Gold, Silber und Sturzpech

Deutsche mit furiosem Finale

28.02.2010 | 09:59 Uhr
Am vorletzten Wettkampftag der XXI. Winterspiele verabschiedet sich Andre Lange mit Silber endgültig aus dem Bob, die Eisschnellläuferinnen bieten ein Drama mit goldenem Happy End. Nur im Männer-Slalom läuft es nicht rund. Erst scheitert Felix Neureuther auf der Piste, dann dessen oberster Chef an einer angemessenen Wortwahl. Er zürnt: "So eine Scheiße."
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Goldig: Die deutschen Eisschnellläuferinnen Stephanie Beckert, Daniela Anschuetz-Thoms, Anni Friesinger-Postma und Katrin Mattscherodt. (Foto: dpa)

Gold durch die Eisschnellläuferinnen, Silber für Andre Lange im Viererbob: Die deutsche Olympia-Mannschaft hat in Vancouver ihr Turin-Ergebnis 2006 von 29 Medaillen wiederholt. Mit zehnmal Gold, zwölfmal Silber und siebenmal Bronze behauptete das deutsche Team vor den beiden letzten der 86 Entscheidungen in der Länderwertung Rang zwei hinter den Olympia-Gastgebern, die durch die Eisschnellläufer, Snowboarder Jasey Jay Anderson und die Curling- Herren ihr Gold-Konto auf 13 erhöhten.

Die meisten Medaillen vor dem Schlusstag sammelten die US-Amerikaner mit 36. "Aus unserer Sicht hat die deutsche Mannschaft eine fantastische Leistung abgeliefert", resümierte Chef de Mission Bernhard Schwank zufrieden. Zwei der zehn Goldmedaillen steuerte Biathletin Magdalena Neuner bei, sie darf deshalb bei der Abschlussfeier die deutsche Fahne tragen: "Ich freue mich riesig. Damit habe ich bereits bei meinen ersten Winterspielen alles erreicht, was ich erreichen kann."

Beste Unterhaltung auf dem Eis

Für das zehnte und wohl auch letzte deutsche Gold der Winterspiele sorgten im Richmond Olympic Oval die Eisschnellläuferinnen Daniela Anschütz-Thoms, Stephanie Beckert und Katrin Mattscherodt in der Teamverfolgung. Mit 2/100 Sekunden Vorsprung gewann das deutsche Trio das Finale der Teamverfolgung gegen Japan und trat in die Fußstapfen der Gold-Mannschaft von Turin.

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Nach diesem Sturz von Anni Friesinger-Postma im Halbfinale schien alles verloren. War es aber mitnichten. (Foto: dpa)

Im Halbfinale hatten die Deutschen trotz eines Sturzes von Anni Friesinger-Postma, die auf dem Bauch liegend über die Ziellinie rutschte, das US-Team ähnlich knapp bezwungen. Für die angeschlagene Inzellerin, die ihre insgesamt fünfte Olympia- Medaille gewann, lief dann Mattscherodt. Bronze holten die Polinnen. Das Männer-Rennen gewann Kanada vor den USA und den Niederlanden.

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Lange geht mit Silber

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Glücklich mit Silber: Andre Lange geht sportlich geschlagen, aber als gefühlter Sieger. (Foto: AP)

Der Vorsprung der deutschen Eisschnellläuferinnen mag dem Betrachter knapp vorkommen. Verglichen mit dem Vorsprung von Bobpilot Andre Lange und seiner Crew auf die Kanadier um Pilot Lyndon Rush war er jedoch groß, doppelt so groß sogar. Die Winzigkeit von 1/100 Sekunde trennte den Titelverteidiger nach vier Läufen im Whistler Sliding Centre von Lokalmatador Rush und bescherte Lange und seiner Crew die Silbermedaille. Anschließend kamen dem 36-Jährigen, der in Whistler den letzten Wettkampf seiner Karriere bestritten hatte, die Tränen: "Da sind die Emotionen hochgekocht. Ich bin froh und traurig zugleich, dass es vorbei ist."

Lange fühlte sich in diesem Moment als Gewinner, auch wenn es im letzten Rennen seiner glanzvollen Karriere nicht zur fünften Goldmedaille bei Olympischen Winterspielen gereicht hatte. Der US-Amerikaner Steven Holcomb, in diesem Winter der beste Pilot im Vierer, sicherte sich mit seiner Crew überlegen Gold.

Packender Kampf um Langlauf-Gold

Im 30-Kilometer-Klassikrennen gewann die polnische Skilangläuferin Justyna Kowalczyk die erste Goldmedaille für ihr Land. Sie setzte sich vor Marit Björgen durch und verhinderte damit den vierten Olympiasieg der Norwegerin bei diesen Spielen. Beide Sportlerinnen, die sich zuletzt auch abseits der Loipe duelliert hatten, lieferten sich auf der Zielgeraden einen beeindruckenden Sprint, den die Polin letztlich für sich entschied.

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Justyna Kowalczyk holte sich mit einem packenden Finish die Goldmedaille. (Foto: REUTERS)

Mit dreimal Gold sowie je einmal Silber und Bronze wurde Björgen dennoch zur erfolgreichsten Athletin in Vancouver. Die Deutsche Evi Sachenbacher-Stehle verpasste als Vierte ihre dritte Medaille um 14 Sekunden. Mit ihrer Leistung widerlegte sie aber Bundestrainer Jochen Behle, der den deutschen Skilangläuferinnen vor den Winterspielen fehlende Fitness für die Langstrecken vorgeworfen hatte. Allerdings hatte Sachenbacher-Stehle zuvor schon deutlich gemacht, was sie auf die Anweisungen des Chefkritikers gibt: gar nichts.

Anderson einfach glücklich

Deutlich an einer Medaille vorbei fuhr Snowboarder Patrick Bussler. Er belegte im Parallel-Riesenslalom den 16. Platz. Der Sieg ging an den 34-jährigen Kanadier Jasey Jay Anderson nach einem famosen zweiten Finallauf, in dem er gegen den Österreicher Benjamin Karl einen Rückstand von 76/100 Sekunden wettmachte.

"Ich hätte alle Weltmeistertitel und Weltcupsiege gegen diese Medaille getauscht", meinte der Kanadier anschließend und zeigte stolz auf sein Edelmetall. Zu tauschen hätte Anderson eine Menge gehabt: vier WM-Titel, vier Gesamtweltcup-Siege und 26 Weltcuperfolge.

Neureuther scheitert, Maier tobt

Das erste Alpin-Gold für Italien seit Alberto Tomba 1992 gewann Alberto Razzoli im Slalom. Silber ging an den Kroaten Ivica Kostelic. Felix Neureuther, vorab in Deutschland als Goldhoffnung gehandelt, war im ersten Lauf nach einem Torfehler ausgeschieden.

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Gescheitert: Felix Neureuther geriet im Slalom in Rücklage und schied aus. (Foto: DPA)

DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier konnte seine Enttäuschung darüber nicht verbergen. Nach den Siegen von Maria Riesch in der Super-Kombination und im Slalom sowie von Viktoria Rebensburg im Riesenslalom hatte er von einem erfolgreichen Abschluss der Spiele von Vancouver geträumt. Doch Neureuther geriet nach nur 27 Sekunden in Rücklage und stürzte. Anschließend zürnte Maier: "Man hofft immer, dass man das Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen herstellen kann und dann passiert wieder so eine Scheiße."

Ähnlich wie 1998 bei den Spielen von Nagano, wo die Alpinen letztmals drei Goldmedaillen gewonnen hatten, "sind wir nun wieder bei den Frauen top, und bei den Herren nicht dabei". Die DSV-Herren warten seit 1994 auf eine olympische Medaille. Neureuther nahm sein Aus dennoch wesentlich gelassener hin als sein selbstmitleidiger Chef: "Im ersten Moment kann man es gar nicht glauben, dass es vorbei ist. Und natürlich ist es schade, weil ich weiß, dass ich vorne hätte reinfahren können. Aber ich stecke das gut weg." Das wünscht man Wolfgang Maier auch.

Kanadas Curler mit Rekord zu Gold

Keinen Frust, sondern nur Freude gab es bei Gastgeber Kanada nach dem Herrenfinale im Curling. Der letzte Stein war noch unterwegs, da brach im Curling-Tempel von Vancouver bereits ohrenbetäubender Jubel aus. Spieler und Fans fielen sich in die Arme, und der "Unbesiegbare" riss seinen Besen in die Höhe. Skip Kevin Martin wusste, er hatte nicht nur einen Olympia-Rekord aufgestellt, er hatte vor allem Kanadas Ehre gerettet.

... und Männer ohne Mannschaft

Mit 6:3 hatte der 43-Jährige im Herren-Finale Weltmeister Norwegen mit Thomas Ulsrud vom Eis gefegt und das ersehnte Gold für die Gastgeber gewonnen. Und das ohne Niederlage in elf Turnierspielen - ein Novum im olympischen Curling.

Verwendete Quellen: cwo/dpa/sid