Wirtschaft
Riesige Solaranlagen (hier eine im spanischen Andalusien) sollen in Nordafrika entstehen.
Riesige Solaranlagen (hier eine im spanischen Andalusien) sollen in Nordafrika entstehen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ehrgeizige Ziele: Afrika treibt Wüstenstromprojekt allein voran

Im Projekt zur Energieversorgung mit Solarstrom aus der Wüste geben nicht länger die Europäer das Tempo an. Die Schrittmacher kommen aus den Ländern südlich des Mittelmeers. Sie machen auf eigene Faust weiter. Die Versorgung Europas spielt bestenfalls noch eine untergeordnete Rolle.

Die Vision elektrisiert: Bis 2050 will Europa rund 15 Prozent seines Strombedarfs aus Nordafrika importieren. Die dortige Sonnenintensität soll es möglich machen. Die Region selbst will sich sogar nahezu vollständig allein versorgen. Etliche namhafte Unternehmen lassen sich begeistern. Doch seit den Anfangstagen hat der Elan merklich nachgelassenen. Die Euphorie ist verflogen, und die Front der Unterstützer bröckelt.

Zuletzt trennten sich die Stiftung Desertec und das Industriekonsortium Dii, das die Vision umsetzen soll. Grund seien "unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten bezüglich der zukünftigen Strategie". Hinzu kommen inzwischen die mancherorts unsicheren politischen Bedingungen. Obendrein ist Strom in Europa aktuell vergleichsweise preiswert - unter anderem weil gerade südeuropäische Länder in teils schweren Wirtschaftskrisen sind und entsprechend weniger Energie verbrauchen.

Baustelle einer Anlage in Beni Mathar im Jahr 2009.
Baustelle einer Anlage in Beni Mathar im Jahr 2009.(Foto: Reuters)

Neuer Schwung könnte das Wüstenstromprojekt nun ausgerechnet von dort erhalten, wo die Energie produziert werden soll - Nordafrika. So will Marokko bis 2020 ungefähr 40 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen. "Wir wollen ein grünes Land werden", kündigte Energieminister Abdelkader Amara laut "Süddeutscher Zeitung" in Rabat an. In der marokkanischen Hauptstadt treffen sich derzeit Experten der Länder Algerien, Tunesien Ägypten und Marokko zur vierten Dii-Konferenz.

Deutschland beteiligt sich

Neun Milliarden Dollar will Marokko laut dem Bericht in die Hand nehmen. Der "Plan Solaire Maroccain" sieht Photovoltaik-Werke an fünf Standorten auf einer Fläche von 10.000 Hektar vor. Weiteres Geld fließt in Wasser- und Windkraftanlagen. Inzwischen ist die Bauphase erreicht - im Frühjahr wurde in Ouar­za­zate der Grundstein für das weltweit größte Solarkraftwerk gelegt. Die Anlagen sollen einmal knapp 500 Megawatt liefern. Mit rund 115 Millionen Euro beteiligt sich die Bun­des­re­gie­rung an der Fi­nan­zie­rung - 110 Millionen Euro davon entfallen auf ein zins­ver­bil­ligtes Dar­lehen.

Derzeit leben etwa 33 Millionen Menschen in Marokko. Bis 2050 könnten es bis zu 40 Millionen sein. Laut Dii stammte die Energieversorgung 2010 zu 70 Prozent aus fossilien Energieträgern. Doch die besitzt das Land gar nicht. Letztlich müssen deutlich mehr als 90 Prozent des Energiebedarfs durch Importe von Öl, Gas und Kohle gedeckt werden.

Windpark Dhar Saadane.
Windpark Dhar Saadane.(Foto: REUTERS)

Der marokkanische Solarplan sieht vor, dass bis 2020 Solaranlagen mit einer Leistung von zwei Gigawatt in Betrieb genommen werden. Zum Vergleich: In Deutschland entsprachen die Ende vergangenen Jahres installierten knapp 1,3 Millionen Photovoltaikanlagen einer Leistung von rund 32,4 Gigawatt. Ebenfalls zwei Gigawatt soll 2020 in Marokko jeweils die Kapazität von Wind- und Wasserkraftwerken betragen. Damit ließen sich laut Deutscher Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit gut neun Millionen Haushalte versorgen.

Algerien will sich Gas-Abhängigkeit lösen

Algerien mit seinen inzwischen knapp 38 Millionen Einwohnern deckte laut Dii 2010 seine Energieversorgung zu 93 Prozent über Gas. Ein Aktionsplan des Landes aus dem selben Jahr sehe die Installation von Anlagen im Bereich der erneuerbaren Energien mit einer Leistung von mehr als 22 Gigawatt bis 2030 vor. Fast die Hälfte des erzeugten Stroms soll exportiert werden. Letztlich könnten gut 40 Prozent des Verbrauchs aus erneuerbaren Energien gedeckt werden.

Die Initiative Dii war 2009 von Konzernen wie RWE, Eon, ABB, Deutscher Bank und Munich Re gegründet. Die Desertec-Foundation war bis Mitte 2013 Mitglied. Bis 2050 sollten insgesamt 400 Milliarden Euro investiert werden. Allerdings kehrten Branchengrößen wie Bosch und Siemens dem Projekt inzwischen den Rücken. Zu den Gesellschaftern gehören noch immer unter anderem die Deutsche Bank, Eon, RWE und Schott Solar.

Nach Ansicht des Dii wird sich die Kapazität erneuerbarer Energien im Nahen Osten und Nordafrika bis 2015 von 1,7 auf 3,3 Gigawatt nahezu verdoppeln. Für Marokko prognostiziert das Konsortium sogar eine Verdreifachung auf 1,7 Gigawatt bis 2015.

Die Dii sieht sich inzwischen selbst nicht länger als eine zeitgebundene Projektinitiative, sondern will sich zu einer auf Dauer angelegten Industrieorganisation entwickeln. Dabei soll die Wüstenstrom-Idee in die Realität überführt werden.

Dii initiiert Projektfonds

Neuester Schritt dabei ist das Projekt Redimena - Renewable Energy Development and Investment Vehicle for MENA. Dieses soll mit einem Risikokapital von bis zu vier Millionen Euro Projekte in die Bauphase überführen. Mithilfe einer Machbarkeitsstudie würden nun Investoren gesucht, die das Projekt mit einem Volumen von 30 Millionen Euro ausstatten.

Der jüngste Dii-Aktionsplan "Desert Power: Getting Started" sieht vor, dass erneuerbare Energien bis 2030 im Strommix von Nordafrika, dem Nahen Osten und Europa 55 Prozent ausmachen könnten. Für 2050 hält es die Initiative sogar für möglich, dass fossile Energieträger nur noch eine Rolle als Reserve spielen und erneuerbare Energien mit über 90 Prozent endgültig die tragende Säule der Stromversorgung seien.

Quelle: n-tv.de

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