Wirtschaft
787-Inspektion in Takamatsu: Ein FAA-Experte (3.v.l.) sieht das Dreamliner-Problem zum ersten Mal aus nächster Nähe.
787-Inspektion in Takamatsu: Ein FAA-Experte (3.v.l.) sieht das Dreamliner-Problem zum ersten Mal aus nächster Nähe.(Foto: REUTERS)

Defekte Dreamliner in aller Welt: Jet-Experten landen in Japan

Für Boeing und alle Dreamliner-Kunden tickt die Uhr: Mit jedem Tag, an dem die prestigeträchtigen Passagierjets vom Typ 787 am Boden bleiben müssen, schwillt der wirtschaftlich Schaden weiter an. Aus Australien geht eine Stornierung ein. US-Spezialisten erreichen unterdessen eine der in der Provinz gestrandeten Maschinen.

Geparkt und versiegelt wartet eine Boeing 787 der All Nippon Airways (ANA) auf dem Boeing-Werksflughafen in Everett auf das Urteil der Experten.
Geparkt und versiegelt wartet eine Boeing 787 der All Nippon Airways (ANA) auf dem Boeing-Werksflughafen in Everett auf das Urteil der Experten.(Foto: REUTERS)

Die Entscheidung der Aufsichtsbehörden, den weltweit 50 Passagierflugzeugen vom Typ Boeing 787 "Dreamliner" bis auf weiteres die Betriebserlaubnis zu entziehen, reißt in der Planung der betroffenen Fluggesellschaften große Lücken. In Japan kommt es bereits zu ersten Ausfällen im Flugverkehr: Weil dem japanische Boeing-Kunden All Nippon Airways (ANA) Ersatzmaschinen in ausreichender Anzahl fehlen, musste die Fluggesellschaft allein für das anstehende Wochenende Dutzende Flüge ersatzlos streichen.

Nach dem jüngsten Zwischenfall mit einem Dreamliner aus der ANA-Flotte gilt ein vorläufiges Flugverbot für alle Flugzeuge der Modellreihe 787. Bislang ist nicht abzusehen, bis wann die behördlich verordnete Zwangspause andauern wird. Der Flugplan sei bereits überarbeitet, teilte die japanische Airline mit. Kurzfristig auftretende Lücken waren jedoch offenbar selbst durch die Anforderung von Chartermaschinen nicht zu vermeiden.

Insgesamt 7100 Passagiere seien von dem Ausfall von 44 Inlands- und acht internationalen Flügen betroffen, erklärte ein ANA-Sprecher. All Nippon Airways war der erste Kunde, an den Boeing das Langstreckenflugzeug auslieferte und ist mit bislang 17 Dreamlinern in der Flotte besonders stark betroffen.

In der Provinz gestrandet

Nach der Notlandung einer 787 am Mittwoch hatten ANA und Japan Airlines (JAL) zunächst aus eigener Verantwortung heraus einen vorläufigen Betriebsstopp für all ihre Dreamliner angekündigt. Kurz darauf hatte die US-Luftfahrtbehörde FAA wegen weiterer Zwischenfälle mit schmorenden Batterien an Bord von Dreamlinern ein Flugverbot für alle 50 weltweit im Einsatz befindlichen Maschinen angeordnet.

Weil die betroffenen Dreamliner nun nicht mehr auf dem Luftweg bewegt werden dürfen, müssen die Gutachter für ihre Untersuchungen zu den liegengebliebenen Maschinen reisen. Spezialisten der verschiedenen an den Untersuchungen beteiligten Behörden schwärmten nach dem Flugverbot in alle Himmelsrichtungen aus, um die Aufklärung der Vorfälle voranzutreiben. Hektischer Reisebetrieb herrscht auch bei Boeing und den zahlreichen betroffenen Luftfahrtzulieferern. Sie alle haben ein dringliches Interesse, so schnell wie möglich die Ursachen für die verschiedenen Schwierigkeiten zu finden.

Besonderes im Mittelpunkt steht dabei eine 787 der ANA, bei der es am Mittwoch zu einem der gefürchteten Batteriebrände gekommen war und die nach einer Notlandung auf dem Flughafen der südwestjapanischen Stadt Takamatsu in Parkposition steht. Am Freitag schließlich trafen vier US-Spezialisten zur Untersuchung des defekten Flugzeugs vor Ort auf dem japanischen Regionalflughafen ein.

Unbeweglicher Pannenvogel

Aus der Maschine sei bereits die fragliche Lithium-Ionen-Batterie ausgebaut worden, um sie zu untersuchen, sagte ein Sprecher der japanischen Luftfahrtbehörde. Die Maschine hatte am Mittwoch wegen durch die Batterie verursachter Rauch- und Geruchsentwicklung an Bord notlanden müssen. Die japanischen Ermittler veröffentlichten ein Foto der schwarzen, verkohlten Batterie, deren blaue Ummantelung Brandspuren aufweist. Zudem ist der Austritt einer schwarzen Flüssigkeit zu erkennen, die allem Anschein nach überkochte.

Offensichtlich mehr als nur ein Imageproblem: Die Hautbatterie der in Takamatsu gestrandeten ANA-Boeing.
Offensichtlich mehr als nur ein Imageproblem: Die Hautbatterie der in Takamatsu gestrandeten ANA-Boeing.(Foto: AP)

Die Fachleute der Unfalluntersuchungsbehörde NTSB, der Luftverkehrsbehörde FAA und von Boeing selbst konnten erst mit zwei Tagen Verspätung die in Takamatsu abgestellte ANA-Maschine begutachten. Die Batterien des besonders leichten Langstreckenflugzeuges werden von der japanischen Firma GS Yuasa hergestellt, die ebenfalls Techniker nach Takamatsu schickte.

"Teil des gesamten Systems"

Boeing baut Lithium-Ionen-Batterien ein, weil sie leichter und leistungsfähiger sind als herkömmliche Nickel-Cadmium-Batterien. Die Entwicklung des aus Leichtmaterial gebauten und damit treibstoffsparenden Dreamliners war als Meilenstein in der Luftfahrt gefeiert worden. Die Lithium-Ionen-Batterien können sich jedoch unter ungünstigen Bedingungen stark erhitzen und schlimmstenfalls Feuer fangen.

Ein GS-Yuasa-Sprecher sagte, der Akku werde verunglimpft. "Aber er funktioniert nur als Teil des gesamten Systems." Man wolle herausfinden, wo genau der Fehler gelegen habe. Die japanischen Unfallermittler von der Behörde JTSB wollen die Untersuchung des Akkus nach eigenen Angaben innerhalb einer Woche abschließen.

Qantas storniert einen Dreamliner

Die australische Fluggesellschaft Qantas zog am Freitag entgegen ersten Ankündigungen die Bestellung eines Dreamliners zurück. An der Order von 14 weiteren Maschinen halte die Fluggesellschaft aber fest, hieß es aus Sydney. Andere Fluggesellschaften erwägen bereits Schadenersatzforderungen an den US-Flugzeugbauer.

Wann die Flieger wieder starten können, bleibt unterdessen weiter offen. ANA und der heimische Konkurrent Japan Airlines haben insgesamt 24 Dreamliner in ihren Flotten. Damit ist Japan der wichtigste Markt. Boeing hat bei dem Projekt schon länger mit Verspätungen, Kostensteigerungen und technischen Problemen zu kämpfen. Der Konzern hält den Typ nach eigenem Bekunden dennoch für sicher.

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Quelle: n-tv.de

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