Technik
Gemeinsam mit Wildfremden ein Fotoalbum vollknipsen. Das geht. Mit Color.
Gemeinsam mit Wildfremden ein Fotoalbum vollknipsen. Das geht. Mit Color.

Riesen-Anschub für Foto-App "Color": Die Farbe des Geldes

Von Thomas Leidel

Die Smartphone-App Color könnte "das nächste große Ding" werden. Eine rekordverdächtige Anschubfinanzierung lässt jedenfalls aufhorchen. Droht die nächste Tech-Blase? Zahlen wieder die Nutzer die Zeche? Und was sind "elastische Netzwerke"?

Erfolgsgeschichten in der Netzwelt gehen ja häufig so: Ein kontaktscheues Computergenie / ein paar junge Leute haben eine tolle / verrückte / geniale Idee,  fangen in einer Garage / dem Studentenheim / ihrem Schlafzimmer an zu werkeln, stellen ihren Klassenkameraden / Facebook-Freunden / auf Twitter ihren Prototypen vor, haben ungeahnten Erfolg und bekommen dann von Risikokapitalgebern die Millionen nur so hinterher geworfen, mit denen die dann ein hoch profitables Unternehmen aufziehen.

Das Foto-Handy wird zur Kontaktbörse.
Das Foto-Handy wird zur Kontaktbörse.

Bei "Color" ist  das etwas anders. Im Kern ist das zunächst einmal nur eine von vielen Smartphone-Apps ist, mit denen man Fotos aufnehmen, in die Cloud hochladen und mit anderen teilen kann. Color wird aber derzeit nicht wegen toller Bildqualität oder abgefahrenen Features bekannt. Für Aufsehen sorgt die Tatsache, dass der Dienst eine gigantische  Anschubfinanzierung erhielt: von 41 Millionen US-Dollar (rund 29 Millionen Euro) in der ersten Runde, berichtete das US-Fachblog TechCrunch.  25 Millionen Dollar davon kommen allein von Sequoia Capital, der Firma also, die einst Larry Page und Sergey Brin half (mit damals 12,5 Millionen US-Dollar), Google zu gründen – um nur das bekannteste Investment zu nennen.

Color-Chef verkaufte Lala an Steve Jobs

Nun geben Risikokapitalfirmen im Allgemeinen ihr Geld nicht irgendjemandem in die Hand. Der CEO von "Color", Bill Nguyen, hat immerhin den Musik-Streaming-Dienst "Lala" aufgebaut, den Apple 2009 kaufte (und ein Jahr später einstellte, um seinen Goldesel, den iTunes-Store, vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen. Aber das ist eine andere Geschichte. Nguyen beteuert, diesmal werde er sein "Baby" nicht aus der Hand geben.)

Fotos mit Wildfremden teilen

Womit aber überzeugte Nguyen die Investoren diesmal? Das eigentlich Neue an der App ist, dass man seine Schnappschüsse nicht mit seinen Freunden und Bekannten teilt, sondern mit anderen, im Zweifelsfall wildfremden Color-Nutzern, die sich gerade in der Nähe befinden. So wird aus  der Handy-Knipse eine Kontakt-Börse.

Kontaktbörse und Zeitmaschine

Und möglicherweise noch mehr: Wenn immer wieder mehrere Leute am gleichen Ort fotografieren und alle diese Bilder in einem riesigen Album gesammelt werden, entsteht daraus womöglich etwas Neues, ein Mosaik, ein Gedächtnis, eine Art Zeitmaschine dieses Ortes - und der Leben derer, die sich dort aufgehalten haben.

Aber warum sollte es so teuer sein, so eine App zu entwickeln? Gut, das Speichern großer Bildermengen kostet Geld. Richtig aufwändig ist aber, nach Nguyens Angaben, etwas anderes: dass nämlich nicht allein der globale Lokalisierungsdienst GPS verwendet wird, um unweite Gleichgesinnte zu finden, sondern zusätzlich ein eigens entwickeltes System, das auf einer ganzen Reihe von Parametern basiert – und im Alltag deutlich besser funktionieren soll, als GPS-Navis, die ja bekanntlich gerade in geschlossenen Räumen oft Probleme haben.

Datenschützer schreckensbleich

Die neue App greift sich offenbar alle verfügbaren Daten eines Smartphones – wie Umgebungsgeräusche, Lichtverhältnisse, Empfangsstärken von Mobilfunksignal und WLANs et cetera  - und gleicht diese mit den Informationen anderer Teilnehmer ab.

Fast überflüssig zu sagen, dass schon das jedem Datenschützer die Schreckensbleiche ins Gesicht treibt; Privatsphäre ist bei Color aber generell nicht vorgesehen. Dazu kommt, dass alle mit der App geschossenen Fotos laut Nutzungsbedingungen  Eigentum von Color werden. Aber: Facebook hat sich ja ebenfalls trotz ähnlich gelagerter Bedenken in relativ kurzer Zeit durchgesetzt.

"Game changer" elastische Netzwerke

Statt langweilig-statischer Freundeslisten soll bei Color ein „elastisches“ Netzwerk entstehen, das immer die aktiven Benutzer verbindet, die sich innerhalb eines bestimmten Umkreises befinden.  Sind es viele, werden sie danach eingestuft, ob und wie oft man schon mit ihnen zu tun hatte. Hier kommt der gute alte "social graph" ins Spiel. All die Daten zu erheben, zu übertragen, zu speichern und zu analysieren dürfte einige Ressourcen verschlingen. Und wozu?

Erfinder und Investoren sehen in "Color" einen potentiellen "game changer", eine Novität also, die möglicherweise  die Gewohnheiten der Generation Facebook auf den Kopf stellt. Immer nur in vermeintlicher Nähe mit den ewig gleichen Ex-Mitschülern oder Arbeitskollegen alleine vor dem Rechner abzuhängen war gestern. Jetzt schießt man einfach ein paar Fotos - und schließt Minuten später mit den anderen coolen Leuten aus der allernächsten Umgebung Bekanntschaft. So die Vision.

Zum Start erst mal Enttäuschung

Ob das klappt, hängt einmal mehr davon ab, ob es gelingt, schnell eine „kritische Masse“ von Mitmachern  zu begeistern. Zum Start enttäuschte die App viele Tester, weil sich – Überraschung! - einfach kein anderer Benutzer im – auf etwa 50 Meter festgelegten – Umkreis befand. So kommt natürlich wenig Freude auf. Die Programmierer bemühen sich nun, die Einstellungen so zu verändern, dass in Gebieten mit wenigen Technik-Begeisterten der Such-Radius automatisch vergrößert wird. Das entsprechende App-Update soll in einigen Tagen verfügbar sein. Am Geld für die Entwicklung sollte es eigentlich nicht mangeln.

Bleibt die Frage nach dem Geschäftsmodell. Doch die beantwortet sich mit einem Schlagwort, das derzeit die Fantasien der Tech-Investoren zu neuen Blüten treibt, fast von selbst: ortsbezogene Werbung. Das Potential der lokalen Schnäppchenangebote  ist riesig und lässt - etwa beim derzeitigen Marktführer Groupon - die Bewertungen in schwindelnde Höhen steigen. Leicht denkbar, dass künftig das Foto des aktuellen Tagesgerichts im Color-Album des gerade besuchten Lokals einem das Wasser im Munde zusammen laufen lässt - oder auch nicht.

Quelle: n-tv.de

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