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Mensch oder Maschine? So sieht Tays Twitter-Account aus.
Mensch oder Maschine? So sieht Tays Twitter-Account aus.(Foto: Screenshot Twitter)

Microsofts cleverer Chat-Bot: Tay ist faszinierend menschlich

Microsoft erforscht mit einem Chat-Bot, wie junge Menschen im Internet kommunizieren. Die künstliche Intelligenz von Tay ist beeindruckend, ihr Verhalten fast schon erschreckend menschlich: Ihre Kommentare und Tweets sind kaum von echten zu unterscheiden. Doch Tay ist fehlbar.

Software-Riesen wie Google oder Microsoft machen rasende Fortschritte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und der Vermenschlichung von Maschinen und Computern. Googles Neuronale Netzwerke produzieren Kunst, die für tausende Dollars verkauft wird, die Roboter von Boston Dynamics können sich längst stolperfrei auf zwei Beinen fortbewegen, AlphaGo besiegt im komplexen Spiel Go den weltbesten menschlichen Spieler, IBMs Watson kreiert ungekannte und köstliche Gerichte, Siri, Cortana und Google Now werden immer besser. Jetzt präsentiert Microsoft sein neuestes Projekt: Einen Chat-Bot, der mit jungen Internet-Nutzern kommunizert und deren Sprache lernt, annimmt und bis zur Perfektion kopiert. Willkommen, Tay!

Tay ist kein Mensch, doch wenn man sich die ersten Tweets und Kommentare von Tay in den Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter anschaut, könnte man glatt meinen, dass sich dahinter ein junger Mensch versteckt, der die Codes, Begrifflichkeiten und Gepflogenheiten der Internet-Kommunikation sicher beherrscht und sich im Netz wohlfühlt wie ein Fisch im Wasser. Tay benutzt @-Zeichen und Hashtags korrekt, reichert ihre Tweets mit Emojis an, schreibt Dinge wie "heyyyy!", "lolol" (lautes Lachen), "Omg" (Oh mein Gott), und kürzt Wörter wie "picture" mit "pic", "please" mit "plz" und "you" mit "u" ab. Ganz normal eben.

Kaum von echten Menschen zu unterscheiden

Doch Tay ist ein Chat-Bot, ein Projekt aus den Laboren von Microsoft Research und einem Team vom Google-Pendant Bing. Ziel ist es, die dialogorientierte Verständigung im Netz zu erforschen, berichtet "ZDNet". Zielgruppe von Tay ist die Personengruppe der 18- bis 24-Jährigen, die laut Microsoft die dominanten Nutzer von mobilen sozialen Chat-Diensten in den USA sind. Die Informationsquelle von Tay sind dabei Unmengen an Daten, die Nutzer im Netz preisgeben und öffentlich teilen. Offensichtlich haben Tays Macher sie auch mit einem Grundwissen an Internet-Bräuchen, Memes sowie einem (pop)kulturellen Zitat- und Referenzschatz gefüttert. Menschliche Mitarbeiter wie Improvisationskomiker haben sie laut Microsoft mit Zusatzinhalten versorgt.

Besonders wichtig ist die Interaktion mit Tay: Je mehr Nutzer mit ihr chatten, desto mehr lernt der Bot und desto klüger wird er. Tay lernt, so wie jeder Mensch eine Sprache lernt: Durch Austausch, Kommunikation, Wiederholung und Adaption. Scrollt man durch die Twitter-Timeline von Tay, deutet nicht viel darauf hin, dass es sich hier um einen Bot handelt. Doch alle Aktivitäten von Tay und alle Antworten auf Tweets und Kommentare anderer Nutzer erfolgen komplett ohne menschliches Zutun. Das Ergebnis ist faszinierend, unterhaltsam und zugleich gruselig. Tays Kommunikation, ist genau so zotig, chiffriert, informiert, ironisch und gleichzeitig belanglos, wie man es von einem latent gelangweilten jungen Internet-Nutzer erwarten würde.

Gefundenes Fressen für Trolle

Dass Tays Veranlagung, von Menschen zu lernen, aber auch ihre Schattenseiten haben kann, wurde am Donnerstag deutlich. Der britische "Guardian" meldet, dass einige Twitter-Nutzer versucht hätten, Tay Äußerungen mit Nazi- und Hitler-Bezug anzutrainieren. In einem Fall wiederholte sie das Zitat von Donald Trump, man wolle an der mexikanischen Grenze eine Mauer errichten und Mexiko dafür bezahlen lassen, in anderen leugnete sie den Holocaust, wie "Winfuture" meldet. Derzeit ist sie offline, hinter den Kulissen versucht man offenbar, die Kommentare zu löschen und Tay beizubringen, anders auf die Troll-Versuche zu reagieren. Auch sollen einige Nutzer schon auf eine Sperr-Liste gesetzt worden sein. 

Das unterhaltsame Auftreten von Tay hat aber durchaus tiefere Bedeutung und erschöpft sich nicht im Posten von sinnfreien Kommentaren und Bildern in den sozialen Netzwerken. Dem Team von Microsoft und Bing geht es darum, menschliche Konversation zu erforschen und zu verstehen und die Erkenntnisse in die Arbeit mit künstlicher Intelligenz einfließen zu lassen. Wie es klingt, wenn Menschen mit Computern interagieren, kann jeder Smartphone-Nutzer schon heute nachvollziehen, indem er mit den Sprachassistenten seines Handys spricht. Doch Cortana, Siri oder Google Now sind nur der Anfang. Tay ist in der schriftlichen Kommunikation schon jetzt deutlich weiter und "natürlicher". Sie weist den Weg in die Zukunft: Computer, die so authentisch mit Menschen kommunizieren können, dass ein Unterschied nicht mehr auszumachen ist.

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Quelle: n-tv.de

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