felix Magath ist die Lösung des Problems ganz einfach: "Wenn vier Schiedsrichter nicht in der Lage sind, eine Szene richtig zu bewerten, dann wird es Zeit für den Fernsehbeweis." Das klingt wunderbar einfach und so logisch. Ironie an. Da ist es doch klasse, dass die TV-Bilder immer so eindeutig sind, dass sie in strittigen Situationen die natürliche Autorität besitzen, eine Szene ohne jeden Zweifel aufzulösen. Ironie aus. Für endlose Nach-dem-Spiel-Diskussionen in den Kneipen und extra neu geschaffenen Videobeweis-Talkshows dürfte jedenfalls gesorgt sein.

Mit welcher Folge: Der Respekt vor dem Schiedsrichter auf dem Platz wird noch mehr flöten gehen. Bald kriegen sie es ja noch nicht einmal zu fünft oder sechst plus Videobeweis hin, ohne Fehler zu pfeifen. Wie soll man da die Herren Unparteiischen noch ernst nehmen?

Aber gut, der Videobeweis wird kommen. Die Diskussionen werden weitergehen. Die Autorität des Schiedsrichters wird noch mehr ausgehöhlt werden. Keine schöne Entwicklung. Vielleicht lässt man einen anderen Satz von Armin Veh in diesem Zusammenhang einmal etwas länger auf sich wirken: "Der Hauptschiedsrichter muss einfach wieder mehr die Verantwortung über das Spiel haben, dafür ist er ja der Chef. Und wenn er die Verantwortung hat, darf auch nur er entscheiden!" In diesem Sinne einen schönen Gruß aus der Gastronomie: Viele Köche ...

Das Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Die Bundesliga, wie sie lebt und lacht: Zum Schießen komische Momente von Ahlenfelder bis Zebec" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen