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Bankgeschäfte im Umbruch: Jürgen Fitschen und Anshu Jain.
Bankgeschäfte im Umbruch: Jürgen Fitschen und Anshu Jain.(Foto: picture alliance / dpa)

Zwei Männer, eine Liste voller Probleme: Aktionäre eilen zur Deutschen Bank

Knapp ein Jahr nach dem Ackermann-Abschied wollen es die Aktionäre wissen: Was hat die neue Doppelspitze der Deutschen Bank bisher geleistet? Wie sieht es mit dem versprochenen "Kulturwandel" aus? Zum ersten Mal müssen Jain und Fitschen in einer regulären Hauptversammlung für ihre eigene "Performance" geradestehen.

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Der Führungsspitze der Deutschen Bank droht fast genau ein Jahr nach ihrem Amtsantritt eine ungemütliche Hauptversammlung. Vor dem großen Aktionärstreffen in Frankfurt reißt die Kritik nicht ab. Die Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen haben mit ihrem Versprechen, einen "Kulturwandel" bei dem Weltkonzern voranzutreiben, selbst die Messlatte hoch gelegt.

"Wir müssen alles tun, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen", bekräftigte Aufsichtsratschef Paul Achleitner im Vorfeld der ordentlichen Hauptversammlung. "Wir arbeiten alles auf, was falsch gelaufen ist."

Gegenwind aus den Reihen der Aktionäre ist sicher, und das gleich bei einem ganzen Fächer an Themen: Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) fordert eine Überprüfung von Sonderzahlungen. "Banker sollten ihre Boni zurückzahlen müssen, wenn sich Geschäfte als verlustreich herausgestellt haben. Das gilt nicht nur für Mitarbeiter in der zweiten Reihe, sondern auch für Vorstände", sagte DSW-Vertreter Klaus Nieding. "Es gehört zum Kulturwandel dazu, dass man diese Geschäfte im Nachhinein auf den Prüfstand stellt."

Bergbau, Palmöl, Nahrung, Rüstung

Nichtregierungsorganisationen wie Urgewald und Oxfam stellten Jain und Fitschen bereits am Tag vor der Aktionärsversammlung ein "Armutszeugnis" aus: "Der von der neuen Führungsspitze versprochene Kulturwandel hin zu einer auch ethisch und ökologisch verantwortlich agierenden Bank findet nicht statt", erklärte Barbara Happe von Urgewald.

Die doppelte Hauptversammlung

Nach einer Niederlage vor Gericht musste die Deutsche Bank reagieren: Wenige Wochen vor dem regulären Aktionärstreffen Ende Mai lud sie ihre Aktionäre am 11. April zu einer außerordentlichen Hauptversammlung nach Frankfurt, um ihnen einige Beschlüsse aus dem Vorjahr zur erneuten Abstimmung vorzulegen.

Der Hintergrund: Das Landgericht Frankfurt hatte im Dezember die Wahlen zum Aufsichtsrat, die Wahl des Abschlussprüfers und die Verwendung des Gewinns 2011 kassiert. Das Rederecht eines Aktionärs bei der Hauptversammlung im Mai 2012 sei zu Unrecht beschnitten worden, urteilten die Richter. Die Bank ging in Berufung, setzte aber dennoch eine außerordentliche Versammlung an - die erste in der Nachkriegsgeschichte der Bank.

"Um die notwendige Rechtssicherheit zu schaffen und zu gewährleisten, dass die Bank ihre nächste reguläre Hauptversammlung wie geplant am 23. Mai 2013 durchführen kann, hat sich der Vorstand der Deutschen Bank zu diesem Schritt entschlossen", teilte die Deutsche Bank mit.

In der Hauptversammlung wollen zudem weitere Vertreter von Nicht-Regierungsorganisationen zum Mikrofon greifen. Angekündigt haben sich zum Beispiel Sprecher von "Friends of the Earth", "Catapa", "Global Witness" oder der "Aktion Aufschrei" gegen den internationalen Waffenhandel.

Die Bandbreite der kritisierten Geschäfte reicht von der Finanzierung von Großprojekten aus den Bereichen Bergbau und Palmöl-Plantagen über Landrechtskonflikte bis hin zu den seit jeher besonders heiklen - und lukrativen - Rüstungsgeschäften. Vor dem Veranstaltungsort, der Frankfurter Festhalle, sind verschiedene Protestaktionen angekündigt.

Scharfe Blicke in den Aufsichtsrat

Medienberichten zufolge wollen auf dem Aktionärstreffen gleich mehrere einflussreiche Investorenvertreter gegen langjährige Kontrolleure vorgehen. Besonders im Fokus steht der frühere SAP-Chef Henning Kagermann. Das "Handelsblatt" hatte berichtet, die mächtige US-Aktionärsberatung ISS kritisiere, dass Kagermann bereits seit 13 Jahren im Kontrollgremium der Bank sitze und ihm damit die nötige Unabhängigkeit fehle. Deshalb empfehlen die Berater, Kagermann nicht erneut in den Aufsichtsrat zu wählen.

Bei der Lufthansa hatte die US-Beratungsgesellschaft Institutional Shareholder Services (ISS) kürzlich um ein Haar die Wahl von Ex-Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber zum Aufsichtsratsvorsitzenden verhindert.

Die Hauptversammlung an diesem Donnerstag ist nicht der erste Auftritt des neuen Führungsteams um Jain/Fitschen vor den versammelten Anteilseignern: Im April sah sich der Dax-Konzern bereits zu einer außerordentlichen Hauptversammlung gezwungen, um erfolgreich angefochtene Beschlüsse des Aktionärstreffens 2012 wasserdicht zu machen. Doch die jetzt anberaumte Hauptversammlung ist die erste, bei der es ausschließlich um die eigene "Performance" der beiden Co-Chefs geht.

Neuland für die Deutsche Bank

Sich zufrieden zurücklehnen und einfach nur zuhören können die beiden Co-Chefs ganz sicher nicht: Die gesamte Branche befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Neue, verschärfte Regeln engen den Spielraum ein, das Bankgeschäft soll stabiler und vor allem krisenfest werden. Bald schon könnte das Trennbanken-Gesetz in Kraft treten. Noch ist unklar, ob und wie international operierende Banken unter den neuen Rahmenbedingungen an frühere Ertragsstärken anknüpfen können. Auch hier werden Aktionäre Antworten verlangen.

Seit Monaten macht der Deutschen Bank eine Mischung aus Gewinneinbrüchen, offenen Konzernbaustellen und eine Serie an Gerichtsprozessen schwer zu schaffen. Jain und Fitschen begegnen der widrigen Großwetterlage mit demonstrativer Zuversicht: Noch im laufenden Jahr könnte die deutsche Bankenbranche die große Trendwende nach der Finanz- und Wirtschaftskrise schaffen, verkündete Jain Ende April. Bei der Deutschen Bank selbst sei der "Hungermarsch" vorbei.

Deutsche Bank in Zahlen
  • Aktie: ISIN DE0005140008
  • Anteil der Privatanleger am Grundkapital: 25 Prozent
  • Anteil des in Deutschland gehaltenen Grundkapitals: 45 Prozent
  • Größter Einzelaktionär: Blackrock mit 5,14 Prozent
  • Bilanzsumme: 2,012 Billionen Euro
  • Gewinn 2012: 291 Mio. Euro
  • Filialen: 2984, davon 1944 in Deutschland
  • Mitarbeiter: 98.219, davon rund 46.300 in Deutschland

(Quellen: vwd, Unternehmensangaben, Stichtag 31.12.2012)

Wie es nun tatsächlich um die Deutsche Bank steht - und welche Pläne das Haus verfolgt, um sich unter den künftig geltenden Rahmenbedingungen wirtschaftlich erfolgreich zurechtzufinden -, das werden die beiden Ackermann-Nachfolger nun Großinvestoren und Kleinanlegern genauestens erklären müssen.

Ein Bank versucht, sich zu verändern

Bisher fallen die sichtbaren Zeichen des großen Wandels mager aus: Die Bank stellte eine Beauftragte für Fragen guter Unternehmensführung ein und ließ eine externe Kommission das Vergütungssystem unter die Lupe nehmen. Selbst der Slogan "Passion to perform"/"Leistung aus Leidenschaft" steht angeblich auf dem Prüfstand.

Dennoch: Ein Schwergewicht wie die Deutsche Bank mit ihren weltweit knapp 97.800 Vollzeitkräften (Stand: Ende März 2013) lässt sich nicht über Nacht auf einen neuen Kurs ausrichten, das weiß auch Fitschen. "Kulturwandel ist etwas sehr Wichtiges, aber auch etwas noch sehr Vages", zitierte ihn das "Handelsblatt" Anfang Mai.

Seit Fitschen zuletzt auch das Präsidentenamt beim Bundesverband deutscher Banken (BdB) übernahm, tritt er als Sprachrohr der Branche auf - wie einst sein Vorgänger Josef Ackermann. An die Adresse der europäischen Währungshüter etwa richtete er ungewohnt deutliche Kritik: "Die billige Liquidität von der Zentralbank ist nicht gesund."

Nur Schatten der Vergangenheit?

In den vergangenen Monaten kamen Fitschens deutliche Worte nicht immer gut an. Nach einer Steuerrazzia zwei Wochen vor Weihnachten beschwerte sich der Banker bei Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier über die aus seiner Sicht "überzogene" Aktion - und sah sich kurz darauf zu einer öffentlichen Entschuldigung genötigt. 500 Fahnder hatten wegen Steuerermittlungen beim Handel mit Luftverschmutzungsrechten (CO2-Zertifikate) auch die Frankfurter Zentrale der Bank durchsucht.

Mehr Transparenz der Bank wünschte sich mancher Parlamentarier in der Aufklärung eines weiteren Skandals: Der Manipulation des Libor, jenem von Großbanken festgelegten Zinssatz, der als Maßstab für Geldgeschäfte in Billionenhöhe dient. Der Bundestags-Finanzausschuss wollte im November Anshu Jain zur Verwicklung der Deutschen Bank befragen - schließlich fielen fragliche Deals in seinen Geschäftsbereich. Doch die Bank schickte Rechtsvorstand Stephan Leithner - und Jain musste dafür eine öffentliche Rüge von Vorgänger Ackermann einstecken.

Viele Beobachter meinen jedoch, gerade der vom angelsächsischen Investmentbanking geprägte Jain sei der Richtige für Veränderungen. Der Manager zeigt sich geläutert und sagt, er habe seine Lehren aus den wilden Zeiten vor der Finanzkrise gezogen. Jain könnte Investmentbankern den "Kulturwandel" vorleben.

Zugleich jedoch hat die neue Führungsspitze der Deutschen Bank immer klar gestellt: Das größte deutsche Geldhaus will weiterhin in der internationalen Spitzengruppe mitspielen - gerade auch im Investmentbanking. Die Voraussetzungen dafür hat die Bank geschaffen und die vergleichsweise dünne Kapitaldecke deutlich aufgepolstert.

Hinweis: Zur ordentlichen Hauptversammlung lädt die Deutsche Bank in die Festhalle der Messe Frankfurt. Die Veranstaltung beginnt um 10.00 Uhr. Die offizielle Tagesordnung gibt es hier.

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Quelle: n-tv.de

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