Wirtschaft
Daumen hoch: Der neue Siemens-Chef Joe Kaeser sieht optimistisch in die Zukunft.
Daumen hoch: Der neue Siemens-Chef Joe Kaeser sieht optimistisch in die Zukunft.(Foto: picture alliance / dpa)

Kaesers erster Tag als Siemens-Chef: Aktionärsschützer rügen "unwürdige Posse"

Der Chefwechsel bei Siemens ist durch, aber die Kritik hält an: Die "unwürdige Posse vor den Augen der Welt" sei nicht im Interesse der Anteilseigner gewesen, beanstanden die Aktionärsschützer der DSW. Sie soll ein Nachspiel haben. Auch ein Großinvestor äußert sich kritisch. Ein Dorn im Auge bleibt Aufsichtsratschef Cromme.

Auch nach dem Amtsantritt des neuen Siemens-Chefs Joe Kaeser reißt die Kritik an dem chaotischen Führungswechsel bei Deutschlands größtem Elektrokonzern nicht ab. Aktionärsschützer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) wollen das Thema bei der nächsten Hauptversammlung noch einmal auf Tapet heben und dabei auch die Rolle des Aufsichtsrats klären.

"Deutschlands führender Technologiekonzern hat sich vor den Augen der Welt eine unwürdige Posse geleistet. Das war auf keinen Fall im Sinne der Anteilseigner", sagte DSW-Hauptgeschäftsführer, Marc Tüngler, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Es könne nicht richtig sein, "dass einzelne Ratsmitglieder sich öffentlich erklären, als seien sie unbeteiligte Dritte, die den Siemens Konzern von außen betrachten".

Persönliche Interessen im Vordergrund

Die Protagonisten des Führungsstreits hätten die Interessen des Konzerns aus dem Blick verloren, kritisierte der Aktionärsschützer weiter. In dem Streit und auch in der Art der Kommunikation sei es "vor  allem um persönliche Interessen und Eitelkeiten" gegangen. Die nun einsetzende Ruhe – nach der Ablösung von Peter Löscher - dürfe nicht vergessen lassen, welche Rolle der  Aufsichtsrat und vor allem der Präsidialausschuss beim dem Streit gespielt hätten.

Die Wahl des bisherigen Finanzvorstands Joe Kaeser zum neuen Vorstandsvorsitzenden begrüßte der DSW-Hauptgeschäftsführer. "Wenn das jetzt wieder Ruhe in das Unternehmen bringt, ist das die richtige Lösung", sagte er der "NOZ". DSW-Sprecherin Daniela Bergdolt hatte Anfang der Woche den Rücktritt des Siemens-Aufsichtsratschefs Gerhard Cromme gefordert. Nur mit einem Wechsel auf den Chefsesseln von Vorstand und  Aufsichtsrat habe Siemens wirklich die Möglichkeit für einen Neuanfang, sagte sie der "Welt".

Die Frage nach guter Unternehmensführung

Am Vortag hatte der Siemens-Aufsichtsrat nach tagelangem Hickhack Kaeser zum Nachfolger des bisherigen Konzernchefs Peter Löscher ernannt. Der Österreicher war über eine Serie von Misserfolgen und zuletzt eine neuerliche Gewinnwarnung gestürzt. Im Zuge des turbulenten Führungswechsels gab es auch Spekulationen um ein Machtgerangel im Siemens-Aufsichtsrat, der unter der Führung von Gerhard Cromme steht.

Auch der Siemens-Großinvestor Union Investment sieht das Vorgehen bei Löschers Ablösung kritisch, selbst wenn es rein formaljuristisch nicht zu beanstanden gewesen sei. Zum einen sei zwischen der ersten Information des Unternehmens über die geplanten Personalien am späten Samstagabend bis zum endgültigen Aufsichtsratsbeschluss am Mittwoch zu viel Zeit vergangen, kritisierte Ingo Speich, bei Union Investment zuständig für Fragen der guten Unternehmensführung. Zum anderen seien Informationen aus dem Kontrollgremium nach außen gedrungen. "Was wir kritisieren, ist der Ablauf und die mangelnde Vertraulichkeit des Aufsichtsrates. Das schadet dem Unternehmen und damit letztendlich dem Aktionär."

Kaesers erklärtes Ziel ist es nun, den Konzern erst einmal wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen. Dies habe "höchste Priorität", hatte der Manager am Vortag erklärt. Es gehe ihm vor allem um die Beruhigung des von immer neuen Sparrunden verschreckten Konzerns. Renditen und neue Umbauprogramme hätten keine Priorität. Kaeser warb dabei um das Vertrauen der Beschäftigten. "Mensch und Marge" müssten bei Siemens im Einklang stehen. "Marge ist wichtig, weil ohne Gewinn kann man nicht investieren. Diese Gewinne erarbeitet man mit den Menschen, insofern ist Beides wichtig."

Rendite ist nicht das Wichtigste?

Eine ernstzunehmende Alternative zu Kaeser gab es beim Wechsel an der Spitze nicht, aber nicht alle Beobachter sind überzeugt, dass er diese auch erfüllen kann. "Innerhalb des Vorstands war er wahrscheinlich der beste Kandidat für die Rolle. Er ist anerkannt für seine Erfolge bei Portfoliobereinigung und dem Sparprogramm", lobte Analyst Gael de-Bray von der Societe Generale. "Die Umsetzung des Programms war allerdings relativ langsam und die Probleme bei der Projektumsetzung fressen sich weiterhin in die Bilanz. Das legt nahe, dass die Risikokontrolle gestärkt werden muss."

Die Experten der Deutschen Bank fordern von Kaeser eine Verschlankung des Technologieriesen. "Es ist an der Zeit, mit den unfertigen Geschäftsfelder abzuschließen. Obwohl Siemens in den letzten zehn Jahren fokussierter und profitabler geworden ist, gibt es noch viele offene Flanken. Wir denken, Siemens orientiert sich immer noch zu stark am Wachstum und ist zu mannigfaltig. Wir hoffen, dass der neue CEO beide Probleme angeht."

Kaeser hat ein "Umsetzungsproblem"

Skeptisch äußerte sich auch ein Fondsmanger, dessen Haus zu den zehn größten Investoren bei Siemens gehört: "Er ist für alle bisher getroffenen Entscheidungen mitverantwortlich." "Siemens hat ein Umsetzungsproblem, ich denke nicht, dass sich daran etwas ändert. Kaeser ist ein guter Zahlenmann, aber ich glaube nicht, dass er der richtige Typ dafür ist, um die Welt zu fliegen, Hände zu schütteln und Verträge zu schließen." Die Zuversicht scheint gedämpft. Auf längere Sicht müsse Kaeser erst noch beweisen, ob er auch der Mann sein kann, der Siemens mit einer strategischen Vision zu neuen Ufern führt.

Manche halten den schwelenden Konflikt im Aufsichtsrat um den umstrittenen Chefkontrolleur Gerhard Cromme für eine zu schwere Hypothek. "Cromme muss gehen. Nur dann kann sich Siemens erfolgreich neu erfinden", sagte ein anderer Fondsmanager.

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Quelle: n-tv.de

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