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Freitag, 07. August 2009

Warum zum Fußball?: Total bescheuert

Jochen Müter

Ich bin ein echter Gelsenkirchener Junge. Gezeugt in einem Kohle-Stollen, geboren in einer Brauerei, aufgewachsen in der Fritten-Bude. Und ich komme sogar aus dem Stadtteil Schalke. Mit fünf habe ich auf dem Schalker Markt Mutti die Klingen für ihren Hornhaut-Hobel besorgt, mit neun wusste ich alles über Currywurst, mit zwölf habe ich am Auto-Scooter auf der Schalker Kirmes meine erste Perle klargemacht.
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(Foto: Markus Mechnich)

Das ist Ruhrpott. Mit Blau-Weiß aber, damit verbinde ich nichts – außer einer gut schmeckenden, sehr frischen Zahnpasta für 79 Cent. Ein Fußball-Fan ist nicht aus mir geworden. Das ist eben kein Automatismus.

Kürzlich wurde mir das wieder klar. Als ich auf der Kurt-Schumacher-Straße fuhr, vom Gelsenkirchener Zentrum Richtung Autobahn. Da kommt man am Stadion vorbei, an der "Veltins Arena", wie es überflüssigerweise heißt - "Kampfbahn Glückauf", das war wenigstens noch ein Name. Das Areal um den hässlichen Klotz ist eine einzige Beton-Fläche, besteht aus riesigen Parkplätzen und hat den Charme eines kirgisischen Militärflughafens. Und was sehen meine wunden Augen, als ich an einem Samstagmorgen um 7.30 Uhr dort vorbeifahre? Da steht ein Bus! Und Fußball-Fans drum herum! Es nebelt noch, im Umkreis von vier Kilometern alles tot, höchstens ein Regenwurm rülpst. Glatte acht Stunden bis zum Anpfiff – und eine Horde Männer steht auf einem riesigen, leeren Parkplatz, trinkt Pils und schwingt Fahnen in der abziehenden, sehr kühlen Nachtluft. "Das habt ihr verdient", denke ich. "Ihr habt verdient, wenn sich ein fremder Mann jetzt zu eurer Frau ins warme Bett legt – und beide sich darauf verlassen können, dass ihr garantiert nicht überraschend nach Hause kommt! Weil ihr um halb acht in Schalke auf einem Parkplatz stehen müsst, um in sieben Stunden Fußball zu gucken."

Was kriegt man da schon zu sehen?

Und was kriegt man da schon zu sehen? Die Räume sind eng, Pass nach vorne, Pass zurück, Pass nach links, Aus, Einwurf, Foul, das war aber hart, Pfui, Schiri raus!, Pass nach vorne, Pass zurück, Abseits, Abstoß, Pass nach vorne, Pass zurück, Pass nach rechts, Aus, Einwurf, gähn, zurück zum Torwart, der legt sich den Ball zurecht, Fehlpass, Doppel-Gähn, Spieler stolpert, Ball rollt vom Fuß, Pass zurück, Pass nach vorn, die Räume sind eng, eingeschlafen.

Nicht, dass ich es nicht auch versucht hätte! C-Jugend! Speckige, grüne Trikots mit dem Werbeaufdruck eines Damenfrisörs. Ich der Vorstopper, Kampfname "Dampframme", mein Libero hieß Kutze. Er war es auch, der beim Eckstoß gerne die kleinsten Spieler der Gegner nahm und sie mit dem Kopf gegen den Pfosten stieß. "Hau ihn weg!", brüllte er immer, wenn so ein Stürmer-Männchen angerast kam. Oder: "Immer in die Beine!". Und manchmal auch: "Töten hilft!" Wie sollte ich jemals mit ruhigem Gewissen den Wehrdienst verweigern?

Mein letztes Spiel. Bilanz bis dahin: 19 Einsätze, kein Tor, immer Luftnot. Es sind noch vier Minuten übrig, wir führen 7:0. Da kommt so ein Männchen angerast. Der erste Angriff seit gefühlten 400 Minuten. "Das schaffst du, komm schon, mach die Bude", ruft irgendein stolzer Vater. "Bring ihn um!", ruft Kutze. Mich packt der Ehrgeiz. Vier Minuten noch, 7:0 für uns. Warum nur packt mich der Ehrgeiz? Ich grätsche ihm volles Pfund in die Beine, kicke den Ball ins Aus. Ein Knochen bricht. Und zwar einer von mir. "Ich hab da ein Problem", brülle ich flennend beim Aufstehen und recke dem dicken Schiedsrichter meinen offenen Handgelenksbruch entgegen. Der lächelt milde. "Fußball ist eben total bescheuert", sagt er in väterlichem Ton. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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