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Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder hatte Glück, dass er in den 70er und 80er Jahren gepfiffen hat.
Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder hatte Glück, dass er in den 70er und 80er Jahren gepfiffen hat.

Redelings über fehlende Menschlichkeit: Warum Ahlenfelder es besser hatte als Kruse

Von Ben Redelings

Wegen einiger Dummheiten streicht Bundestrainer Joachim Löw den Wolfsburger Max Kruse aus dem DFB-Kader. Zwar ist der Fall Kruse sonderbar, doch noch lange kein Skandal. Das Problem liegt vielmehr im aalglatten Profi-Fußball von heute.

Ich habe sie schon Hunderte Male erzählt, die Geschichte vom Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder. Weil sie so hinreißend komisch und unterhaltsam ist. Und weil sie für eine andere Zeit des Fußballs steht. Denn als der Oberhausener Schiri Ahlenfelder am 8. November 1975 die Partie des SV Werder Bremen gegen Hannover 96 bereits nach 32 Minuten zur Halbzeit pfeift, ist dies erst das dritte Spiel seiner noch jungen Bundesliga-Karriere als Unparteiischer. Er ist 31 Jahre alt. Und obwohl diese Begegnung damals auch in der Presse für Furore und fette Schlagzeilen sorgte und jedermann wusste, dass der frühzeitige Pfiff etwas mit Alkohol zu tun haben musste, brach niemand endgültig den Stab über den jungen Mann.

Er durfte weitermachen. 103 Spiele hat Wolf-Dieter Ahlenfelder danach noch als Bundesliga-Schiedsrichter auf dem Rasen gestanden. Man muss kein übermäßig begabter Hellseher sein, um nüchtern festzustellen: Heute wäre ein Schiedsrichter nach einem ähnlichen Vergehen beruflich ein toter Mann!

Den einen Teil der Demontage würde die Presse erledigen, den anderen Teil das Internet. Ein Shitstorm ergösse Kübel des Hohns, des Spotts und der üblen Beleidigungen über den Schiri. Die Karriere wäre vorbei. Schließlich könnte niemand solch ein fehlerhaftes, "unprofessionelles" Verhalten dulden. Der DFB müsste ein Zeichen setzen. Am Ende bliebe nur der Ausschluss, die Suspendierung.

Paparazzi sind lästig wie Mücken

Max Kruse hat Pech, dass er in der heutigen Zeit Fußballprofi ist - zumindest was die mediale Beobachtung anbelangt.
Max Kruse hat Pech, dass er in der heutigen Zeit Fußballprofi ist - zumindest was die mediale Beobachtung anbelangt.(Foto: imago/Christian Schroedter)

In der letzten Woche kochte der Fall Max Kruse in den Medien und an den Stammtischen, virtuell wie real, über. Es wurde viel geredet und geschrieben. Jeder hatte sich schnell eine Meinung zurechtgelegt. Bundestrainer Jogi Löw natürlich auch. Er verurteilte Kruse. Strich ihn aus dem Kader. Führte ihn öffentlich vor. Maßregelte sein Verhalten. Doch, was war eigentlich genau passiert?

Mit viermonatiger (!) Verzögerung war herausgekommen, dass der Wolfsburger Nationalspieler im Oktober letzten Jahres 75.000 Euro in einem Taxi vergessen hatte. Das ist bedauerlich. Vor allem für Kruse selbst. Und ziemlich dumm. Ebenfalls für ihn selbst. Und natürlich können 95 Prozent der Bevölkerung frank und frei behaupten, ihnen würde so etwas nie passieren. Kann ich auch. Das liegt aber vor allem daran, dass ich in der Regel sehr selten so viel Bargeld mit mir rumführe. Ehrlich gesagt, eigentlich nie!

Dann löschte Kruse Bilder auf dem Handy einer jungen Frau, die hoppsala, auch noch ganz zufällig für eine große Boulevard-Zeitung arbeitet. Klar, man sollte stets auf eine gepflegte Gesellschaft achten, mit der man sich so umgibt, aber manchmal hat man eben Pech. Paparazzi gibt es immer und überall. Sie sind überflüssig und lästig wie Mücken in einer lauen Sommernacht. Und mit Mücken geht man in der Regel nicht so zimperlich um, wie Kruse es in seiner Geburtstagsnacht mit der jungen Boulevard-Knipserin tat.

Der sonderbare Fall mit dem Video

Schlussendlich bliebe das Video, das den lüsternen Kruse im innigen Spiel mit seinem besten Stück zeigt. Man munkelt, er habe es einer jungen Dame geschickt, um sie ... um was eigentlich? Egal. Ich vermute, meine Frau würde herzhaft lachen, wenn ich ihr etwas Ähnliches senden würde. Doch das mag in anderen Familien anders sein. Blöd nur, dass ausgerechnet jetzt dieses Video in Umlauf gebracht wurde. Komischer Zufall oder doch eher gezielt gesteuert? Auf jeden Fall etwas sonderbar.

Stefan Postma war ein viel schlimmerer Finger als Max Kruse.
Stefan Postma war ein viel schlimmerer Finger als Max Kruse.

Aber bei weitem nicht so aufsehenerregend, wie der Fall des niederländischen Keepers Stefan Postma aus dem Jahr 2006. Der Torhüter von Den Haag hatte damals gleich eine ganze Reihe von vielen kleinen Fehlern auf einmal begangen. Angefangen hatte es damit, dass er beim Liebesspiel mit seiner englischen Freundin die Videokamera hatte laufen lassen.

Dass er auf dem entstandenen Filmchen nur von hinten zu sehen war, entschärfte die delikate Sache leider nur unwesentlich für ihn. Denn dem liebestollen Postma war Fehler Nummer zwei unterlaufen: Der um die breiten Hüften seiner Freundin geschnallte Gummidildo war deutlich auf dem Film zu erkennen - und auch, worin dieser steckte. Tragisch für Postma war am Ende, dass er seine Freundin verließ und diese nichts Besseres zu tun hatte, als das Video in einem Internetauktionshaus meistbietend zu versteigern.

Doch selbst wenn Kruse eine ähnliche Story geliefert hätte und wir uns zu Recht über sie amüsiert hätten, am Ende wäre sie ohne jede Relevanz. Denn sie geht uns eigentlich nix an. Sie ist und bleibt privat.

Es ist schade um den Menschen

Ehrlich gesagt, habe ich mich in der letzten Woche mehr als einmal richtig geärgert. Was ist nur aus uns geworden, dass wir mit ausgestrecktem Zeigefinger einen jungen Mann wie selbstverständlich aburteilen? Das Gefasel von "Vorbildfunktion" fleißig abnicken, statt zu hinterfragen? Und erst zufrieden sind, wenn der Gemaßregelte seine Schuld einsieht und sich öffentlich entschuldigt. Sind wir denn alle so viel besser? Sind wir ohne Schuld? Und wo bleibt da am Ende die stets so lauthals gepredigte Menschlichkeit?

Die Geschichte des Schiedsrichters Wolf-Dieter Ahlenfelder aus dem Jahre 1975 ist mittlerweile legendär. Weil damals etwas Außergewöhnliches passiert ist. Der Autor und Weltenbummler Helge Timmerberg sagte neulich so treffend, dass die spannendsten Dinge geschehen, wenn etwas "schief geht". Genau so ist es. Und zumeist sind es Geschichten abseits der Norm.

Man kann versuchen, diese einzudämmen und durch vorbeugende Maßnahmen zu unterbinden. Wie man sieht, klappt das im aalglatten und chemisch gereinigten Profi-Fußball des Jahres 2016 schon zu gut 99 Prozent. Bleibt allein die Frage, wie man mit dem einen Prozent umgeht? Und da kann man nach der letzten Woche nur sagen: Hoffentlich in Zukunft anders und souveräner als geschehen. Es wäre schade um die Geschichten - aber vor allem auch um die Menschen!

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Quelle: n-tv.de

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