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Gesellschaft Leute: Familienkrach im Hause Wettin

Dresden (dpa) - Prestige und Verbindungen ersetzen Reichsapfel und Krone: Im einstigen sächsischen Herrscherhaus geht es fast 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie nicht mehr um den Thron.

Dennoch verspricht die Chefposition im Haus Wettin Macht in der Familie sowie Anerkennung in der Gesellschaft. Nach dem Tod von Markgraf Maria Emanuel im Juli vertritt Alexander Prinz von Sachsen das Haus Wettin in der Öffentlichkeit und hält Kontakt zu anderen Adelshäusern.

Der Hauschef repräsentiert das Haus nach außen, ist Verhandlungs- und Gesprächspartner etwa für die sächsische Landesregierung, erklärt der Leiter des Deutschen Adelsarchivs in Marburg, Christoph Franke. «Er entscheidet etwa, was mit den Kunstgegenständen passiert.» Die Rückforderungen von Kunstgut - Möbel, Porzellan, Gemälde und Pretiosen - schmälerten zuletzt die Beliebtheit der Wettiner im Freistaat. Die Uneinigkeit der Erbengemeinschaften erschwerte schon 1999 die Rückgabe von Eigentum.

Nach dem Tod der zerstrittenen Brüder Maria Emanuel und Albert setzt sich der Zwist nun mit Alexander und Rüdiger fort, deren Großväter Brüder und die Söhne des letzten Königs waren. Alexander setzt die Markgrafenschaft fort. Aber auch Rüdiger sieht sich als rechtmäßiger Erbe der Spitzenposition.

Der Stammsitz Burg Wettin bei Halle (Sachsen-Anhalt) gab dem Adelsgeschlecht im 11. Jahrhundert den Namen. Als Friedrich August III. 1918 abdankte, hatten die Wettiner gut 800 Jahre über Sachsen geherrscht, seit 1806 als Könige. Der Sammelleidenschaft der Kurfürsten im 18. und 19. Jahrhundert verdankt Dresden seine Museen und die Barockbauten. Bei der Fürstenabfindung 1924 erhielten die später von den Nazis Verfolgten Kunstschätze und Immobilien; nach 1945 wurden sie von der Sowjetunion enteignet.

Das Haus Wettin sei den berühmten Fürstenhäusern ebenbürtig, sagt Adelsarchiv-Leiter Franke. «Es gehört wie Hohenzollern, Preußen, Hannover, Württemberg oder Bayern zur ersten Abteilung». Aus der Dynastie gingen einst europäische Herrscher hervor. Auch Queen Elizabeth II. und König Albert II. von Belgien sind wettinischer Abstammung. Mit dem Tod von Albert im Oktober waren die männlichen Enkel des letzten sächsischen Königs Friedrich August III. jedoch kinderlos gestorben.

Markgraf Maria Emanuel hatte aber 1997 seinen damals in Mexiko lebenden Neffen Alexander adoptiert und zum Nachfolger bestimmt. «Ich akzeptiere ihn nicht als Hauschef», sagt Rüdiger und pocht darauf, dass er im Gegensatz zu Alexander in direkter männlicher Linie vom letzten König abstammt. Daher hatte der Sohn von Königsenkel Timo - einem Cousin von Maria Emanuel und Albert - seinen Anspruch kurz nach dem Ableben von Albert deutlich öffentlich artikuliert. «Ich kann mir aber auch meinen Ältesten als Hauschef vorstellen», räumt er ein.

Sohn Daniel agiert moderater, kritisiert im Nachhinein aber auch die vor 15 Jahren getroffene Nachfolgeregelung. «Damals war nur ein Teil der Familie eingeladen, sechs von elf Zustimmenden und damit die Mehrheit haben später widerrufen», berichtet er. In der Regel werde der Erstgeborene Nachfolger seines Vaters und wenn nicht, dann der nächstgeborene Bruder des Hauschefs, erklärt er. Danach wäre Albert nach seinem Bruder Markgraf gewesen.

«Die Frage der Nachfolge ist 1997 rechtlich endgültig gelöst worden», sagt ein mit der Materie vertrauter Jurist. Eine solche Zustimmung könne nicht einfach zurückgenommen werden. Rechtlich gebe es also keine Zweifel an der Position von Alexander. Der will die Familie «in Frieden einen», und ist mit der nächsten Generation im Gespräch. Prinz Daniel strebt auch eine Demokratisierung an. «Ziel ist, alle in Einklang zu bringen, die zum Haus Wettin gehören wollen.» In die Großfamilie sollten auch die Frauen gleichberechtigt eingebunden werden.

Bleibt die Frage der Führungspersönlichkeit. «Sie sollte nicht nach alten Grundsätzen und von der noch konfliktbelasteten Vätergeneration ausgewählt werden», betont Daniel. Während sein Zweig eine Existenz in Sachsen aufgebaut hat, verließ Alexander den Freistaat nach acht Jahren, in denen er zeitweise für die Regierung arbeitete, gen Amerika. Er sieht in Zeiten des Internets keine ständige Präsenzpflicht: «Für die Rolle, die die Wettiner vielleicht einmal in aller Normalität hier spielen werden, kann man sich in einer einigen Familie öffentliche Verpflichtungen auch aufteilen.»

Quelle: n-tv.de