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Im Vergleich zum ersten Teil aus dem Jahr 1989 ist das neue Simcity grafisch opulent.
Im Vergleich zum ersten Teil aus dem Jahr 1989 ist das neue Simcity grafisch opulent.(Foto: Maxis)

Kapitalismus macht süchtig: Das neue Simcity im Test

Von Christian Rothenberg

Maxis lässt sich Zeit. Die Arbeiten am neuen Simcity dauern Jahre. Als das Spiel dann veröffentlicht wird, ist der Aufschrei groß. Die Server sind dem Ansturm nicht gewachsen, die Neuauflage des Klassikers weist große Mängel auf. Doch trotz aller Schwächen: Der fünfte Teil der Serie macht riesigen Spaß.

Einblicke in den Luxus-Stadtteil: Wenn das keine blühenden Landschaften sind.
Einblicke in den Luxus-Stadtteil: Wenn das keine blühenden Landschaften sind.(Foto: Maxis)

Die ersten Möbelwagen kommen um kurz nach halb neun. Sie bringen die Sofas, Schränke und Einbauküchen, die die ersten Einwohner in ihre bescheidenen Baracken tragen. Es kommt allmählich Leben in die Stadt. Die Stimmung ist fast euphorisch. Alles fängt so harmonisch an. Während der Westen der Stadt zum Mekka der Siedler wird, ziehe ich im Westen ein Industriegebiet hoch. Gammeltronic Foods, Rußunlimited, Donutbedarf – die Kreativität meiner Unternehmer kennt keine Grenzen. Meine Stadt braucht Jobs. Denn wer nicht arbeitet, kann auch keine Steuern bezahlen. Gegen Mittag hat Wildtaudien schon 500 Einwohner. Da lacht das Bürgermeisterherz. Aber die Aufgabenliste ist lang. Meine Stadt braucht: Feuerwehr, Schule, Polizei, Linienbusse, Parks und natürlich Touristen.

Falls Sie es bisher noch nicht erraten haben: Simcity, die Mutter aller Städtebau-Simulationen, ist zurück. 1989 erschien die erste Version, farbarm und optisch wenig anspruchsvoll, aber hochkomplex. In der Draufsicht legte der Spieler seine eigenen Städte an, verlegte spröde Planquadrate, die er als Wohn- und Industriegebiete ausweisen konnte. Dazu Kraftwerke, Polizei, Feuerwehr, Flughafen und Sportstadion - und das Mindestmaß an Zivilisation war erfüllt. Die Autos, die schwarzen Punkte, waren das Einzige, das sich auf der Karte richtig bewegte. Die Premiere von Simcity hatte ihren Reiz. Nie zuvor konnte sich der Spieler in einem Computerspiel so akribisch seine eigene Stadt aufbauen. Aber bei aller Nostalgie in der Rückschau: Dem, der zu lange auf den alten Röhrenbildschirm schaute, drohte schnell der Schwindel.

Wer will, kann bis tief hinab auf die Bürgersteige zoomen.
Wer will, kann bis tief hinab auf die Bürgersteige zoomen.(Foto: Maxis)

14 Jahre, vier Versionen und viele Generationen von Prozessor und Grafikleistung später hat sich am Spielprinzip wenig verändert, und doch ist die Neuauflage kaum wiederzuerkennen. Das neue Simcity ist kein Spielplatz mehr für Planer-Nerds ohne grafischen Anspruch. Wer erst einmal in alle Winkel seiner Stadt hineinzoomt, verliert sich schnell in den vielen liebevollen Details. Kaum erreicht ein Bus die Haltestelle, springen die wuseligen Sims heraus und laufen hinüber in das Einkaufzentrum. Einen Block weiter löscht ein Feuerwehrfahrzeug ein brennendes Wohnhaus. Im neuen Park mit der Riesenrutschte betteln die Obdachlosen eine junge Mutter an. Im Jahr 2013 entgeht dem Städtebauer nichts. Das neue Simcity ist ein Film, der einen gefangen nimmt und so schnell nicht wieder loslässt.

Sorgenonkel, Problemlöser, Schaulustiger

Über eine kleine Demonstration freut sich jeder Bürgermeister.
Über eine kleine Demonstration freut sich jeder Bürgermeister.(Foto: Maxis)

Aber wer meint, er könne sich entspannt zurücklehnen, ist der falsche Mann im Rathaus. Dass die Zeiten seit 1989 hektischer und schnelllebiger geworden sind, transportiert auch das Spiel. Denn der fünfte Teil des Strategie-Klassikers ist der pure Stress. Trotz eines ausgeklügelten Straßennetzes erliegt Wildtaudien schon bald dem Verkehrskollaps. Mitten im Stau stecken meine Feuerwehrautos, während tief im Westen mein halbes Industriegebiet in Flammen steht. Sims werden arbeitslos, können die Steuern nicht mehr zahlen, verlassen ihre Häuser und streunen durch die Straßen. Die öffentliche Kasse leert sich, die Steuereinnahmen sinken, vor dem Rathaus versammeln sich die Demonstranten. So fühlt sich wohl nur eine Krise an.

Als meine Stadt nach nur zweieinhalb Stunden Spielzeit stolze 70.000 Einwohner hat, ist aus der niedlichen Siedlung längst ein versmogter Moloch geworden. Verschiedene Statistiken und grafisch eingefärbte Stadtansichten zeigen mir, wo es klemmt. Die Bürger sind notorische Meckerköppe. Zu hohe Steuern, schlechte Luft, zu viel Müll oder Kriminalität – irgendwas sorgt in Wildtaudien immer für schlechte Laune. Ich bin: Sorgenonkel, Problemlöser, Bürgermeister, Städteplaner, Innensenator. Wahlweise auch Schaulustiger, der Meteoriten oder Riesenechsen auf seine Stadt loslassen kann. Ohne mich geht hier gar nichts.

Smog gibt's natürlich nur in ausgewiesenen Zonen.
Smog gibt's natürlich nur in ausgewiesenen Zonen.(Foto: Maxis)

Im Vergleich zu den vorherigen Teilen hat das neue Simcity einige Neuigkeiten im Gepäck: Erstmals bietet Hersteller Maxis eine echte 3D-Ansicht. Vor allem bei fortgeschrittener Spielzeit kann man die hübsche Skyline seiner Stadt bei wechselnden Tageszeiten und Wetterarten aus den verschiedensten Blickwinkeln bestaunen. So viel Ruß meine Fabriken auch in den Himmel pusten, der Stadt beim Wachsen und den Menschen beim Herumwuseln zuzuschauen, macht Spaß. Herzstück von Maxis runderneuerten Strategie-Klassiker ist aber der neue Mehrspielermodus. Auf verschiedenen Karten können bis zu 16 Spieler miteinander spielen und handeln. Ich kann dem Bürgermeister von nebenan meine überschüssige Kohle verkaufen. Dafür erspare ich mir den Bau einer Müllhalde und lasse meinen Abfall von den Müllmännern aus der Nachbarschaft leeren. Auch bei gemeinsamen Großprojekten, wie zum Beispiel den Bau eines internationalen Flughafens – BER lässt grüßen -, kann ich mit anderen Städten zusammenarbeiten. Kooperation ist nicht Pflicht, Offline-Spielen allerdings nicht möglich.

Touristenparadies oder Industriestadt?

Universitätsstadt oder Touristenmetropole? Dieser Bürgermeister hat sich für die Bildung entschieden.
Universitätsstadt oder Touristenmetropole? Dieser Bürgermeister hat sich für die Bildung entschieden.(Foto: Maxis)

Wer ein kleines schnuckliges Dörfchen bauen will, ist aber falsch im neuen Simcity. Das Spielprinzip erzieht den Bürgermeister zum gnadenlosen Kapitalisten. Wer Universitäten oder Wahrzeichen wie den Kölner Dom bauen will, braucht Wachstum. Erst wenn ich bestimmte Einwohnerzahlen übertreffe, vergrößert sich der Handlungsspielraum. Nach und nach kann ich mein Rathaus um Ressorts wie Tourismus-, Verkehrs- oder doch ein Bildungsministerium erweitern und neue Gebäudetypen freischalten. Wird Wildtaudien Touristenparadies oder Wirtschaftsstandort, setze ich auf Öko- oder Atomstrom, besteuere ich die Reichen höher als die Armen? Der Handlungsspielraum ist fast unerschöpflich.

Das hat einen Haken: Denn zum Ärger vieler Spieler hat Maxis die Karten arg verkleinert. Flugs ist das sehr überschaubare Areal zugebaut und ich muss ich einen Wohnblock abreißen, um Wildtaudien ein Stadion oder eine Messehalle zu spendieren. Ansonsten gilt: Sobald die Grundstückspreise steigen, werden aus den ollen Baracken Villen und Wolkenkratzer. Weil auf demselben Raum plötzlich Tausende Einwohner Platz haben, kann ich die Einwohnerzahl in die Hunderttausende schrauben. So viel Spaß das Städtebauen auch macht: Die kleinen Karten – im Internet schon als Simdorf verspottet - nerven. So ein richtiges Großstadtgefühl stellt sich deshalb, vor allem im Vergleich zu den vorherigen Teilen der Serie, nie ein.

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Das größte Handicap des neuen Simcity ist allerdings die Technik. Das Spiel muss über die Online-Plattform Origin aktiviert werden. Der Kopierschutz macht einen Weiterverkauf unmöglich. Ohne eine permanente Internetverbindung kann man gar nicht spielen. Laut Maxis kümmert sich der PC nur noch um die Grafik, der Rest wird von Servern synchronisiert und berechnet. Dem widersprach zuletzt jedoch ein Programmierer. "Die Server kümmern sich um keine Berechnungen für die Simulation der Städte. Sie vermitteln Nachrichten zwischen Städten und Spieler, speichern die Spielstände und solche Dinge. Mehr nicht", sagte er dem US-Blog "Rock, Paper, Shotgun".

Das Problem mit dem Speichern

Mir egal, ich will doch nur spielen – das denkt sich der geneigte Städtebauer. Wäre das Spielen über das Internet nicht die Ursache der schwerwiegendsten Schwächen des neuen Simcity. Beim Speichern, dieser vermeintlich einfachsten Option eines jeden Spiels, hat Maxis geschlampt. Einfach mal kurz Abspeichern und das Erreichte konservieren? Nein! Städte lassen sich nur beim Beenden des Spiels sichern. Ein Laden früherer Spielstände ist überhaupt nicht möglich. Und Vorsicht, es wird noch viel schlimmer.

Nicht nur lässt sich Simcity wegen überlasteten Servern manchmal gar nicht erst starten. Beim Beenden ihrer Spiele erleben die Computer-Bürgermeister häufig das, was jeder fürchtet. So endet die mehrstündige Sitzung gerne unerwartet mit dem Hinweis "Daten konnten nicht verarbeitet werden". Auch wenn ich das Spiel von mir aus beenden will, erwarten mich immer wieder böse Überraschungen. "Manche ihrer Städte sind nicht mit den Servern synchronisierbar", heißt es dann etwa zum Abschied. Tatsächlich ist ein Fortsetzen des Spiels auch nach dem Neustart oft nicht mehr möglich. Jetzt muss ich also komplett von vorne anfangen. Danke, Maxis! Ade Wildtaudien, du Perle der Industriekultur, es war schön mit dir.

Der Hersteller entschuldigte die technischen Schwächen schon Mitte März mit Serverproblemen und zeigte sich reuig. Simcity-Besitzer durften sich ein Gratisspiel herunterladen. Darunter ein alter Bekannter: der 10 Jahre alte 4. Teil der Serie. Welch Ironie. Das neue Simcity bezaubert und verärgert. Das Spiel mag in Teilen unfertig und verbesserungswürdig sein, doch am Ende siegt die Faszination: Städtebauen war nie so fesselnd wie im Jahr 2013. Den Menschen in Wildtaudien#2 geht es übrigens gut. Die Stadt hat inzwischen 250.000 Einwohner. Der Bürgermeister spielt es – trotz ständiger Panik vor neuen Daten-Pannen - bis zur Selbstverleugnung. Zum Meckern bleibt kaum Zeit, dafür gibt es einfach noch zu viel zu tun.

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Quelle: n-tv.de

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