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Diese Fragen stellen sich offensichtlich viele Deutsche.
Diese Fragen stellen sich offensichtlich viele Deutsche.

"Ist der Papst Jungfrau?": Google kennt die Frage

Von Jan Gänger

Das Internet findet auf fast jede Frage eine Antwort. Das ist aber nicht alles. Suchmaschinen wissen sogar, welche Fragen viele Nutzer stellen wollen. Das kann zwar durchaus hilfreich sein, führt aber oftmals zu merkwürdigen Ergebnissen.

"Wo leben Pinguine?", "Wer hat den Döner erfunden?" und "Hat Hitler den Krieg überlebt?" gehören offenbar zu den drängendsten Fragen, die sich Deutsche stellen – und auf die sie im Internet eine Antwort suchen. Suchmaschinen wie Google oder Microsofts Bing enthüllen ein bemerkenswertes Bild unserer Neugier. Denn sie zeigen nicht nur in ihrer Trefferliste an, wonach Menschen suchen. Sie nennen sogar die exakten Fragen, die Nutzer gemeinhin stellen.

Möglich wird das durch eine Funktion, die Google als "Autocomplete" und Microsoft als "Autosuggest" bezeichnet. Beginnt man, im Suchfeld eine Frage einzutippen, schlägt die Suchmaschine Ergänzungen vor. Sie versucht vorwegzunehmen, welche Frage man stellen will – auf Grundlage der Fragen, die andere Nutzer umtreiben.

War Napoleon schwul?

Das führt häufig zu überraschenden Resultaten. Wer bei Google beispielsweise "Ist Putin" eingibt, sieht unter anderem die Ergänzungsvorschläge "Ist Putin böse?", "Ist Putin geliftet?", "Ist Putin schwul?" oder "Ist Putin ein Illuminat?" Nicht nur beim russischen, sondern auch beim US-Präsidenten ist die sexuelle Orientierung erstaunlicherweise von großem Interesse. So wird nicht nur häufig gefragt, ob Obama Muslim, sondern auch, ob der Vater zweier Töchter homosexuell sei.

Bei der Frage "Ist Christian" enden bei Google sieben der zehn Vorschläge mit dem Wort "schwul". Ob jemand eine Leidenschaft für Männer hat, gehört zu den beliebtesten Fragen im Netz – egal, ob Schauspieler, Sportler oder Musiker. Das gilt selbst für Napoleon und Alexander den Großen. Bei Frauen interessiert regelmäßig, ob sie schwanger sind.

"Kollektives Interesse"

Googles Vorschläge basieren dem Konzern zufolge auf rein algorithmischen Faktoren, inklusive der Popularität der eingegebenen Suchbegriffe. "In manchen Fällen mögen die Vorschläge überraschend sein", so Google. "Doch nachdem Sie eine Zeit lang die Suche genutzt haben, dürften Sie feststellen, dass es sich tatsächlich um eine beliebte Frage handelt – aus Gründen, die Sie nicht erwartet haben."

"Ein wesentlicher Faktor ist, was die Mehrheit der Benutzer eingibt", sagt auch Microsoft-Sprecher Thomas Baumgärtner. "Wir wollen das kollektive Interesse im Internet widerspiegeln und dem Nutzer relevante Ergebnisse liefern." Dabei sei es so, dass nicht alle Nutzer das gleiche Ergebnis sehen. So spielen unter anderem die abgelegten Cookies, der Ort der Suchanfrage und die Tageszeit eine Rolle, wie Baumgärtner betont. "Im Großen und Ganzen werden aber ähnliche Vorschläge gemacht."

Das gilt auch für Googles Suchmaschine, die in Deutschland einen Marktanteil von weit mehr als 90 Prozent hat. Dort wird das simple Wort "hatte" mit "Jesus Geschwister", "Jesus eine Frau", "die DDR U-Boote" und "Hitler nur ein Ei" ergänzt.

Man mag darüber streiten, wie relevant das für einen persönlich ist. Doch viele Menschen wollen offensichtlich genau das wissen - darum werden die Vorschläge angezeigt. Das gilt auch für die Fragen, ob Männer treu, Schweine, mit schwanger, feige, alle gleich oder zurückgeblieben sind.

Ein Spiegel unser Gedanken

Die Vervollständigungsfunktion zeigt: Wer eine Suchmaschine nutzt, vertraut sich ihr an. Die vermeintliche Anonymität des Internets wiegt uns dazu so sehr in Sicherheit, dass wir uns trauen, alles zu fragen.

Das zeigt sich an Vorurteilen und Stereotypen. Wer "warum sind Amerikaner" ins Google-Suchfeld eintippt, bekommt Vorschläge wie "so fett" und "so dumm" zu sehen. Warum sind Chinesen "so dünn" und "so schlau?" Und warum Deutsche "Rassisten", "so dumm" und "so hässlich?" Und warum Franzosen "so arrogrant?"

Bei "Warum sind Juden" bietet Google allerdings keine Vorschläge an, um die Frage zu vervollständigen - wenn man sie auf Deutsch stellt. Warum das so ist, sagt Google nicht. Eine entsprechende Anfrage blieb von der Pressestelle unbeantwortet. Stellt man die Frage auf Englisch oder Französisch, bleiben einem antisemitische Klischees nicht erspart.

Google und Bing spiegeln das wider, wonach viele Menschen suchen - und was sie denken. Das ist interessant, rührend, schön, erheiternd und gelegentlich auch bizarr. Und manchmal erschreckend.

Quelle: n-tv.de

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